Maler und Kunstfälscher Beltracchi im Interview

Zwei Monate für einen Cranach

ANZEIGE

Der Unternehmer Christian Zott hat sich etwas Spezielles vorgenommen: Wichtige Momente aus 2000 Jahren, die nie im Bild festgehalten wurden, will er malen lassen. Umsetzen soll das Wolfgang Beltracchi - der jahrzehntelang berühmte Maler fälschte

Wolfgang Beltracchi: Künstler, verurteilter Kunstfälscher. Drei Jahrzehnte malte er Bilder im Stil von Malern wie Max Ernst, Heinrich Campendonk oder Max Pechstein, verkaufte sie als deren Werke und wanderte dafür am Ende ins Gefängnis. Nun kann er in einem neuen Projekt seine Fähigkeiten umfassend und legal ausleben. Der Unternehmer und Kunstliebhaber Christian Zott will in "Kairos. Der Richtige Moment" geschichtliche Augenblicke mit großer Wirkung für die Menschheit finden - und sie mit Bildern in der Handschrift der zur jeweiligen Zeit passenden Maler füllen. Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit Beltracchi.

Herr Beltracchi, was sagen Sie zu Ihrem neuen Projekt?
Das ist mir auf den Leib geschneidert. Herr Zott hat Bilder von mir gesehen - und meinte, dass ich das machen könnte. Ich kann an die hundert Maler. Jetzt kommen natürlich ein paar dazu, die ich noch nie gemacht habe: Cranach, Vermeer, Caravaggio. Es werden 23 Bilder. Ich freue mich auf die Ausstellungsreise durch Europa.

Wie lange haben Sie für den Cranach gebraucht?
Lange. Zwei Monate, aber mit Pausen. Er musste ja immer mal trocknen. Das ist ein Bild von hoher technischer Qualität, das geht nicht so schnell. Im Schnitt schaffe ich sonst zwei Bilder im Monat.

Woran arbeiten Sie gerade?
An einem Gruppenbild der Blauen Reiter. Das Bild ist der Hammer. Es gibt kein einziges Gruppenbild - und darin werden nun sieben oder acht Handschriften zu sehen sein. Sechs von den Künstlern, die abgebildet sind. Denn jeder bekommt seine Staffelei, und sein eigenes Bild. Dazu Heinrich Campendonk, der das malt - und ich. Sie hätten sich nie alle zusammen malen lassen. Wenn Campendonk damals dieses Bild gemalt hätte: Das hätte ihn auf einen Schlag bekannt gemacht.

Haben Sie nicht ohnehin den "besten" Campendonk aller Zeiten gemalt, das "Rote Bild mit Pferden"?
Jaja, das ist richtig, aber dieses Gemälde ist auch historisch eine ganz andere Dimension: Es hat die Größe des Bildes Komposition V von Kandinsky, der damit die Vierquadratmeter-Klausel brach und so die Trennung von der Neuen Künstlervereinigung München provozierte.

Kann man Ihnen mal bei der Arbeit zusehen?
Das Malen soll auch vor kleinem Publikum passieren. In den früheren Jahrhunderten mussten sich die Maler öffentlich hinsetzen, in den Niederlanden und England zum Beispiel. Dann haben die Leute drumrumgestanden und gesagt: Das ist richtig gut, das ist nicht gut. Das wollen wir auch machen.

Wie versetzen Sie sich in die Maler hinein? Früher haben Sie zur Vorbereitung manchmal so gegessen wie der jeweilige Künstler.
Das brauche ich nicht mehr, ich habe gar nicht mehr die Zeit. Früher habe ich mich viel mehr reingekniet. Heute mache ich nicht mehr hundertprozentig eins zu eins den jeweiligen Maler. Es ist jetzt meine Kunst, da nehme ich mir Freiheiten. Aber zum Beispiel gehe ich in Museen und schaue mir die Maler an. Dann habe ich das im Kopf und weiß, wie ein Maler das gemacht hat - oder glaube es zu wissen. Oder der späte Monet. Er war zuletzt fast blind. Ich male also ein Bild mit verbundenen Augen oder zehn Prozent Sehfähigkeit. Es ist bei vielen älteren Malern so, dass sie zum Schluss abstrakt gemalt haben. Oder größer - einfach, weil sie nicht mehr so gut gesehen haben.

