"Wie ein Haufen Kacke"

Moskau streitet über Skulptur von Urs Fischer

Eine Skulptur des bekannten Schweizer Künstlers Urs Fischer hat in Russlands Hauptstadt Moskau einige Diskussionen ausgelöst

"Big Clay #4" ("Großer Lehm #4") heißt das zwölf Meter hohe Werk aus Aluminium und Stahl - und soll, wie der Name schon sagt, einen Haufen aus Lehmklumpen darstellen. Es sei ein Symbol für Unvollkommenheit und Transformation, erklärte die russische Stiftung für zeitgenössische Kunst V-A-C. Das Problem: Viele Moskauer erinnert der Brocken eher an einen gigantischen Exkrementhaufen.

"Big Clay" sehe aus wie "ein Haufen nicht besonders akkurater Kacke", spottete der Komiker Maxim Galkin, kurz nachdem die Skulptur an der Bolotnaja Nabereschnaja am Ufer der Moskwa aufgestellt worden war. Er hoffe, dass sie bald wieder aus dem Stadtzentrum verschwinde. Der Architekturkritiker Grigori Rewsin schrieb unlängst etwas versöhnlicher: "Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und das gilt auch für Scheiße." Auch die Reaktionen in den sozialen Netzwerken reichen von Zustimmung über Belustigung bis hin zu Ablehnung.

Doch was nach roher Kraft aussieht, ist Ergebnis eines komplexen Prozesses. Der Künstler modelliert in der Werkserie, deren Teil "Big Clay #4" ist, sehr schnell aus Lehmklumpen Kleinplastiken. Sie werden eingescannt und mit Hilfe eines 3-D-Druckers entsteht Schicht für Schicht ein vergrößertes Modell aus Gips und Bindemittel. Davon nimmt Fischer dann einen Abguss und kann schließlich die Formen, die im Kleinen entstanden sind, als große Außenskulptur präsentieren. Der Clou: Auf ihnen sind noch die nun riesenhaften Fingerabdrücke zu erkennen.

Schrecken vor so viel Körperlichkeit

Und so ist es häufig mit diesem vermeintlichen Grobian: Seine Arbeiten wirken brachial, dann erst entdeckt man die Umwege, die der Künstler gegangen ist. Seine Schöpfungen legen oft eine tragische Verzerrtheit, eine Nähe zu Exkrement und Schmutz und Schmerz an den Tag. Dadurch wirkt die Fischer-Kunst auch melancholisch, unruhig und erzeugt einen kindhaften Schrecken vor zu viel Körperlichkeit.

In Moskau ist der Streit um den Riesen-Klumpen auch zwei Wochen nach seiner Installation nicht abgerissen - ebenso wenig wie das Interesse vieler Russen. An einem sonnigen Spätsommertag posieren dort immer wieder Menschen für Fotos und Selfies. Auch Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin schaltete sich kürzlich in die Diskussion ein - wenn auch sehr diplomatisch: Der Metall-Haufen sei ein kreatives Kunstwerk und weltweit gefragt, erklärte er. In neun Monaten solle das Werk, das zuvor bereits in Florenz und Manhattan ausgestellt war, in ein anderes Land weiterreisen.