Kommentar

Die erfolgreiche Künstlerin Alexandra Grant hat einen neuen Freund

Alexandra Grant ist das, was man wohl eine erfolgreiche Künstlerin nennen kann. Ins Gespräch gekommen ist sie nun aber als Freundin von Hollywood-Schauspieler Keanu Reeves. An der Diskussion um dieses Paar läuft vieles verkehrt 

Alexandra Grant ist eine vielseitige Künstlerin. Vordergründig beschäftigt sie sich mit Sprache und Text in Form von textbasierter Malerei, aber auch Film und Fotografie. Doch ist ihre Arbeit dabei extrem theoretisch aufgeladen. Es geht darum, dass wir mit und durch Sprache unsere Beziehungen formen. Die zwischenmenschlichen und die zur Welt.

Besonders die Theorie Hélène Cixous, mit der sie auch schon zusammengearbeitet hat, klingt in ihren Arbeiten an. Durch die Beschreibung der Welt verändern wir sie. In großformatigen Malereien erforscht sie verschiedene sprachliche Strukturen und Muster. Das Prinzip ist: Lesen als Sehen. Um den Wörtern auch noch auf eine andere Art und Weise auf die Schliche zu kommen und ihnen aus einer anderen Perspektive zu begegnen.

Grant ist das, was man wohl eine erfolgreiche Künstlerin nennen kann. Mit 46 ist sie bereits in wichtigen Sammlungen in den USA vertreten und die Liste ihrer Ausstellungen umfasst mehrere Seiten, inklusive Professur und residencies. Schon 2007 hatte sie eine Einzelausstellung im Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles. In ihrer Arbeit verweben sich verschiedene Perspektiven, und oft sind Langzeitkollaborationen mit Autoren Teil ihrer Praxis.

Als Weiterführung ihrer Auseinandersetzung mit Sprache und Text hat sie X Artist Books gegründet, einen kleinen Verlag, bei dem sie besondere Künstlerbücher realisiert. Auch das ein Ausdruck ihrer Arbeit, Sprache als etwas zu begreifen, das die Welt nicht nur beschreibt, sondern sie auch formt. Zusätzlich betreibt sie grantLOVE, eine Plattform auf der Editionen und Kunstwerke verkauft werden, um Künstler und gemeinnützige Zwecke zu unterstützen.

Plötzlich keine eigenständige Person mehr

Es ist ein wenig schade, dass man jetzt eigentlich erst so richtig auf sie aufmerksam wird, weil ihr neuer Freund der Schauspieler Keanu Reeves ist. Ja, genau der Neo aus Matrix, mit den traurigen Augen, der nach einem Meme, bei dem er etwas verloren auf einer Parkbank ein Sandwich isst, nur noch “Sad Keanu” genannt wurde und dessen öffentliche Erscheinung ein Eigenleben angenommen hat. Gerade weil ihm sein öffentliches Auftreten so egal zu sein scheint.

Neben "Sad Keanu" geistern noch weitere Ideen von ihm als "The Internets Boyfriend" durch den Morast, durch den man im Netz täglich watet. Das alles befeuert davon, dass Reeves der Öffentlichkeit in den letzten 20 Jahren keine Partnerin präsentiert hat. Bevor man Alexandra Grants Website finden kann, muss man sich durch etliche Promi-Portale scrollen, die einem alle Details über die Beziehung der beiden verraten wollen und genauestens erklären, warum diese Beziehung so ungewöhnlich ist.

Nun ist also Alexandra Grant Keanu Reeves Freundin. Damit geht einher, dass sie plötzlich keine eigenständige Person, eine erfolgreiche Künstlerin, mehr ist, sondern nur noch "Alexandra Grant (46), Freundin von Keanu Reeves, Künstlerin". Doch das “Künstlerin” ist austauschbar, denn jetzt wird sie nur noch dafür gefeiert, dass sie graues Haar hat und ein Gesicht, das eben nicht das einer 20 Jährigen mit verrückten Wangenknochen ist, wie man es auch 2019 anscheinend immer noch von einem echten Star erwartet hätte.

Beziehungsweise wird nicht sie für ihr Gesicht gefeiert, sondern Keanu dafür, dass er sich für dieses Gesicht entschieden hat. Denn Grant hat ein Gesicht, das sie nicht monetarisieren muss. Deswegen wurde in dieses Gesicht auch nicht in Form von Operationen oder Botox investiert. In glatten, prallen Zeiten wie den jetzigen erscheint das ungewohnt.

Die Gesellschaft muss ihre Ansprüche an Männer hochschrauben

Die Tatsache, dass Reeves mit Grant ausgeht, wird als Zeichen seines noblen Charakters gedeutet. Auf Twitter entbrannte daraufhin, zu Recht, ein Argument in dem es hieß, dass man als Mann 2019 nur jemanden daten muss, der nicht die eigene Tochter sein könnte, und schon würde man als guter Mensch gelten. Die Gesellschaft muss ihre Ansprüche an Männer wirklich hochschrauben. Dass die Tatsache, dass ein Hollywood-Schauspieler eine Frau datet, die ihrem Alter entsprechend aussieht, immer noch eine Meldung wert ist, ist ermüdend.

Zusammen wurden die beiden das erste Mal auf der LACMA-Party in Los Angeles gesehen, wo sie ihren neuen Freund stolz präsentierte. Denn im Grunde war das eine Arbeitsveranstaltung von ihr und Keanu in dem Fall vielleicht einfach das schmückende Beiwerk, das Mitbringsel.

Die beiden arbeiten aber auch zusammen. So haben sie gemeinsam die Bücher "Ode to Happiness” (2011) und "Shadows" (2015) beim deutschen Steidl-Verlag herausgebracht. Er hat geschrieben, sie hat illustriert. Noch so etwas, das das Internet aufseufzen lässt, darüber wie "dreamy" sein Boyfriend doch ist.

Es wäre doch wünschenswert, wenn der nächste Text über Alexandra Grant sich nicht damit beschäftigt, wie absolut verrückt es doch ist, dass sie mit 46 aussieht wie 46 und, dass sie trotzdem einen Hollywoodstar klar gemacht hat, sondern mit ihrer Kunst. Interessanter als die letzten Filme von Keanu Reeves ("Toy Story 4") ist die allemal.