Künstler Jochen Lempert im Porträt

Versöhnte Welt

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Der Hamburger Künstler und Biologe Jochen Lempert nähert sich mit fotografischen Mitteln, Wissen und Hingabe der Schönheit der Erde. Jetzt präsentiert das Sprengel Museum in Hannover seine Werke

Eine Fliege umschwirrt die Lampe, ein-, zwei-, dreimal, und setzt sich auf den Tisch neben die Fotobände, die Jochen Lempert mitgebracht hat. Erst bleibt sie starr, dann bewegt sie sich ruckartig auf der Holzoberfläche. Es ist Ende März – eine sehr frühe Imago, wie das erwachsene Insekt in der Biologie heißt. Imago, das ist nach den Metamorphosen, nach Larvenzeit und Puppen­ruhe, das "fertige Bild" einer Art. So stellt der Mensch sich das jedenfalls vor. Ein Bild, das zurückblickt auf uns, die wir hier in einem Café in Hamburg-Altona sitzen – und uns ein Bild machen.

Es gibt schöne Aufnahmen von Jochen Lempert, die solche Sehverschränkungen ganz nebenbei illustrieren und kurz Frischluft in den anthropozentrischen Kerker lassen. Wie das Diptychon "Belladonna" von 2013: ein Foto eines Eichhörnchens und das einer schwarzen Tollkirsche. Das Auge des Nagers und die Frucht ähneln sich, die Form, die Glanzlichter. Diese Mimikry des Strauches provoziert eine Täuschung: Der Betrachter konstruiert in seiner Vorstellung aus den Blättern und den Leerräumen zwischen diesen ein zum Kirschauge gehörendes Gesicht. Einen Rehkopf vielleicht. Würde das Hörnchen auf dem Bild nebenan auch ein Gesicht in der sich tarnenden Pflanze sehen? Und: Wie schaut die Fliege gerade auf uns?

Courtesy BQ, Berlin and ProjecteSD, Barcelona © Jochen Lempert / VG Bild - Kunst, Bonn 2017

Courtesy BQ, Berlin and ProjecteSD, Barcelona © Jochen Lempert / VG Bild - Kunst, Bonn 2017

Jochen Lempert "Belladona", 2013

 

Der 1958 in Moers geborene Lempert regt andauernd solche Fragen an. Seit Beginn der 90er-Jahre schafft der Hamburger ein überraschend konsistentes Werk: schwarz-weiße, kontrastarme Fotografien von der Tier- und Pflanzenwelt, von den endlosen Schöpfungen des Lebens und besonders auch den Signalfälschungen der Natur, wenn Blätter Tiere imitieren oder Tiere Blätter, wenn Art und Habitat visuell verschmelzen. In vielen Aufnahmen beschäftigt sich der Künstler mit der Erforschung und Repräsentation von Natur in Museen, Abbildungen, Abhandlungen und Archiven. Dazwischen fotografiert er Porträts, Bruchstücke von Landschaft und Architektur, Strukturen, Mikrostrukturen.

Es ist ein Werk, zu dem das empfindsame und geduldige Zulassen gehört, Demut vielleicht, Bescheidenheit ganz sicher. Am liebsten hätte es der Künstler, wenn man nichts Biografisches über ihn schriebe und sich ganz auf die Arbeit konzentriere. Aber ein wenig gibt er doch von sich preis.

Als Lempert in den 80er-Jahren in Bonn Biologie studierte, arbeitete er nebenbei mit der experimentellen Künstlergruppe Schmelz­dahin, die Filmstreifen von Bakterien und Chemikalien zersetzen ließen. Der Autodidakt Lempert nutzte das Medium Fotografie während des Studiums auch dokumentarisch. Die Arbeit als Biologe hat er noch bis vor Kurzem fortgesetzt: Er beobachtete und kartierte im Auftrag von Forschungseinrichtungen Flora und Fauna. Einige seiner schönsten Bilder sind dabei entstanden; 2007 etwa bei Studien, die dem Bau eines Offshore-Windparks  voran­gingen, die Serie "Un Voyage en Mer du Nord": das aufgewühlte Wasser, ein Wirbel an Grau­tönen, Gischt aus weißen Wolken.

"Ich fotografiere das Meer leer", sagte der deutsche Fotograf Michael Schmidt einmal im Monopol-Interview. Alles, was das Meer an Erhabenheit und Romantik in die Psyche des Betrachters spült, wollte Schmidt mit seiner brutalen Strenge auslöschen. Bei Lempert ist das anders. Ihn stört es nicht, wenn seine Meeraufnahmen an historische Seestücke erinnern. Das schwinge schon alles mit, sagt er. Er interessiert sich eher für die überraschende Form, den der Moment erzeugt. Es gehe ihm in seiner Arbeit immer darum, "dass man den Moment des Sehens stark spürt". Einerseits ein kindliches Interesse, andererseits ganz nah an dem, was Roland Barthes als "punctum" an der Foto­grafie pries: "Das Element selbst schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren." Das Element ist bei Lemperts Meerbildern das Wasser, es formt einen Gischtfisch oder einen Drachen.

