Isländische Trolle stellen auf Venedig-Biennale aus

"Hoffentlich fressen sie nicht alle Besucher "

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Island wird auf der Venedig-Biennale nun doch nicht durch den Künstler Egill Sæbjörnsson repräsentiert, sondern durch dessen Trolle Ūgh und Bõögâr. Wie konnte es dazu kommen? Ein Interview

Im Atelier Egill Sæbjörnssons im Berliner Stadtviertel Friedrichshain steht man als erstes vor einer riesigen Nase aus Pappmaché, die zwei Assistenten mit grün-grau-brauner Farbe bestreichen. Kurz vor dem Mauerfall, im Sommer 1989, kam der heute 43-jährige Isländer von Paris nach Berlin. "Ich wollte in eine Großstadt und hörte, hier sei es günstig." Seitdem ist er geblieben. Wir passieren einige Räume, in denen Leute rumwerkeln, bis wir uns in der Küche an einen kleinen Holztisch mit roter Tischplatte auf ebenso kleinem Holzhocker setzen – ein Prototyp für Venedig. Sæbjörnsson, heute im rot-weiß gestreiften Pullover und mit Hut auf dem Kopf, wurde ausgewählt, im Sommer den Länderpavillon seiner Heimat zur Venedig-Biennale zu bespielen. Eigentlich. Dann überraschte nämlich eine Meldung, dass nun an seiner Stelle zwei Trolle ausstellen werden. An einer Wand hängen  Porträts von Ūgh und Bõögâr, so heißen diese beiden Fabelwesen, gegenüber eine Weltkarte, auf der Trollpopulationen verzeichnet sind. Diese Ungeheuer scheinen sich auf der überall wohlzufühlen.

Monopol: Wo sind die beiden Trolle denn gerade?
Egill Sæbjörnsson: Sie sind nach Hawaii gefahren. Ich denke, um ein bisschen Zeit in der Sonne zu verbringen und mit ihrem Freund zu quatschen, dem Vulkantroll von Hawaii. Aber sie können sehr schnell reisen. Sie könnten am Nachmittag hierher kommen, das wären nur ein paar Schritte für sie.

Sind sie so groß?
Ja genau. Nach Island sind es nur zwei Schritte, glaube ich. Die Trolle können sehr, sehr groß sein, aber sich auch ganz klein machen. Sie können ihre Gestalt ändern und so Touristen jagen. Sie verwandeln sich zum Beispiel in eine Straße, und plötzlich wird man von einem riesigen Loch verschluckt. Vor fünf Monaten verwandelten sie sich hier in Berlin in Nebel, und alle, die ins Berghain wollten, verirrten sich in einem anderen Gebäude, das wiederum die verwandelten Trolle waren. Die Touris hat man nie wieder gesehen. Wissen Sie, die Trolle sind Tag und Nacht aktiv und müssen nie schlafen.

Wie ist es, mit solchen Kollegen zu arbeiten?
Sehr interessant. Zuerst wollten sie alles kopieren, was ich tat. Wenn ich etwas mit Ton machte, wollten sie auch mit Ton arbeiten. Ich muss ihnen bei allem helfen und vieles erklären. Sie sind ziemlich primitiv. Ich meine, sie sind daran gewöhnt, in einer Höhle zu leben, und nun wollen sie Künstler werden. Manchmal gibt es riesiges Chaos. Sie räumen nie auf, Trolle wissen einfach nicht, wie man aufräumt. Deshalb beschäftige ich Leute hier im Studio, damit sie mir helfen, alles wieder aufzuräumen. Manchmal komme ich am Morgen ins Atelier und dort steht ein riesiger Topf mit Matsch, in dem die Trolle herumrühren. Das ist teilweise nicht mal Kunst. Sie machen so seltsame Sachen. Zum Beispiel stecken sie dann Schokoladenstücke in den Matsch und denken, es sei Kunst.

Ich dachte, Trolle sind sehr scheue Wesen und zeigen sich niemals einem Menschen. Aber Sie sind mit ihnen befreundet. Wie kam es dazu?
Sie sind sehr scheu, das ist auch der Grund dafür, dass sie gerade nicht hier sind. Sie hörten, dass Sie kommen. Ich denke, außer mir war niemand so richtig interessiert an Trollen. Mich überkam das Interesse ganz plötzlich vor ein paar Jahren. Und ich glaube, zuerst wollten sie auch mich auffressen, aber dann entschieden sie sich dagegen. Aber ich weiß eigentlich nicht, warum sie mich mögen.

Glauben Sie, Sie sind eine Art Zauberer?
Ich denke, der einzige Zauber ist die Fähigkeit, etwas zu sehen. Ich versuche immer, mit ihnen zu reden und ihnen etwas über Kunst beizubringen. Und dann gehen sie einfach hin und machen irgendeinen Mist. Aber manchmal sind sie sehr ruhig und sagen intellektuelle Sachen wie "Social interactive work". Einmal kamen sie zu mir und sagten: "Wir wollen gerne social interactive work machen." Ich weiß nicht, ob sie wirklich verstanden, was es damit auf sich hat, aber sie lernen all diese Ausdrücke. Sie sind auch Künstler, nur auf einem so niedrigen Level, dass es fast schon ein hohes Level erreicht.

