Neue Räume der Sammlung Haubrok

Hier kegelte das Zentralkomitee

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Axel Haubrok nestelt an einem Bund mit ungefähr 30 Schlüsseln, bis der richtige passt und die Metalltür aufgeht. In einer ehemaligen Werkhalle zeigt er seit April Teile seiner Sammlung, von Luc Tuymans bis Wolfgang Tillmans. Wir befinden uns im tiefen Osten Berlins, umzingelt von Riegeln aus Plattenbauten, eingekreist von Werkstätten, Großhändlern, Tankstellen und Autowaschanlagen.

Der Bezirk, wenn auch nur wenige Kilometer vom Alexanderplatz entfernt, liegt weit abseits der Berliner Kunstachsen – noch. Zur Eröffnung kamen schon 3500 Besucher. Haubroks Engagement geht über die übliche Zwischennutzung von Industriebrachen hinaus: Er hat Anfang des Jahres einen ganzen Werkhof, die ehemalige „Fahrbereitschaft“ des Ministerrats der DDR, gekauft und auch einen Großteil der Mieter wie Autolackierer und Bühnenbildner übernommen. Nur ein paar russischen Schraubern, von denen keiner mehr wusste, wem die halben Wagen auf dem Hof gehörten, hat er gekündigt.

„Es muss eine Mischung sein und soll nicht extra auf ‚jung‘ und auf ‚Kunst‘ getrimmt werden“, sagt der Sammler, dem seine letzte Adresse am Strausberger Platz zu langweilig wurde. Noch ist nicht alles vermietet, es gibt kein finales Konzept für die vielen verschieden großen Räume in den einzelnen Häusern. Eventuell wird noch gebaut. Haubrok verständigt sich oft mit dem Architekten Arno Brandlhuber, der in der Nähe ebenfalls ein Projekt plant (siehe Monopol 04/2013) und dessen Büro die bisherigen vorsichtigen Einbauten betreut hat.

Rechnet sich das für ihn überhaupt? „Sicher“, sagt Haubrok, er vermiete schließlich. Doch das Areal müsse er nicht bis aufs Letzte ausquetschen, er könne auf eine gesunde, vielseitige Zusammensetzung der Mieter achten und habe vor allem keine Eile. Gibt es für ihn – Alarmbegriff Gentrifizierung – Grenzen bei der Vermietung? „Laufen Sie mal die Herzbergstraße rauf und runter“, sagt der Experte für Investor-Relations und lacht. „Bis hier mal Comme des Garçons eröffnet, dauert es noch Jahre!“ Gegenüber liegt der vietnamesische Großmarkt Dong-Xuan-Center, nebenan eine Jet-Tankstelle.

Trotzdem, die Künstler sind schon längst in Lichtenberg. In einer ehemaligen Margarinefabrik in Sichtweite haben mehr als 200 ihre Ateliers. Wohnraum ist in der „Fahrbereitschaft“ tabu, das Areal ist als Gewerbegebiet ausgewiesen. Das spricht jedoch nicht gegen Leben: Der Künstler Dennis Loesch, Mitbegründer der schon legendären „Freitagsküche“ in Frankfurt, ist mit seinem Atelier neu eingezogen. „Wenn der hier mal kocht, finde ich das gut“, sagt Haubrok, der sich auch Verlage oder Fotostudios als weitere Mieter gut vorstellen kann. „Aber es geht nicht um die Immobilie.“

Die vielen Räume, darunter eine gespenstisch gut erhaltene Kegelbahn, außerdem Sauna- und Massageräume der DDR-Fahrbereitschaft und eine noch original möblierte Bar, sollen nicht sofort auf Nutzungen festgelegt werden. So können die Kunstkooperationen des Sammlers, der sich auf konzeptuelle Positionen konzentriert, auf dem gesamten Gelände stattfinden.

„Wenn ein Künstler in einem bestimmten Raum eine Installation machen will, dann bekommt er den.“ Für den September, zur Berlin Art Week, ist genau das geplant: Die zeitzeugenhaften Räume werden nicht nur Schauplatz, sondern auch Gegenstand einer künstlerischen Auseinandersetzung. Dass es eine politische Arbeit werden wird, verrät Axel Haubrok, Namen nennt er noch nicht.

Sammlung Haubrok in der „Fahrbereitschaft“, Herzbergstraße 40/43, Führungen nach Vereinbarung

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