Parodie auf soziale Medien

Cindy Sherman ist jetzt auf Instagram – na und?

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Cindy Sherman, Meisterin der Selbstinszenierung und eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Welt, ist auf Instagram aktiv. Cool oder uncool?

Am 24. Mai hat der amerikanische Magnum-Fotograf Alec Soth ein Selfie-Video mit folgender Bildunterschrift geteilt: "Something about Twin Peaks being back on TV and Cindy Sherman being on Instagram --- @misterfriedas_mom @twinpeaks". Mir ist vor lauter Schreck fast das Smartphone aus der Hand gefallen.

Something about Twin Peaks being back on TV and Cindy Sherman being on Instagram ---@misterfriedas_mom @twinpeaks

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Jetzt muss man wissen, dass Alec Soth gerne Witze auf Instagram macht. Das Medium nutzt er wie ein amerikanischer Teenager, der zeigen möchte, dass er Instagram verstanden hat, aber dann doch zu cool ist, es wirklich ernst zu nehmen. Cindy Sherman ist auf Instagram – darüber macht man keine Witze. Wenn man Alec Soth ist vielleicht doch? Ihrem Account @misterfriedas_mom folgte ich jedenfalls sofort. Was es dort zu sehen gibt: Selfies, Familie, Essen, Selfies, Selfies, Tiere, Alltag, Selfies und Selfies. Instagram halt. Die Selfies wurden offenbar zum Teil mit der App "YouCam Makeup" gemacht und sehen aus, wie der Albtraum eines jeden amerikanischen Teenagers, der Instagram nutzt, um aus sich eine Marke zu machen.

Pushing her luck

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Vor ein paar Tagen dann auf "artnet" die Meldung, dass Cindy Sherman auf Instagram und ihr Profil vor einiger Zeit von privat auf öffentlich umgestellt worden sei. Der Account-Name jetzt: @_cindysherman_. Und minütlich ein paar hundert Follower mehr, denn die internationale Presse berichtet und überschlägt sich. "Is Cindy Sherman using Instagram to make new work?", fragt "artnet". Wie Richard Prince und Stephen Shore?

"Wer den Instagram-Account durchscrollt, hat das Gefühl, einer ganzen Armee von mädchenhaften Narzisstinnen zu begegnen", schreibt Catrin Lorch in der "Süddeutschen Zeitung". "Cindy Sherman's newly public Instagram is a surprise, 600-piece online exhibit. Free art show today, folks!", heißt es bei
"The Verge"
. "Cindy Sherman's Instagram account may be the best art exhibition of 2017", titelt "Salon". Öhm ja – NEIN!

Klar, geil, dass Cindy Sherman offenbar auf Instagram ist. So geil aber nun auch wieder nicht, weil: zu berechenbar, zu sehr Klischee, was sie dort zeigt. Catrin Lorch weiter in der "SZ": "Unterläuft der Bilderstrom nun das Œuvre? Nein: Denn gerade weil das künstlerische Werk viele Elemente der sozialen Medien und der weiblichen Inszenierung antizipiert hat, ist der Effekt so überwältigend." Oder auch nicht, beziehungsweise: Wenn nicht Cindy Sherman die Absenderin wäre, 63 und eine der erfolgreichsten und teuersten Künstlerinnen der Welt, würde man beim Durchscrollen laut gähnen, denn hier wird plötzlich gar nichts mehr antizipiert, es wird nicht provoziert, sondern nur noch mitgespielt.

Hospital food #nofilterhaha

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"Hospital food #nofilterhaha", steht in der Bildunterschrift. Das ist von Cindy Sherman kommend natürlich maximal lustig, weil sie so genau weiß, wie Selbstinszenierung auf Instagram funktioniert: #foodporn, #nofilter, unappetittliches Krankenhausessen, haha, da würde auch kein Filter mehr helfen. Das ist aber eben auch, was jeder mal dort postet, Witze über Filter, Food Porn und Selfies.

Das alles ist völlig okay, nur rechtfertigt das die Ausflipperei des Kunstbetriebs? Jerry Saltz twitterte beispielsweise:

 

Jerry Saltz war wohl der erste namhafte Kunstkritiker, der Instagram und Selfies nicht einfach als Seuche niedergeschrieben hat. Gut, da kann man sich mal freuen, dass endlich jemand wie Cindy Sherman auf Instagram aktiv ist und das Medium künstlerisch nutzt.  

Sherman provozierte in der Vergangenheit mit ihren Selbstinszenierungen, sie verkleidete und schminkte sich, schlüpfte in verschiedene Rollen. Jetzt nutzt sie dafür Apps, sie verwendet Filter und Sticker, ist noch näher dran am Gesicht. Entfremdung, Künstlichkeit, Schönheitsideale in den sozialen Medien, das sind auf Instagram auch keine neuen Themen. Neu, also relativ neu ist dort nur Cindy Sherman.

Ist Instagram endlich cool und entwertet nicht mehr nur die Fotografie? Werden Selfies und Filter jetzt vom Kunstbetrieb akzeptiert? Oder hat Cindy Sherman Instagram für Fotografen und Künstler kaputt gemacht, weil es jetzt nur noch heißen wird "wie Cindy Sherman"?

Wenn Cindy Sherman weitermacht, werden wir Antworten auf diese Fragen bekommen. Derweil haben wir einfach ein bisschen Geduld, vielleicht fällt ihr ja bald etwas Neues ein.

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