Kreativität als Standortfaktor

Be Tesla, be Berlin!

Elon Musk will den Mars besiedeln, landet aber vorerst im märkischen Sand: Sein Unternehmen Tesla eröffnet Standorte in und bei Berlin. Auch wegen der Kunst, die es hier gebe. Dabei wankt der Mythos vom kreativen Berlin längst

Die Erzählung vom "Kreativstandort Berlin" kann mittlerweile jeder auswendig, sie war nie ganz wahr, nie ganz falsch - und sie wurde bis zum Umfallen instrumentalisiert. Sie beginnt beim Mauerfall vor 30 Jahren und mit dem vielen Platz für künstlerische Zwischennutzung, findet ihren Höhepunkt in dem zynischen Slogan "Arm, aber sexy" und schmeckt angesichts steigender Ateliermieten, Galerieschließungen, Sammlermangel und Verdrängung von "armen, aber sexy" Künstlerinnen und Künstlern aus dem Zentrum mittlerweile nur noch bitter.

Doch jetzt, nachdem selbst das Stadtmarketing die umstrittene "Be Berlin"-Kampagne aufgegeben hat, steht das Narrativ auf einmal wieder im enger werdenen Raum. "Berlin rockt!", rief gestern der visionäre Unternehmer Elon Musk bei der Verleihung des "Goldenen Lenkrads" in die Mikrofone. Seine Firma Tesla wird eine Fabrik im Umland von Berlin bauen, in Berlin selbst soll zudem ein Design- und Entwicklungszentrum für die teuren Elektroautos entstehen. Wer den Mars besiedeln will, wie Musk mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX, schafft auch die Landung in der Industriewüste Berlin-Brandenburg.

Die Standortwahl begründete Musk unter anderem mit den Worten: "Ich glaube, Berlin hat mit die beste Kunst in der Welt." Das klingt wie eine willkommende Wiederauflage des Mythos vom kreativen Berlin. Kann also sein, dass sich nicht nur Wirtschaftssenatorin Ramona Pop die Hände reibt, auch das Stadtmarketing dürfte sich freuen.

Die Stadt feiert Künstler ab, tut aber nicht genug für sie

Denn in einer Stadt mit einer dysfunktionalen Verwaltung, mit Wohnungsnot und Kostenexplosionen bei Bauvorhaben kommt die Erzählung vom kreativen Chaos wieder sehr gelegen. "Was in der Subkultur Berlins vor der Wende noch eine avantgardistische Prämisse war, hat sich heute zu einer ökonomischen Größe entwickelt", sagte kürzlich Kurator Anh-Linh Ngo, der im Neuen Berliner Kunstverein mit einer Ausstellung die Selbstvermarktung des kreativen Berlins darstellte, im Monopol-Interview. "Kaum ein Treffen von Wirtschaft und Politik geht heute zu Ende, ohne dass Kreativität als funktionale Variable beschworen wird. Es ist die Rede von der Kreativindustrie, von der Creative Class, von der Creative City. Ursprünglich als Mittel zur Überwindung der funktionalistischen Gesellschaftsform gedacht, ist sie selbst funktionalisiert worden und hat ihren kritischen Gehalt längst verloren."

Kreativität sei zu einem Strategem des Marketings avanciert. Das aber setzt wieder die eigentlichen Künstlerinnen und Künstler unter Druck, die durch die Stadt, die sie abfeiert, jahrelang wenig unterstützt wurden und jetzt durch die angelockten Kreativen verdrängt werden. Seit rund zehn Jahren fallen nach Einschätzung der Experten jährlich etwa 350 bezahlbare Arbeitsräume für Künstler etwa durch Neunutzungen weg.

Ein Drittel der Berliner Künstler verfügen über keinen Arbeitsraum

Laut einer Studie des Instituts für Strategieentwicklung arbeiten in Berlin etwa 8.000 Künstlerinnen und Künstler, von denen aber nur die wenigsten von ihrer Kunst leben können. Trotz Nebenjobs verdienen sie im Schnitt 20.000 Euro im Jahr, Künstlerinnen verdienen etwa 30 Prozent weniger als männliche Kollegen. Und ein Drittel der 8.000 Künstlerinnen und Künstler verfügen über keinen Arbeitsraum.

In jüngster Zeit steuert der Senat dagegen. Doch der Unmut gegen diese Entwicklung trifft gerade Start-up-Unternehmen und Techfirmen, die von der Verheißung eines kreativen Umfelds angezogen werden. So haben Aktivisten vergangenes Jahr verhindert, dass Google in Berlin ein altes Umspannwerk zum Start-up-Campus umbaut. Und mit der Ausstellung "Eigenbedarf" haben namhafte Künstlerinnen und Künstler, die ihre Ateliers in den Uferhallen im Stadtteil Wedding haben, in diesem Sommer ein wichtiges Statement abgeliefert. Eine Investorengruppe, zu der auch die Gründer des Start-up-Giganten Rocket Internet gehören, hatte das Areal gekauft.

In diese aufgeheizte Stimmung platzt jetzt also Elon Musk mit seinem "Berlin rocks!" Der Unternehmer ist launisch und schnell beledigt, das hat er oft genug bewiesen. Wird er mit Gegenwind fertigwerden? Wie Teslas Landung in Berlin aussehen wird, hängt auch von der Politik ab. Ramona Pop hat schon den bald stillgelegten Flughafen Tegel als Standort für das Tesla-Designzentrum vorgeschlagen, ein Ort, der nach "Tagesspiegel"-Informationen eigentlich unter anderem von Kultursenator Klaus Lederer bereits als Ort für Ateliers ins Gespräch gebracht wurde.