On:Off-Kolumne

Das Zeitalter der Humanoiden beginnt

Nvidia-Chef Jensen Huang inmitten von Roboter-Bildern am 18. März bei der Entwicklerkonferenz GTC in San José
Foto: Eric Risberg/AP/dpa

Nvidia-Chef Jensen Huang inmitten von Roboter-Bildern am 18. März bei der Entwicklerkonferenz GTC in San José

Roboter sind heute in der Lage, sich Fähigkeiten selbst anzueignen und sich gegenseitig zu trainieren. In naher Zukunft könnten sie Millionen von Jobs erledigen. Und was machen wir dann? 

Vor 20 Jahren erschien der Film "I, Robot" von Alex Proyas. Der Blockbuster, der auf dem gleichnamigen Buch von Isaac Asimov aus dem Jahr 1950 basiert, spielt in Chicago im Jahr 2035. Humanoide Roboter der Firma U.S. Robotics, dessen CEO Lawrence Robertson der reichste Mann der Welt ist, sind in der Gesellschaft fester Bestandteil geworden. Sie verrichten einfache Arbeiten, bis eines Tages der Chefentwickler von U.S. Robotics nach einem Sturz aus seinem Büro tot aufgefunden wird. Was nach einem Selbstmord aussieht, könnte die Tat eines Roboters gewesen sein. Wie es scheint, entdecken die Humanoiden so etwas wie eigene Emotionen – was zu weitreichenden Konsequenzen führt.

Schaut man auf den heutigen Alltag, sind Roboter in vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Man denke nur an die Automobilindustrie, Staubsaugerroboter, Drohnen – nur menschenähnlich sind sie in Ausnahmefällen. Nicht erst seit Fritz Langs "Metropolis" existieren Vorstellungen von humanoiden Robotern in der Popkultur. In der Cartoon-Serie "Jetsons" verrichtet der Roboter Rosie die Heimarbeit, in Terminator bedrohen Roboter die Menschheit und gerade das Menschelnde von C-3PO und R2-D2 machte sie zu den heimlichen Helden der Star-Wars-Saga von George Lucas. Nun beginnt aber auch jenseits der Science-Fiction das Zeitalter der Humanoiden.

Waren sie bislang eher Experimente oder Schaustücke wie Hondas ASIMO, sollen sie, geht es nach Firmen wie Amazon, Tesla, NVIDIA und Open AI, bald zahlreiche menschliche Aufgaben übernehmen und vor allem zum einträglichen Business werden. Goldman Sachs schätzt für 2035 (interessanterweise das Jahr in dem "I, Robot" spielt) den Markt für humanoide Roboter auf 38 Milliarden US-Dollar. Die derzeitigen Entwicklungsschritte sind enorm. Auch weil generative und multimodale KIs wie etwa ChatGPT in die Roboter integriert werden können. 

Das Start-up Figure entwickelt derzeit den kommerziellen Humanoiden Figure 01 und gilt als Überfliegerunternehmen der Branche mit Investitionen von Jeff Bezos, Microsoft und NVIDIA. Die Firma wird seitdem auf 2,6 Milliarden US-Dollar taxiert, was sie zum sogenannten Unicorn macht. Wie die Integration von multimodalen KIs aussieht, zeigt dieses kürzlich veröffentlichte Video. Figure 01 ist nicht nur in der Lage Konversationen zu betreiben, auch kann er Situationen analysieren und einordnen.


Dass Figure 01 mehr sein wird als ein Marketing-Gag, zeigt BMW: Der Autobauer will in der geplanten Autofabrik in Spartanburg in South Carolina Figure-Roboter integrieren. Auch Amazon entwickelt mit dem Unternehmen Agility Robotics eine eigene Humanoid-Plattform mit dem Namen Digit. Hier ist das Aufgabenfeld eindeutig: Digit soll in der Logistik und in den riesigen Lagerkomplexen des Unternehmens notwendige Arbeiten verrichten. Und hier zeigt sich auch, weshalb Humanoide für so viele Bereiche eine so wichtige Rolle spielen werden. Musste man für bisherige Industrieroboter wie die Produktionsarchitektur in der Automobilfertigung an die Industrieroboter-Logiken anpassen, können sich Humanoide mühelos in der für Menschen geschaffenen Welt bewegen und nützlich machen. Treppen, Türen, Lichtschalter, Regale müssen nicht neu gedacht werden.

