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"Eurotopians" von Johanna Diehl und Niklas Maak

Perspektiven für das Bauen von morgen

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Die guten alten Wohnideen der "Eurotopians" weisen auf die Architektur der Zukunft

Häuser zum Aufblasen. Betonkugeln im Wald. Kreisförmige Grundrisse. Wohn-Archipele aus stumpfen und spitzen Winkeln. Abenteuerlich schräge Böden. So baut man nicht, jedenfalls nicht heute. Und ist denn nicht alles in bester Ordnung in der zeitgenössischen Architektur? Oder sind wir einem fatalen Gewöhnungseffekt anheimgefallen, in rechtwinkligen Schachteln hockend, die wir für normal halten, weil der Wohnbau in Konventionen erstarrt ist?

Mit ihrem Projekt "Eurotopians" erinnern die Künstlerin Johanna Diehl und der Publizist Niklas Maak an den Aufbruch der 60er- und 70er-Jahre. Maak porträtiert acht nonkonformistische Architekten dieser Zeit und ihre Ideen, Diehl hat die Gebäude fotografiert. Renovierte Architektur ist kaum zu sehen, eine Ausnahme bildet die 1967 von Cini Boeri entworfene Casa Bunker mit Mittelmeerblick, in die man sofort einziehen möchte. Ansonsten werden die Bildstrecken von bemoostem Beton, Ruinen und Leerstand dominiert. Diehls atmosphärisch dichte Fotos machen sichtbar, was Maak mit "Archäologie der Zukunft" umschreibt: Das utopische Potenzial dieser Architektur liegt brach. Doch die Ideen von Antti Lovag, Dante Bini oder Claude Parent zeigen Perspektiven für das Bauen von morgen auf.
Immer mehr Menschen werden in die Ballungsräume ziehen. Arbeit wird knapper werden, sodass "weniger effizienzgesteuerte Formen des Zusammenlebens" (Maak) organisiert werden müssen.

Gegenentwürfe findet man im Buch. So schuf die Französin Renée Gailhoustet für den Pariser Vorort Ivry-sur-Seine 140 Sozialwohnungen in einer begrünten Terrassenstruktur. Als Architektin ist sie heute fast vergessen, im Gegensatz zu ihrem Kollegen – und zeitweiligen Geliebten – Jean Renaudie, der mit seinen Wohnpyramiden nebenan zum weltberühmten Stadtbauvisionär avancierte. Vor Zaha Hadid nahm die Fachwelt Architektinnen praktisch nicht wahr, führt Maak aus – und entreißt mit der Italienerin Cini Boeri, als Designerin allerdings legendär, noch eine Wohnbau-Utopikerin dem Vergessen.

Die Reihe der Porträts beginnt mit Yona Friedman, 1923 in Budapest geboren. Johanna Diehl fotografierte seine mit Souvenirs und bunt-fantastischen Modellen vollgestopfte Pariser Wohnung, die mehr an ein Künstleratelier erinnert. Friedman hat fast nichts gebaut, trotzdem wird er im Buch als einflussreicher "Architekturdenker" gewürdigt. Andererseits kommen Praktiker vor wie der deutsche Ingenieur Hans Walter Müller, dessen aufblasbare Häuser – er lebt seit 1968 selbst in einem "Inflatable" – die Möglichkeiten mobiler Architektur aufzeigen. Künstler wie Tomás Saraceno, Architekturbüros wie Raumlabor haben Müllers Ideen in jüngster Zeit aufgegriffen. Ein Leitmotiv: Mit den Konzepten der Utopiker wurden andere berühmt. So war es bei Yona Friedman, dessen Ideen auf den Weltausstellungen 1967 und 2000 realisiert wurden. Ebenso führt Maak Ryue Nishizawas gefeiertes Moriyama House in Tokio auf Cini Boeris Idee zurück, ein Gebäude als kleines Dorf zu gestalten.

Sieht man von Urheberfragen einmal ab, werden kluge Konzepte dann und wann immerhin gebaut. Dass Europas Städte von ideenreicher Wohnarchitektur überquellen, lässt sich indes nicht behaupten. Wir sollten die "Eurotopians" ernst nehmen und die nächste Experimentierphase einleiten.  

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