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Naturkatastrophe

Wie mexikanische Galerien mit den Folgen des Erdbebens umgehen

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Nach dem verheerenden Erdbeben in Mexiko wurde ein geplantes Galerienwochenende abgesagt. Stattdessen hilft die Kunstszene in der Hauptstadt den Opfern. Ein Besuch vor Ort

Die Vorbereitungen waren seit Monaten in vollem Gange: Vom 22. bis 24. September sollte das fünfjährige Jubiläum des Gallery Weekend in Mexiko-Stadt stattfinden. Botschafter und Sammler waren geladen, die international gefeierte deutsche Künstlerin Josephine Meckseper eröffnete ihre erste Einzelausstellung in Mexiko bei Proyectos Monclova und aufstrebende Künstler wie etwa der Franzose Théo Mercier oder die Mexikanerin Fabiola Menchelli bereiten unter Hochdruck ihre neuen Werke vor.

Dann bebte die Erde.

Am 19. September stürzten 39 Häuser ein, weitere tausend sind so stark beschädigt, dass sie nicht mehr bewohnbar sind. Landesweit starben 369 Menschen bei der Naturkatastrophe. Es geschah genau an dem Jahrestag, an dem 32 Jahre zuvor Mexiko-Stadt bereits von einem verheerenden Erdbeben erschüttert wurde.

Die Kunstszene reagierte unmittelbar. Sie brachte Mitarbeiter in Sicherheit – und half. "Meine Generation hat noch ein waches Bild von dem Erdbeben im Jahr 1985", erklärt Pamela Echeverría, die Direktorin von der Galerie LABOR. "Unsere Reaktion wurde stark davon beeinflusst. Wie Tausende andere Leute wollten wir in jeder erdenklichen Art helfen."

Hilfe in diesen Stunden bedeutete: Essen und Medikamente unter die Leute bringen, Trümmer mit Händen und Spitzhacken beseitigen, Fremden und Freunden die Tür zur eigenen Wohnung öffnen. Schnell wurde klar: Das Gallery Weekend kann nicht stattfinden.

"Unsere Zeit und Aufmerksamkeit widmen wir den Opfern mit all unseren Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen", hieß es in einem ersten Statement der Galerie José García. "Wir müssen alles absagen. Es ist jetzt nicht die Zeit dafür, an Kunst zu denken", bekräftigte die Galeristin Polina Stroganova von Proyectos Monclova. Weitere Galerien schlossen sich an und verschoben ihre Ausstellungen auf unbestimmte Zeit.

"Die Unmenschlichkeit der Kunst muss die der Welt überbieten, um des Menschlichen willen", schrieb Theodor Adorno und forderte die Kunst dazu auf, sich mit nichts und niemanden gemein zu machen. In den nächsten Tagen und Stunden hat in Mexiko-Stadt jedoch Menschlichkeit die Kunst überboten: Kunstschaffende wurden zu freiwilligen Helfern. Die Kanäle der Institutionen waren gespickt mit Spendenaufrufen. Galerien verwandelten sich in Hilfe- und Logistikzentren, die Waren und Medikamente sammelten und an Erdbebenopfer versendeten. "Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend“, erklärt Sofía Mariscal, die Leiterin der Galerie Marso. "Innerhalb eines Tages konnten wir einen Vierzigtonner mit Hilfsgütern beladen und in das Erdbebengebiet Morelos schicken."

Die ZONAMACO, die Messe für Antiquitäten und Fotografie, entschied sich allerdings dagegen, die gerade laufende Veranstaltung zu schließen. "Dieser Entscheidung fehlt es an Empathie", erklärte Alfonso Miranda, der Leiter des Museums Soumaya. Kurz darauf entschlossen sich die ZONAMACO-Organisatoren, die Eintrittsgelder der Hilfsorganisation Topos zu vermachen, die sich der Bergung von Menschenleben verschrieben hat.

Doch insgesamt hat das Erdbeben die Kunstszene in Mexiko-Stadt zusammenwachsen lassen. "Ein Ereignis wie dieses hilft dabei, eine neue Perspektive zu gewinnen", bestätigt Pamela Echeverría von LABOR. "Wir müssen unsere Galerien und Nachbarschaften reaktivieren", pflichtet Sofía Mariscal und zeigt sich dankbar über die Hilfe ihrer Kollegen. "Ich habe dutzende Angebote bekommen, die Werke meiner Künstler in anderen Räumen auszustellen, während ich meine Galerie saniere."

Der Geist der Solidarität zeigt sich auch in einem beispiellosen Zusammenschluss der Galerien in der Stadt. An jedem Samstag im Oktober findet der Sábado de Galerías statt, an dem nicht nur das Programm von Galerien gezeigt wird, sondern ganze Stadtteile in den Vordergrund rücken.

Der Besuch lohnt. Nicht nur, weil einige Werke besondere Dringlichkeit erfahren haben. In der Arbeit  "Thomas Becket" von Josephine Meckseper durchbrechen Glasscheiben den Galerieraum und machen den Blick auf das dahinterliegende Gemäuer frei, das in den letzten Tagen eine Umdeutung von Schutz zu Brüchigkeit erfahren hat. Die Installation von Théo Mercier hingegen wurde komplett zerstört. Doch der französische Künstler integriert wie Duchamp bei "Das Große Glas" das Zersplittern in seine Werke, indem er es sie so wieder zusammensetzt, dass die Spuren sichtbar bleiben.

Wenn Kunst hilft, Momente der Leere, der Sinnlosigkeit und den Schrecken vor dem Tod zu überwinden und zu begegnen, dann haben vor allem Menschen diese Idee von Kunst mit neuem Leben erfüllt. Deshalb sollte man Mexiko-Stadt nach dem Erdbeben nicht meiden, sondern daran teilhaben, wie es sich neu erschafft.

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