Ausstellung in Köln: „Architekturteilchen“

Die Zukunft des Fertighauses ist kristallin

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Dem Plattenbau hängt trotz aller Aufpolierungsversuche bis heute das Image monotoner Wohndiscounter nach. Das dahinter stehende Bauprinzip indes ist gerade gefragter denn je. Die Schlagworte Baukasten und Modularität haben nicht nur im Automobilbau wieder Konjunktur.

Vor allem Spanien fiel vor der lähmenden Schuldenkrise durch ausgeprägtes Teilchenbewusstsein auf. Während Barcelonas Gourmets auf molekulare Bausteine setzten, zogen die Bewohner von Sevilla das Bauen in Modulen vor. Im Fall ihres ein Jahr jungen Wahrzeichens handelt es sich um 3000 Holzelemente, die sich zu einer atemberaubenden Struktur zusammenfügen. Das Modell der kostengünstigen Pilzungetüme, die der Berliner Architekt Jürgen Mayer für die Plaza de la Encarnación in der Altstadt entworfen hat, fällt im langläufigen Untergeschoss des Kölner Museums für Angewandte Kunst sogleich ins Auge. Die geschnitzte Wucherung könnte auf jeder Kunstmesse problemlos als biomorphe Skulptur durchgehen. Entstanden ist sie allerdings wegen der komplizierten technischen Anforderungen am Computer. Seit einem Jahr schwebt ihre 5.000 Quadratmeter große Schwester über dem ehemaligen Marktplatz. Dass die mit Klebstoff befestigten Fremdkörper als bewegliche Sonnenschirme gedacht sind, erschließt sich zwar nicht auf Anhieb. Aber der gitterartige Schatten, den die „Parasoles“ spenden, muss wahrlich ein Schauspiel abgeben, zumal unter den Riesenschirmen auf mehreren Ebenen ein Museum Platz findet, eine Markthalle und ein Restaurant. Selbst das Dach dient als Flaniermeile und dankbares Luftbildmotiv.

Das spektakuläre „Metropol Parasol“ ist ein klug gewählter Einstieg. Unter dem Titel „Architekturteilchen“ gibt es entlang von Fotos, Animationen, Zeichnungen, Filmdokumentationen und immer wieder Modellentwürfen die Gelegenheit zu einer historischen Zeitreise, von der Vergangenheit erster Fertigteile bis zu Baukastenspielen beim virtuellen Planen am Bildschirm.

Das Ur-Baumodul verortet die von Aysin Ipekçi kuratierte Schau in Ziegelsteinen, die schon in der Jungsteinzeit zum Einsatz kamen. Dass bereits die Griechen mit ihren Tempelsäulen auf das Recycling erprobter Steinformate schwörten, lässt sich als Vorahnung der römischen Betonteile lesen, die später im Zusammenspiel mit Eisenblech und Stahl das Bauen von Eisenbrücken oder Wolkenkratzern ermöglichten.

Das durch die Ölkrise ausgebremste Baumaterial Kunststoff bekommt im zweiten Stock seinen großen Auftritt. Eine Plastikinsel aus Legosteinen breitet sich auf dem Boden aus und erinnert an das Wohnsystem „Casanova“, das während der Olympischen Spiele von 1972 aus aufeinander abgestimmten Zelleinheiten errichtet wurde.    

Die finale Abteilung widmet sich der Zukunft, die im Fall des „Nagakin Capsule Towers“ bereits Anfang der 70er-Jahre Einzug hielt. 140 vorfabrizierte Quaderkapseln – jede beinhaltet ein Büro oder eine Wohnung – häufen sich rund um eine turmartige Hängvorrichtung zu 13 Stockwerken an, ein Prinzip, das der Architekt Kisho Kurokawa für ganze Städte im Sinn hatte. Sein Wunschtraum blieb unerfüllt, inzwischen verfällt das grandios klotzige Einzelstück. Intergalaktischer fällt da schon die „Crystal Mesh“ Fassade in Singapur aus. Entwickelt hat die Installation das Berliner Büro „realities:united“ aus kristallinen Lichtmodulen, die das Shoppingcenter beim Einbruch der Nacht in eine buchstäblich bewegende Blinkskulptur verwandeln.

Da soll einer noch sagen, Gebäude könnten nicht mit ihrer Umgebung kommunizieren. Für diese energetische Poesie gibt man gerne den Teilchenversteher ab.

Museum für angewandte Kunst, Köln, bis 19. August 2012

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