Kuratieren und Klimakrise

"Unsere Generation könnte auf diesem Globus auch Schönes hinterlassen"

In der Klima-Debatte geht es oft nur um Extreme: Weltrettung oder Apokalypse. Was macht das mit der Kunst? Soll sie zuspitzen oder vermitteln? Ein Gespräch mit den Kuratorinnen Karen van den Berg und Ulrike Shepherd

Die Ausstellung "Apokalypse und Weltrettung" der Zeppelin Universität in Friedrichshafen zeigt interdisziplinäre Kunst, die sich auf unterschiedliche Weise kritisch zu menschengemachten "Endzeitszenarien" wie der Klimakatastrophe verhält. Wir haben mit den beiden Kuratorinnen Karen van den Berg und Ulrike Shepherd über die Optionen der Kunst angesichts einer "kollabierenden Welt" gesprochen. Dass gleichzeitig der UN- Weltklimagipfel in Glasgow, zu dem Chinas Präsident Xi Jinping nicht einmal anreiste, begann, ist mehr als nur Zufall.

Frau van den Berg, Frau Shephard, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist derzeit so hoch wie noch nie zuvor, und der globale Ausstoß von CO2 steigt weiter rasant an. Mit der von Ihnen kuratierten Ausstellung "Apokalypse und Weltrettung" sind Sie angesichts des Klimawandels dennoch durchaus zuversichtlich und stellen unter anderem "mögliche Rettungsszenarien" vor. Wie erklären Sie sich Ihren Optimismus?

Karen van den Berg: Ich denke nicht, dass die Ausstellung mit dem Begriff "Zuversicht" so ganz treffend beschrieben ist. Wer in unseren Ausstellungsraum eintritt, befindet sich zunächst in einer Art Bunker-Environment. Die Künstlerin Kateřina Šedá hat hier ein Ambiente geschaffen, das die Bildsprache des ikonischen Computerspiels "Fallout 3" aufgreift. Wände, Decke, Boden – alles ist grau und darauf gezeichnet sind merkwürdige Gänge und technoide Gebilde, die an übergroße Tresore erinnern. Daneben sind Zeichnungen von Regalen mit Vorräten, veralteten Computern und Ähnlichem erkennbar. Man muss dieses makabre Computerspiel, das ein postapokalyptisches Szenario nach einem verheerenden Atomkrieg entwirft, in der ein verbleibender, unfassbar naiver, kleiner Rest der Menschheit verzweifelt versucht in Atomschutzbunkern zu überleben, gar nicht kennen. Man versteht auch so, dass unser Ausstellungs-Environment ein eigenartig gestimmter Schutzraum ist.

Schützt er denn?

KvdB: Die Zeichnungen, die Kinder in einer Schule in Prag nach ausgewählten Bildvorlagen aus "Fallout 3" vor dem ersten Lockdown gefertigt haben und die dann gemeinsam mit Studierenden hier an der Uni auf die Wände gemalt wurden, übersetzen diese Idee des Schutzraumes in eine, wie wir finden, eindrückliche Bildsprache. Šedá hat hier eine rätselhafte, diskontinuierliche dreidimensionale Collage geschaffen, die sich intuitiv als Refugialraum erschließt. Dieser Raum bildet eine Umgebung und Klammer für alle anderen Arbeiten. "Apokalypse und Weltrettung" bezieht sich daher – das wird vielleicht schon deutlich – auch nicht allein auf den nahenden Klimakollaps, sondern versammelt verschiedene apokalyptische oder postapokalyptische Szenarien. Die beinahe magische blaue Fotografie von Levi van Veluw etwa lässt sich eher als Bild einer futuristischen posthumanen Zeit verstehen, in der Computer und künstlerische Intelligenzen die neuen Götter waren. Aber auch diese Zeit liegt schon in Scherben.

Dennoch sprechen Sie im Titel der Ausstellung von "Weltrettung".

