Previous Next

Fotograf Danny Lyon in Berlin

"Alles, was ich mache, handelt von dem Kampf, frei zu sein"

ANZEIGE

Danny Lyon, der romantische Revolutionär der sozialen Fotografie, feiert eine Retrospektive bei C/O Berlin

Wenn heute mitten in Deutschland bei einem Gipfeltreffen unbescholtene Journalisten auf schwarze Listen geraten, die dann von anderen Journalisten fotografiert werden, und die Regierung nichts daran findet, mag man an Danny Lyon denken.

Der heute 75-jährige Fotograf erzählt gerne davon, wie er sich 1967 während der Vietnamkriegsproteste gemeinsam mit Norman Mailer mit Absicht verhaften ließ, um Bilder von den Mitgefangenen zu machen. Herausgeschmuggelt, erreichten sie über die Magnum-Agentur dann europäische Zeitungen. In den US-amerikanischen Medien war der Krieg noch kein großes Thema. Doch die Presse war ohnehin nicht das bevorzugte Medium dieses einflussreichen politischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Es war das Fotobuch, das Lyon alle Autonomie sicherte, die seinem lebenslangen Thema, dem Freiheitsdrang, entsprach.

Der Sohn jüdischer Eltern aus Queens studierte in Chicago Geschichte, als er sich der Bürgerrechtsbewegung anschloss. So entdeckte er mit 20 Jahren die Fotografie. 1968 erschien sein erstes Fotobuch „The Bikeriders“, ein etwa DIN-A5-großes Paperback über die Subkultur der Motorradfahrer. Im Genrekino hatte diese erste breite Jugendkulturbewegung der Nachkriegszeit ihren Niederschlag in Filmen wie "Der Wilde" mit Marlon Brando gefunden, Kenneth Anger feierte sie in seinem Avantgardefilm "Scorpio Rising". Nun aber veränderte sich die Szene sichtbar unter dem Auge der Medien und der Ägide neuer Gesetze. "Würde 'Der Wilde' heute gedreht, müssten Marlon Brando und der Black Rebel Motorcycle Club einen Helm tragen", schrieb Lyon im Vorwort.

Erst viel später wurden die intimen Aufnahmen der Szene, der sich Lyon selbst angeschlossen hatte und die er vom Halbstarken-Image der Medien lösen wollte, zu Klassikern. 1970 waren die Bücher zur Makulatur freigegeben, Lyon kaufte eine Kiste für 16 Cent das Stück. "Mein Vater sagte: 'Wer kauft denn eine Kiste mit seinen eigenen Büchern?'"“ Für heutige Fotobuch-Historiker wie Martin Parr und Gerry Badger aber repräsentierte Lyon mit "The Bikeriders" eine neue Art von Fotografen, "eine Kombination aus Augenzeuge und Teilnehmer. Er verkörperte die Idee des Rebellen mit der Kamera, der Fotograf, der eine Outsider-Community dokumentiert."

1969 erschien Lyons wegweisender politischer Fotoband "The Destruction of Lower Manhattan", der dokumentierte, wie das alte Manhattan den Bodenspekulanten zum Opfer fiel; ein bitterer Nachtrag zu Berenice Abbotts enzyklopädischer Chronik "Changing New York".

Sein Meisterwerk "Conversations with the Dead" schuf Lyon 1971 auf Einladung des texanischen Justizministers George Beto in sechs verschiedenen Haftanstalten. Es gibt wohl kaum respektvollere Bilder vom Leben hinter Gittern. Das Vertrauen, das sich Lyon beim monatelangen Umgang mit den Häftlingen erwarb, läuft nicht Gefahr, die Entrechtung der Menschen noch einmal durch die Kameralinse zu verstärken. Dafür spürt man mitunter einen leichten Ausdruck wehmütiger Überhöhung in Aufnahmen aus der Untersicht.

Wieder versagte sich Lyon den materiellen Verlockungen breiter journalistischer Öffentlichkeit. "Wenn ich schon so hart arbeitete, mein Leben riskierte, mein erwachtes Gewissen und meine Zeit auf eine einzige Sache konzen­trierte, nämlich Bilder zu machen, wie könnte ich diese dann jemand anderem geben, um sie auszusuchen, zu arrangieren, zu beschneiden und, schlimmer noch, mit Worten zu versehen, die nicht meine eigenen wären?", fragte er 2014 die Gäste eines Fotoseminars des Magazins "National Geographic".

 

Die Konsequenz, mit der Lyon, der auch als Dokumentarfilmer arbeitet, seine Unabhängigkeit schützt, brachte ihn der Kunstwelt näher als dem Fotojournalismus. Allerdings ist auch die für Lyon mit Vorsicht zu genießen: "Überlegt euch gut, ob ihr euch da hinwünschen wollt. Es ist die Kunstwelt, die die Nägel eingeschlagen hat in den Sarg der Fotografie." Doch hört man Lyon zu, der auch seine politischen Bilder stets im Kontext seiner eigenen Lebenserzählungen präsentiert, kann man in ihm auch nichts anderes sehen als einen Künstler, so kompromisslos, wie es nur je einen gegeben hat.

Danny Lyon hat bis heute nichts von seiner politischen Radikalität eingebüßt, er lobt Edward Snowden und die Protestkultur der Gegenwart. "Die Öffentlichkeit erklärt heute die 60er-Jahre für erledigt, was lächerlich ist. Denn damals war unsere amerikanische Revolution. Man sagt heute: die 60er, all diese Gewalt, Chaos, Aufruhr. Und die Medien machen Occupy herunter, selbst Bürgerrechtler sagen, die hätten kein Programm, oder sie hielten sich nicht, oder sie bewirkten nichts. Nichts davon stimmt. Veränderungen brauchen Zeit."

Mit seinen langen weißen Haaren erinnert er manchmal an David Crosby, den Maverick der Countrymusik. Vielleicht weil er nie vergisst, die romantische Seite seines Realismus zu betonen. "Ich habe mich immer als Realisten betrachtet, jemanden, der alles aus der Wirklichkeit nimmt. Ich bin auch ein tiefer Romantiker. Was ich mache, sind Träume und Visionen, und schon deshalb ist die einzige Realität, auf die ich höre, die in meinem Kopf ... Alles, was ich mache, handelt von dem Kampf, frei zu sein. Und die erste Person, die frei sein muss, bin ich."

Drucken

Zurück zur Übersicht

Weitere Artikel aus dem Dossier