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Porträt der Malerin Oda Jaune auf der Berlinale

Was unsichtbar bleibt

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Kamilla Pfeffers Künstlerinnenfilm "Wer ist Oda Jaune?" auf der Berlinale

Für Jonathan Meese wäre das alles natürlich kein Problem: ein Filmteam ins Atelier lassen, beim Dreh weitermalen und dabei noch reden. Über sich. Meese tut das ohnehin gerne, und er lässt das auch in Kamilla Pfeffers Dokumentarfilm nicht sein. Der Titel lautet allerdings "Wer ist Oda Jaune", und da steht der ultravisionärste Totalutopist selbstredend nicht im Mittelpunkt. "Oda ist auch laut", sagt ihr Malerfreund Meese, "in der Kunst". Ansichtssache.

Kamilla Pfeffer, deren filmisches Künstlerinnenporträt nun in der Berlinale-Sektion Perspektive deutsches Kino uraufgeführt wurde, hat lange gebraucht, um Oda Jaune zu überreden. Schon vor zwei Jahren klopfte Pfeffer bei der in Paris lebenden Künstlerin an. Erst nach langem Zögern sagte die Malerin zarter und zugleich oft beängstigender Tableaus zu. Tiefe Einblicke in ihren Malprozess bleiben dem Zuschauer dennoch verwehrt. Stattdessen zeigt die Filmemacherin unumwunden, dass sich Jaune vielfach von der Anwesenheit des Teams gestört fühlt ("Meine Energie fließt ab"). Pfeffer hätte die Momente, in denen Jaune die Filmemacher am liebsten rauswerfen würde, ja auch rausschneiden können. Stattdessen macht sie die Unmöglichkeit, einen Malprozess zu dokumentieren, zum Thema. So wird die Not zur Tugend.

Gegenbeispiel: In "Le Mystère Picasso" zeigt Henri-Georges Clouzot 1956, wie Pablo Picasso – den Oda Jaune vor allen anderen Künstlern bewundert (sie nennt noch Rubens, Rodin, Cézanne, Giacometti, Bacon, Sarah Lucas, Tracey Emin und Cecily Brown)  – seine Bilder aufbaut, Formen zerstört, durch andere ersetzt. Doch das Geheimnis des Schöpferischen lüftet der Filmemacher damit nicht. Die Kamera kann schließlich nicht in den Kopf schauen, wo alles anfängt, weitergeht und von wo aus die Bilder für vollendet erklärt werden.

Pfeffers Kamera schaut der Künstlerin frontal ins Gesicht. Oda Jaune ist eine sehr schöne Frau. Im Kunstbetrieb habe ihr das nur geschadet, erzählt sie mit ihrer eigentümlich hauchigen Kinderstimme. Als Michaela Danowska wurde sie 1979 in Bulgarien geboren. Die meisten wissen, dass sie die Witwe von Jörg Immendorff ist. Vielleicht steht auch das ihrer Rezeption mitunter im Weg. Den Künstlernamen suchte Immendorff aus, sie war seine Meisterschülerin. Aber die (in beiden Fällen figurative) Malerei ist grundverschieden. Obwohl es immer besser ist, Originale zu betrachten, bleiben die im Film gezeigten Aquarelle und Ölgemälde lange genug stehen: Man wird warm mit den seltsamen Welten der Oda Jaune. Und man begreift, dass keine Masche dahinter ist. Jedes Bild ist ein Wesen, dass auf eigenen Füßen steht. "Ich habe viel gearbeitet", sagt Jaune, und man glaubt ihr aufs Wort.

Neben Oda Jaune selbst kommen ihr Galerist Daniel Templon, Sammler sowie Freunde zu Wort. Der Theaterregisseur Thomas Ostermeier besitzt eines ihrer Bilder. Dass man Kunst mit Geld erwirbt, findet er dennoch problematisch: "In diesem Finanzkapitalismus werden noch die letzten Rifugien versaut." Der Schauspieler Lars Eidinger bewundert Oda Jaunes Mut "so explizit zu werden" und zitiert Milan Kundera: "Kitsch ist die Abwesenheit von Tod und Scheiße."

Jaune, auf deren Bildern Schädel keine Seltenheit sind und innere Organe oft nach außen gestülpt werden, ist sicher keine Kitschmalerin. Dass ihre Person zu Klischees reizt, dafür kann sie nichts. Pfeffers Film lässt spüren, woher diese Scheu rührt, eine öffentliche Person sein zu sollen.

Wer ist Oda Jaune? Man weiß das am Ende natürlich immer noch nicht. Viele dürften sich aber mit dem Film für ihre außergewöhnliche Kunst zu interessieren beginnen. Man wünscht sich mehr behutsame Künstlerfilme wie diesen.
 

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