© Jochen Lempert / VG Bild - Kunst, Bonn 2017

© Jochen Lempert / VG Bild - Kunst, Bonn 2017

Jochen Lempert "Untitled (Schwarm über Meer II)", 2006

 

Zufällige, ephemere Formen faszinieren Lempert endlos: Er fotografiert Wolken, Blätter- und Schattenspiel, Spinnennetze, das auf einer nackten Schulter hingewehte Haar, Spuren, Vogelschwärme …

Die Schönheit in diesen Bildern rührt auch aus dem Wissen um die Zufälligkeit und Vergänglichkeit. Diese Qualität gehört immer zur Kunstform Fotografie, aber Lempert formuliert es ganz deutlich aus. In der zweiteiligen Reihe "Blinzeln" fotografierte er etwa von schräg hinten den Kopf eines Mädchens, seine weiße Haut ist eine überbelichtete Fläche, aus der lange Wimpern ragen: geschlossen auf dem ersten Bild, leicht geöffnet auf dem zweiten. Buchstäblich ein Augenblick.

Auch Ausstellungen sollen hypothetisch bleiben, um der musealen Fossilisation zu entgehen. Lempert verzichtet auf Rahmen, was starke Bezüge zwischen den Bildern zulässt. Er entscheidet immer erst kurz vor Eröffnung über die Hängung, die durch Gegenüberstellungen, Reihungen und das Spiel mit Formaten Lebendigkeit und Rhythmus bekommt.

Der Liebe zum Flüchtigen steht der Wunsch des Biologen zur Kategorisierung und Klassifizierung gegenüber; Lempert hält wissenschaftshistorische Dokumente und naturkundliche Präparate fotografisch fest. So erstellt er Fotogramme von einem Computer­bildschirm, auf dem Pflanzen­fotogramme der Biologin Anna Atkins aus der Mitte des 19. Jahrhunderts dargestellt sind, eines der ersten Fotobücher der Welt. Oder er lichtet Titelblätter von Abhandlungen Charles P. Alexanders ab, der sich sein ganzes Leben mit Schnaken beschäftigt hat. Es wundert kaum, dass Lempert, selbst von mönchischer Beharrlichkeit, sich von derlei Kontemplation angezogen fühlt.

In seinen Arbeiten zur Wissenschaftsgeschichte geht Lempert konzeptueller zu Werke als in seinen Naturbeobachtungen. Seit 1990 fotografiert er die Serie "The Skins of Alca Impennis", Präparate des ausgestorbenen Riesenalks in den Naturkundemuseen der Welt, bislang 45 der 78 ausgestopften Exem­plare, jeweils den Kopf im Profil vor neutralem Hintergrund. Ein Projekt, das auch ein ganzes Leben in Anspruch nehmen kann und an die Kategorisierungen des Fotografenpaars Hilla und Bernd Becher erinnert. Wie die Bechers oder Karl Blossfeldt, der große streng-sachliche Pflanzenfotograf, weiß auch Lempert, dass erst die Wiederholung und formale Konzentration den ganzen Reichtum an Typen, Formen und Ornamenten sichtbar macht.

© Jochen Lempert / VG Bild - Kunst, Bonn 2017

© Jochen Lempert / VG Bild - Kunst, Bonn 2017

Jochen Lempert "Hannover", 2000, aus "The Skins of Alca impennis", seit 1990

 

Dieses analytische Sehen lässt kaum Pano­ramen und Totalen zu: Jochen Lempert liebt Details, weiße Flächen, Abstraktion, kleine fotografische Fehler, Zufälle, Muster. Er lässt Glühwürmchen Filmstreifen belichten, nimmt Fotogramme von Sonnentau, Kirschblättern, Wasserläufern. Stößt der Fotograf uns damit auf den fragmentierenden Blick der Moderne auf die Natur? Wie empfindet der Biologe die Differenz zwischen mensch­gemachter und natürlicher Umwelt? Gibt es diesen Unterschied überhaupt? Auch im Kunstdiskurs ist angekommen, dass der Mensch so stark in die Natur eingreift, dass man von "Nature after Nature" oder An­thro­pozän spricht. Für Lempert aber sind das offen­bar keine drängenden Fragen. Eines seiner Bücher heißt "Coevolution" und meint die wechselseitige Anpassung der Arten aneinander, die die Verschränkung der Lebensräume – der Künstler zeigt auf die Fliege – nötig macht. Auch das zeichnet seine Bilder aus: Sie evozieren eine überraschend friedliche – sollte man tatsächlich sagen: von Liebe durchwirkte? – Welt. Zwar gibt es darin Panzer, Stacheln, Krallen, Hörner, aber doch kaum Konflikte oder Existenzkämpfe. In einer Serie sieht man zwei zankende Affen. Als sie den Fotografen entdecken, im letzten Bild, lassen sie voneinander ab. Sind sie etwa peinlich berührt? Beschämt?

In der Koevolution haben wir uns gegen­seitig im Blick, und diejenigen, die sich anpassen, verändern, tricksen und mit Schönheit und Intelligenz werben, statt auf Gewalt und Stärke zu setzen, sind die Gewinner. Und es sind die besten Künstler. Vielleicht ist man mit Jochen Lemperts Bildern nah dran an Ador­nos Vorstellung des Naturschönen, die der Philosoph Albrecht Wellmer so beschreibt: "Das Kunstwerk, als Nachahmung des Naturschönen, wird zum Bild einer beredten, aus ihrer Stummheit befreiten, einer erlösten Natur, ebenso wie zum Bild einer versöhnten Menschheit."

Courtesy BQ, Berlin and ProjecteSD, Barcelona © Jochen Lempert / VG Bild - Kunst, Bonn 2017

Courtesy BQ, Berlin and ProjecteSD, Barcelona © Jochen Lempert / VG Bild - Kunst, Bonn 2017

Jochen Lempert "Ohne Titel (Qualle)", 2017

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