Welcher Maler fordert Sie am meisten heraus?
Vermeer. Der ist einfach gut. Wir wollen jetzt herausfinden, wie er das gemacht hat. Hat er mit einer Camera obscura gearbeitet? Hat er sich die Szene nur angesehen - oder hat er sie projiziert? Wir bauen dazu eine Linse auf. Ich male als Vermeer dann ein Bild von Baruch de Spinoza. Der war nicht nur Philosoph, sondern auch Linsenschleifer, und es wahrscheinlich, dass Vermeer und Spinoza sich kannten.

Hat schon mal jemand so ein Experiment gemacht?
Ich glaube nicht. Es gibt schon Leute, die sich daran versucht haben. Aber das Problem ist, man muss auch die Handschrift der Maler können - und das können die meisten nicht.

Gibt es einen Maler, den Sie sich nicht zutrauen?
Nee. Das ist eine Frage der Zeit, wie man sich vorbereitet. Dann geht jeder.

Vermissen Sie das Fälschen?
Nein, nein. Es stimmt, es war spannend. Und ich muss heute viel mehr arbeiten als früher. Aber es macht mir ja Spaß.

Was ist nun eigentlich Ihr ganz eigener Stil?
Ich weigere mich, meine Möglichkeiten zu limitieren und mich einer Strömung anzupassen! Vor allem weigere ich mich, in einem wiedererkennbaren Stil zu malen. Ich male so, wie es mir für das Sujet passend erscheint. Die Kunsthändler haben den Künstlern gesagt: Das, was du da gemacht hast, kann ich ungemein gut verkaufen. Mal noch sowas. So entstehen diese angeblichen Handschriften. Das geht soweit, dass manche ihre früheren Bilder nicht mehr anerkennen und nicht einmal mehr in ihrem Werkverzeichnis haben wollen. Es ist gruselig. Stellen Sie sich vor, man will mal was Neues probieren - geht gar nicht. Das ist der Tod jeder Kreativität.

Wo kann man die echten Beltracchis anschauen?
Das ist schwierig. Diesen Sommer war bei den Kulturempfehlungen eines großen amerikanischen Instituts auch Beltracchi dabei. Jetzt kommen die Amerikaner nach Europa - und können Beltracchi nicht angucken. Weil ich nicht ausgestellt werde. Der deutsche Galeristenverband hat gesagt, jeder, der Beltracchi ausstellt, fliegt aus dem Verband.

Aber das Geschäft läuft trotzdem gut?
Ich habe inzwischen viele Sammler, die meine Kunst kaufen. Das Schöne ist: Ich bin das lebende Beispiel, dass man eben nicht so ein Label malen muss. Manche Sammler haben sechs Bilder von mir oder zehn, und jedes ist anders. Da kann man in einen Raum kommen und sieht fünf Bilder - und denkt, das sind fünf verschiedene Maler.

ZUR PERSON: Wolfgang Beltracchi ist Maler und früherer Kunstfälscher. Er wurde 2011 in einem der größten Kunstfälscherprozesse der Nachkriegszeit zu sechs Jahren Haft verurteilt. Seine Frau Helene bekam vier Jahre; sie hatte geholfen, die Bilder auf den Kunstmarkt zu bringen. Im offenen Vollzug begannen die beiden, ihre Schulden aus Schadenersatzforderungen abzuarbeiten. Beltracchi hatte den Stil zahlreicher Maler so gekonnt kopiert, dass selbst Kunstkenner sie als echt werteten. Das trug ihm den Titel Jahrhundertfälscher ein. Mittlerweile ist er ein gefragter Künstler. Heute leben und arbeiten die Beltracchis in Frankreich und in der Schweiz.

Drucken

Weitere Artikel aus Interpol