Nun werden die Trolle im isländischen Pavillon ausstellen. Wie ist das für Sie?
Nun, zuerst sollten sie in meiner Galerie in Island ausstellen und waren sehr gespannt darauf. Dann bekam ich die Einladung, auf der Venedig-Biennale auszustellen, und die Trolle wurden auf einmal sehr schwierig. Sie wollten unbedingt die Biennale-Ausstellung machen, fingen an zu weinen, launisch zu werden und alles kaputt zu machen, sodass ich etwas Angst bekam. Auch weil ich denke, dass einer von ihnen mich die ganze Zeit fressen möchte, doch der andere ihn davon abbringt. Schließlich entschied ich mich dann, sie machen zu lassen. Könnte ja spaßig werden. Man muss Risiken im Leben eingehen. Ich hoffe nur, sie fressen nicht alle Besucher und in den Zeitungen stehen später Schlagzeilen wie: "Alle Besucher der Venedig-Biennale verschwunden!" Vielleicht geben sie nur vor, Künstler zu sein, um mehr Menschen fressen zu können. Eigentlich gar keine schlechte Idee. Trolle sind nicht sehr interessiert am menschlichen Leben, anders als wir, die wir Hunde haben und für sie sorgen. In Island leben nicht so viele Menschen, da die Trolle bereits alle gefressen haben. Eigentlich sollten dort Millionen von Menschen leben.

Sind Isländer abergläubischer, weil sie durch die geografische Isolation des Landes lange keinen Kontakt zu anderen Nationen hatten?
Sie waren superisoliert. Man lebte auf einer Farm und die nächste war zehn Kilometer entfernt, also war die einzige Person, mit der man sprechen konnte, der große Stein vor dem Haus. Menschen glauben an alle Arten von Mächten. Die Isländer kamen nicht so schnell ins Informationszeitalter, wir waren sehr lange Bauern. Aber Bauern mit den neuesten Büchern aus London und Paris. Die Leute waren gleichzeitig isoliert und superinformiert. Man muss aber auch bedenken, dass Mathematik und  Wissenschaft erst Gestalt annahmen, als die Menschen begannenm in Städten zu leben, und wenn man wirklich in der Natur lebt, ist man total verbunden mit dem Wind. Selbst wenn man in Deutschland im Wald lebt, ist man mit den Bäumen verbunden. Es ist nämlich falsch zu sagen, dass diese Dinge keine Wesen sind. Denn das sind sie, und sie haben Einfluss auf uns. So gibt es eine Menge Kräfte, die uns beeinflussen.

Ist man also in einer natürlichen Umgebung kreativer als in einer Großstadt?
In der Stadt ist alles geformt, es gibt mehr gerade Linien, die auch den Verstand begrenzen. Natürlich muss das Leben in der Stadt organisiert sein. Post-Internet-Kunst versucht, genau damit umzugehen und in diesem neuen Bereich kreativ zu sein. Aber ich kennen eine Menge Leute, die in die Natur gehen, um sich inspirieren zu lassen. In Island gibt es so viele dunkle und kalte Nächte, die man mit Musik, Schreiben und Malen füllen muss. Ich habe zusammen mit meinem Bruder immer in einer imaginierten Welt gelebt. Wenn wir miteinander sprachen, waren wir nicht länger Egill und Christoph, sondern imaginäre Figuren. Es ist schön, eine Parallelwelt zu haben. Ich befinde mich dort, seit der Kindheit und habe es nie als Kunst betrachtet. Ich war zu schüchtern, Kunst daraus zu machen, weil ich fürchtete, jeder würde nur darüber lachen. Ich dachte, ich würde die Trolle niemals ausstellen und produzierte einfach nur unsinnige Kunst. Aber dann realisierte ich, dass die Trolle immer mehr in mein Leben traten. Wir fingen an, Schmuck aus Ton herzustellen. Wir haben auch Kekse gebacken, die wir "Trollnose" nannten. Und jetzt Venedig.

Werden die Trolle anwesend sein?
Ja, in jedem Fall. Dafür planen sie gerade etwas.

Wie treten sie ins Leben?
Ein Beispiel: die Lieblingshose. Man nimmt sie aus dem Schrank und sieht sie an und denkt "Das ist meine Lieblingshose!" Und man baut eine Beziehung zu ihr auf, sie bekommt also eine Art Persönlichkeit. Das ist genau das, was ich mit den Trollen in Verbindung bringe. Sie sind etwas, zu dem ich eine Beziehung habe, auch wenn ich weiß, dass es nur eine Idee ist. Und je mehr ich über sie spreche, je mehr ich mit ihnen spiele, desto größer werden sie. Je mehr Menschen darüber sprechen, desto realer werden sie. An dem Tag, an dem ich aufhöre, über sie nachzudenken und niemand mehr darüber spricht, verschwinden sie. Es ist so wie bei der Hose. Man trägt die Hose so häufig und schließlich wirft man sie weg und vergisst sie, man kauft eine neue und die alte verschwindet. Orte haben ebenso eine Persönlichkeit, Ideen haben eine Persönlichkeit. Ideen können Giganten werden oder eben Trolle und sie können sich verwandeln in anderer Leute Gedanken.

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