"Das wird schon"-Kolumne

Gruß aus Wien

Monopol-Kolumnistin Anna Gien ist in Wien und schreibt eine Postkarte aus der Versenkung

 

Liebe Liesel,

Wien!

Ja, Wien, liebe Liesel, ist die einzige Stadt der Welt, die keine Enttäuschung ist.

Hier sieht alles so aus, so wie, wie wir es uns vorgestellt haben.

Es gibt alles, was wir doch immer für uns wollten.

 

Zum Beispiel gibt es:


Gemischtwarenschwemme

(was ist das?)

und

Lichtspielhäuser

(so hell!)

und

die besten Museen

(ich hab’ hundert schöne tote Kröten gesehen, liebe Liesel)

und

ich hab’ genug

Powidelgolatschen

und

Topfengolatschen

und

Schaumschnitte

und

Sachertorte

und

Zwetschgenknödel

und

Marillenknödel

und

Rumpunschwürfel

und

Erdbeersahnetorte gegessen für jede geistige Umnachtung.

 

Ich weiß doch, wir gehen zu Grunde

am Essen

und so weiter

aber

alles ist alt hier

und die Ampeln ticken noch so wie früher, als

Elektrizität noch ein Wunder war.

 

Weißt Du Liesel, hier ist alles gut! 

Hier kann man üben, einsam zu sein, so, wie ich es wollte,

du weißt doch,

ich wollte nichts mehr als einsam sein

inmitten von Torten.

 

Die Leute reden mehr als sie sagen hier, so wie in Italien.

Das mag ich, denn man kann auf schlechte Art vereinsamen

an wenigen Worten.


Man braucht doch Geräusch, liebe Liesel,

man braucht doch ein Krötenmeer, liebe Liesel,

zum Einschlafen

nach so viel Zucker.

 

Man hört hier

Pfennigabsätze auf dem Kopfsteinpflaster und

Schirme, die sich gegen den blauen Regen spannen, und

die Gebrechen alter Damen aus den Abflüssen

überall

die beste Kröte schaut von den halbabgerissenen Wahlplakaten

so glatt

die alten Frauen möchten sie sich am liebsten

zwischen ihre Beine stecken

ihre gelbe Gifthaut an sich reiben

sie wieder

zurückstecken

in ihre

Topfengolatschen

Jungfräulichkeit

 

Niemand schreibt mehr Karten, liebe Liesel.

Und niemand hört einem zu, wenn man nicht spricht.

Ich möcht’ mit einer Kröte schlafen

heute Nacht.

Liebe Liesel, bitte hol mich ab.