KvdB: "Mögliche Rettungsszenarien", die sich tatsächlich ganz direkt und überhaupt nicht fiktiv auf den Klimakollaps beziehen, den Sie ansprechen, entwirft nur der britische Architekt Michael Pawlyn. Pawlyn ist der Mitbegründer von "Architects Declare", einem internationalen Verbund von 6000 Architektur- und Design-Büros, die angesichts der Klima-Notlage versuchen in großem Maßstab etwas zu entwickeln, was sie „regeneratives Design“ nennen.

Was verstehen sie darunter?

KvdB: Nachhaltigkeit, so lautet dabei die Devise, bedeutet nur "weniger schlecht". Das Bewahrende reicht längst nicht mehr aus. Deshalb will Pawlyn mit seiner Biomimicry-Methode aus Millionen Jahren Evolution irdischen Lebens Gestaltungsprinzipien ableiten, mit denen er meint, den verheerenden klimatischen Entwicklungen regenerativ entgegenwirken zu können. Er wirbt daher seit vielen Jahren als Architekt, Aktivist, Lobbyist und TED-Talker für seinen Ansatz. Die Entwicklung seiner Überlegungen dokumentiert er auf einer großen Wand mit Zeichnungen und Texten. Außerdem hat er im Rahmen der Ausstellung einen Workshop für die hiesige Architektenkammer angeboten. Seine Projekte, wie etwa sein "Sahara Forest Project"  von 2014, das mit Solar Panels, Windrädern, Gewächshäusern im gigantischen Maßstab so etwas wie die Wiederbegrünung der Wüste vorschlägt, sind dabei durchaus auch ambivalent, weil sie in ihrer menschenleeren Dimension auch auf erschreckende Weise an die gigantomanischen Masterpläne der frühen Moderne erinnern.

Verzweifelter Rückzug, wenn man so will, bei Šedá, ergebnisorientierte Pragmatik bei Pawlyn – zwei sehr unterschiedliche Haltungen angesichts lebensbedrohlicher Gegenwart stehen da zur Diskussion. Dazu unter anderem auch die Haltung des engagierten Aktivismus, die Oliver Ressler in seinen Videos vorführt. Geht es euch also auch darum, mögliche (politische) Optionen von Kunst zu hinterfragen?

Ulrike Shepherd: Im Kontext einer Universität bleibt es zum Glück nicht aus, dass die gezeigten künstlerischen Positionen auch hinterfragt werden. Aber es war nicht unsere Intention mit der Ausstellung, die politische Wirkmacht der Kunst in Frage zu stellen. Vielmehr geht es in der Ausstellung, die ja in ein interdisziplinäres Gesamtprogramm mit Vorträgen und Workshops eingebunden ist, darum anhand der ausgewählten Arbeiten, Weltgeschehen zu befragen. Die bild- und wortgewaltigen und für einen Ausstellungstitel geradezu überdimensionierten Begriffe "Apokalypse und Weltrettung" sollen durch das einjährige Ausstellungsprojekt vor allem sinnlich erforscht und interaktiv erlebt werden.

Was heißt das?

US: Dafür wurde der Ausstellungsraum "White Box" von Kateřina Šedá in einen Erfahrungs- und Projektraum transformiert. Das Ergebnis aus dem von ihr initiierten partizipativen und über Grenzen hinaus involvierenden Prozess ist ein Ort, in dem die Zeit angehalten zu sein scheint. In Šedás Zeitkapsel werfen die Arbeiten von Agnes Denes, Arava Institute, Orkhan Huseynov, Michael Pawlyn/Exploration Architecture, Oliver Ressler, Levi van Veluw und Pinar Yoldas Schlaglichter auf die menschengemachten apokalyptischen Szenarien und die zarten oder auch großangelegten Ansätze eines Wiederaufbaus. Ihre jeweiligen Narrative bleiben dabei eigenständig und erzeugen im Raum eine spürbare Spannung. Der Raum ist eine Anregungsarena, die auch voller Widersprüche bleibt und daher Sinne und Intellekt in Bewegung versetzt. Von daher kann das Ausstellungssetting dann sicherlich auch als politischer Impulsgeber verstanden werden.