Das betrifft auch große Lagerhallen und Fertigungsstraßen von Autos. Die weiteren Vorteile liegen auf der Hand: Roboter wie Digit können fast 24 Stunden und sieben Tage die Woche durcharbeiten, solange deren Akkus rechtzeitig ausgetauscht werden. Roboter melden sich nicht krank, gründen keine Gewerkschaft, machen keine Raucherpausen und brauchen weder Urlaub, Wochenende noch andere Anreize. 

 

Auch das Unternehmen Figure betont, dass zehn Millionen Stellen in den USA unbesetzt wären, davon sieben in den Bereichen Logistik, Lager und Verkauf. Ein weiterer Player in dem Segment ist Tesla. Ende 2023 wurde das Modell Optimus Gen 2 vorgestellt. Firmenchef Elon Musk verkündete kürzlich, dass man plane, Milliarden dieser Roboter zu produzieren und zu verkaufen. Dabei soll Optimus weniger als halb so teuer wie ein Auto von Tesla werden, also 20.000 bis 25.000 Dollar kosten. Selbst im Mindestlohnsektor wäre das maximal ein Jahresgehalt. Zwar wissen wir, dass Elon Musk gerne mal halbgare Versprechen hinausposaunt, um für Furore zu sorgen. Aber der Wettstreit um die Vorherrschaft in dem Segment ist bereits im vollen Gange. 

Der Chiphersteller NVIDIA stellte Mitte März die Plattform GR00T vor, die das Lernen und Programmieren von humanoiden Robotern revolutionieren soll. Denn im Zeitalter von KI muss nicht mehr jeder einzelne Schritt und Handgriff minutiös durch Menschen vorgegeben werden. Roboter sind nun in der Lage, sich Fähigkeiten selber anzueignen und können sich gegenseitig virtuell trainieren. Sie schreiben also ihre Codes selber. Man könnte das auch die Automation der Automation nennen. Betrachtet man die Fortschritte, die KI allgemein in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat, kann man erahnen, was das bedeutet. 

Bislang hatten humanoide Roboter in der Gesellschaft mit immensen Akzeptanzproblemen zu tun.  Ein flacher Rasenmäherroboter ist vermeintlich abstrakt. Der Grusel, den viele fühlen, wenn sie mit humanoiden Robotern zu tun haben, ist nicht zu unterschätzen. Aber das scheint nun immer zweitrangiger zu werden. Evident sind die gesellschaftlichen Implikationen, die mit diesen Entwicklungen einhergehen. Für Giganten wie Amazon oder BMW ist es vielversprechend, Fließband- und Lagerarbeit durch Roboter zu ersetzen. Auch die Arbeitskämpfe der GDL wirken in dem Licht nahezu romantisch. Wenn Autos schon fast autonom auf Straßen unterwegs sind, wieso soll das mit Zügen auf Schienen in Zukunft anders sein?

300 Millionen Jobs könnten überflüssig werden

Goldman Sachs rechnet mit 300 Millionen Jobs, die allein durch Humanoide überflüssig werden. Das entspricht fast der Gesamtbevölkerung der USA. Parallel werden aber auch zahlreiche weniger körperliche Arbeiten durch KI auf den Prüfstand gestellt. Darunter zählen nicht nur die Bereiche Textproduktion, Medien oder Grafikdesign, sondern auch Medizin, Architektur, Finanzen, Management, Jura, Transport- und das Bankenwesen.

Kürzlich spielte ich das fulminante aber auch bitterböse Game "Cyberpunk 2077". Ein Szenario in nicht allzu ferner Zukunft, in der fiktive Firmen wie Militech und Arasaka das Sagen haben und die Straßen geflutet sind von Drogen-Zombies, dubiosen Machenschaften und Kriminalität. Was sollen Menschen mit ihrem Leben auch machen, wenn sie nichts mehr zu tun haben?

Und es wirkt heute schon naiv zu glauben, diesen Entwicklungen demokratisch oder politisch Einhalt bieten zu können. In dem Film "I, Robot" begreift die übermächtige KI V.I.K.I., die Roboter steuert, dass die Menschen das eigentliche Problem auf der Welt sind und will sie ausrotten, weil nur so der Planet gerettet werden kann. Auch im Marvel-Blockbuster "Avengers: Age of Ultron" von 2015 zettelt die KI Ultron einen Krieg gegen die Menschheit an, weil sie für Elend, Zerstörung, Hunger und Armut verantwortlich ist. Recht haben wahrscheinlich beide. Die Ursache und Schuld liegt in beiden Filmen aber darin, die Katze überhaupt erst aus dem Sack gelassen zu haben.