Kunst-Schatzsuche in Paris

Wer findet den Murakami im Grand Palais?

Eigentlich sollte im Pariser Grand Palais gerade die Kunstmesse Fiac stattfinden. Die wurde wegen Corona abgesagt - stattdessen lädt die Galerie Perrotin nun zur Jagd auf Kunstwerke ein

Wer als kunstbegeisterter Mensch nicht mal eben ein paar Tausend bis Millionen Euro für ein Werk ausgeben kann, hat es im regulären Kunstbetrieb nicht unbedingt leicht. Doch am Wochenende könnten die Träume des einen oder der anderen vom eigenen Murakami dennoch wahr werden. Denn Galerist Emmanuel Perrotin lädt zu einer ganz besonderen Schatzsuche – und die kostet nicht einmal Eintritt.

"In dieser Zeit großer Unsicherheit hatte ich eine unkonventionelle Idee", sagt er und meint damit das Projekt "Wanted! Die Kunst gehört Euch", das seine Galerie in Kooperation mit dem Grand Palais ins Leben gerufen hat. Und das soll folgendermaßen ablaufen: Am Wochenende des 24. und 25. Oktober werden die Besucher – nach vorheriger Anmeldung – in Gruppen in den Hauptraum des Grand Palais gelassen. Immer nur für 50 Minuten und bis maximal 500 Personen, so schreibt es das Hygienekonzept vor. Dort können sie dann den gewaltigen Raum, seine ungewohnte vollkommene Leere auf sich wirken lassen. Doch stattdessen werden sie wohl ausschwärmen und an den naheliegenden bis unmöglichen Stellen nach Kunst suchen.


Perrotin konnte 20 der durch seine Galerie vertretenen Künstlerinnen und Künstler gewinnen, je eines ihrer Werke für seine Aktion beizusteuern. Die Regeln sind simpel: Wer eines dieser 20 Kunstwerke findet, darf es behalten und mit nach Hause nehmen. Doch Takashi Murakami, Daniel Arsham, Emily Mae Smith und ihre Kolleginnen und Kollegen wollen es den Schatzsuchern natürlich nicht zu einfach machen: "Es ist erstaunlich mit wie viel Kreativität einige der Künstler ihre Werke im Grand Palais versteckt haben", sagt dessen Präsident Chris Dercon. Die Besucher sind deshalb aufgefordert, das für die Weltausstellung 1900 errichtete Gebäude bis in den letzten Winkel zu erforschen.

Eine Aktion, die ihresgleichen sucht - gleichzeitig ein beispielloser PR-Coup. Für die Galerie Perrotin, aber auch die Kunstszene generell. Und die hat diese Aufmerksamkeit derzeit dringend nötig. Die renommierte Kunstmesse Fiac ist Mitte September abgesagt worden, viele Künstler und Händler bangen um ihre Existenzen. "Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird, es scheint fast so, als sei alles möglich", sagt Perrotin. "Gewaltige, abenteuerliche und unverfrorene Projekte ermöglichen es uns in dieser Zeit noch eine Verbindung mit der Welt zu spüren." Kunstwerke seien in Zeiten der Krise kostbarer als jemals zuvor, weshalb es so wichtig sei, sie so vielen Menschen wie möglich anzubieten. Deshalb ist "Wanted!" auch ein Programmpunkt einer deutlich reduzierten Galerienwoche in Paris.

Dass er seine "unkonventionelle Idee" überhaupt realisieren konnte, verdankt Perrotin ausgerechnet der Absage der Fiac. Denn diese hätte aktuell in der Haupthalle des Grand Palais stattgefunden. Da wo sonst die Stände der Galeristen gestanden hätten, ziehen nun Kunstschatzjäger durch die Leere unter dem Dach aus Eisen und Glas – und sind damit die letzten Besucher, bevor das Grand Palais für eine mehrjährige Renovierung geschlossen wird.