Sorry, aber das ist mir zu schwammig: “Weltgeschehen hinterfragen“, "spürbare Spannung", "politischer Impulsgeber". Glaubt ihr wirklich, die gezeigten Arbeiten haben so etwas wie "politische Wirkmacht"? Könnt ihr das bitte konkret an ein, zwei Exponaten beschreiben?

KvdB: Wenn wir den Arbeiten keine Wirkmacht zutrauen würden, hätten wir sie nicht ausgestellt, denn mit der Frage, was eine Ausstellung angesichts des Klimanotstands überhaupt leisten kann, sehen wir uns an einer Universität, an der die "Fridays for Future"-Generation die gesamte Kultur sehr spürbar mitbestimmt, ständig konfrontiert. Und das ist auch gut so. Aber was hat die Ausstellung hier zu bieten? Agnes Denes etwa zeigt einen Film ihres Projekts "Tree Mountain". Darin dokumentiert sie in eindrücklichen Aufnahmen den aktuellen Zustand eines Langzeitprojektes, bei dem sie 1992 anlässlich des Weltklimagipfels in Finnland einen 420 x 270 Quadratmeter großen und 38 Meter hohen künstlichen Berg in einem ehemaligen Kiesabbaugebiet anlegen ließ. Dieser Berg wurde von 11.000 Personen mit 11.000 Bäumen bepflanzt, die wiederum in kunstvollen elliptischen Reihen angeordnet wurden. Für jeden Baum gab es jeweils ein vererbbares Zertifikat. Zugleich verpflichtete sich die finnische Regierung darauf das so entstandene künstliche Waldgebiet über 400 Jahre unberührt zu lassen.

Und was passiert, wenn wir den Film heute sehen?

KvdB: Denes‘ Film dieses künstlichen Waldes, mit dem die finnische Regierung vor beinahe 30 Jahren die Selbstverpflichtung zur Linderung der Umweltbelastung unterstreichen wollte, erinnert einerseits daran, dass unsere Generation auf diesem Globus auch Schönes hinterlassen könnte. Zugleich können die Bilder einem aber auch genau deshalb ganz schön an die Nieren gehen. Denn was ist schon eine Fläche von ein paar Fußballfeldern? Was sind 400 Jahre angesichts der Erdzeit oder angesichts der Halbwertszeit von Plutonium? Wie abgefahren und unwahrscheinlich aber kommt es uns trotzdem vor, wenn sich Menschen und Regierungen auf 400 Jahre zu etwas verpflichten? Die Arbeit macht daher Zeit- und Raumdimensionen spürbar, auf die es unser tägliches Handeln zu beziehen gilt, wenn wir diesen Planeten nicht sehenden Auges zerstören wollen.

US: Auf dieses Denken in anderen Zeitdimensionen verweisen im Übrigen auch die Arbeiten von Pinar Yoldas aus der Serie "An Ecosystem of Excess", die ein post-humanes Ökosystem entwerfen und danach fragen, wie irdisches Leben aussehen würde, wenn es unter den heutigen Bedingungen in übersäuerten und plastikverschmutzten Ozeanen nochmals entstehen müsste. In einer deutlichen Spannung zu diesen Arbeiten stehen dann aber wiederum Oliver Resslers Videodokumentation des Klimagipfels in Venedig und Orkhan Huseynovs Videoarbeit "Calentamiento Global" – eine sarkastische Neusychronisierung mexikanischer Soaps aus den 1980er Jahren, in denen der Künstler Szenen aus sentimentalen Liebesdramen in Dialoge zur Klimakatastrophe verwandelt. Einige Projekte spielen insofern ganz direkt das politische Tagesgeschehen ein, oder lassen die Mentalität der 1980er Jahre wie eine halbe Ewigkeit entfernt scheinen, während Yoldas gegenwärtiges Leben, die Entstehung von Leben überhaupt und futuristische Formen eines möglichen zukünftigen Lebens in erschreckend schöne Bilder bringt.