Katharsis im Werk von Marco Schmitt

"In meiner Kunst handle ich frei nach dem Motto: Geh aufs Ganze"

Dieser Künstler ist Medium, Hohepriester, Business-Berater und Kunst-Seelsorger in einem: Ein Interview mit Marco Schmitt – an den Grenzen zum Unfassbaren

Lieber Herr Schmitt, die Ausstellung im Haus am Lützowplatz mit dem Titel "Kunst kann" konnte pandemiebedingt leider nicht wie geplant eröffnen. Trotz fehlender Zuschauer wurde die Ausstellung aufgebaut, es hat Online-Führungen und eine Online-Performance gegeben. Für einen Künstler wie Sie, denke ich mir, ist der Raum, in dem Sie ausstellen, ja eine wichtige Sache?!

Ja, Frau Gien, da liegen Sie richtig. Für mich und meine Kunst ist der "echte" Raum mitsamt Zuschauer:innen sehr wichtig, da ich mit raumfüllenden Multimedia-Installationen, Performance und Partizipation arbeite. Besonders wichtig waren die Besucher:innen, da das Ausstellungsformat davon lebte, dass sie mit den Kunstwerken direkt interagieren und selbst wie ein Künstler aktiv und kreativ handeln konnten. Um der Frustration, den analogen Raum nicht nutzen zu können, entgegenzuwirken, hat das Haus am Lützowplatz eine Zwischenlösung gefunden: Rundgänge mit Online-Avataren, deren Körper und Hände die Besucher:innen "ausleihen", an den Lernstationen aktiv werden und künstlerischen Handlungsanweisungen folgen konnten. Auch wenn das Ganze als zusätzliches Vermittlungsangebot definitiv kein Ersatz für die echte Raumerfahrung war, konnte ich mithilfe der digitalen Räume, die ja ohnehin mit Illusionen von Anwesenheit arbeiten, eine gemeinsame Illusion schaffen: Die Besucher:innen konnten den "physischen" Raum verlassen und durch Atmung und Imagination ein "leichtes" Kunstwerk in ihrer Vorstellung erschaffen.

Bei dem, was Sie da tun — Ihren Performances, Videoarbeiten und Ihren "COA CHING"-Seminaren — geht es, nach dem Motto "Kunst kann", gefühlt um alles. Was hat eine ganzheitliche Lebensberatung in der Kunst zu suchen?

In meiner Kunst handle ich frei nach dem Motto "Geh aufs Ganze", ohne jetzt draufgängerisch wirken zu wollen. Eine leichte Überforderung ist didaktisch besser als Unterforderung. Die Welt ist überfüllt mit Lebensberater:innen, die uns sagen wollen, wie man erfolgreich wird, aber was „Erfolg“ für jeden Einzelnen bedeutet, liegt vor allem im Auge des Betrachters. Eine ganzheitliche Lebensberatung ist für mich eine Kunstform. Ein "ganzheitliches" Kunstwerk kann auch eine gute Lebensberatung sein und einen ein Leben lang beraten, jedes Mal, wenn man es anschaut und mit ihm in Kontakt tritt. Wenn die Leute eine Installation von mir erfahren oder sich ganz auf eine Performance oder COA CHING Seminar einlassen, dann können sie im besten Fall ein ganzes Leben lang davon profitieren.

Überforderungsorientierte Art-Life-Balance?

Es geht darum, mit Menschen die Zeit zu vergessen und durch Kunst die Komplexität der Welt zu analysieren und ganzheitliche Vernetzungen durch kognitive Erfahrungen zu schaffen. Ein ganzheitliches Bewusstsein schafft freies Denken und Handeln und erzeugt das Potential zum freien Träumen. "Freiheit" wird einem nicht unbedingt mit einer Lebensberatung gegeben, sondern man muss sie sich selbst ganzheitlich erarbeiten und umsetzten. Als Künstler bin ich ein Medium, das sich intuitiv im ganzheitlichen Universum auflösen kann, um ekstatische Bewusstseinserweiterungen zu erfahren. Die Gleichzeitigkeit eines kritischen, poetischen, rationalen, irrationalen, visuellen und abstrakten Denkens ist wichtig, und ich möchte die Menschen mit meiner Kunst auf eine Reise schicken, um diese Ganzheitlichkeit erfahrbar zu machen.

Sie sind gewissermaßen also ein spiritueller Heilsökonom?

Als Künstler bin ich mal Berater und vermittle das Know-How, dann bin ich Coach, stelle Fragen, aktiviere systemische und begleite psychologische Prozesse, um eine Hilfe zur Selbsthilfe zu schaffen. Ich glaube, wenn wir alle zusammen ganzheitliche Träume haben, dann können wir sie auch umsetzen und eine neue und balancierte Welt bauen. Schritt für Schritt ins Paradies. 

In vergangenen Performances in Zürich und auf der Material Art Fair haben Sie mit spirituellen und therapeutischen Gruppenerfahrungen gearbeitet, um ihre Zuschauer ins Paradies zu befördern, und 2019 haben Sie in der Kunsthalle der IG Metall eine Art Teufelsaustreibung durchgeführt, die, wie ich hörte, nicht gut ausging. Wie ist das? Wollen Sie uns reinigen?

Ja, Reinigung ist gut! Mit meiner Kunst möchte ich therapeutische Reinigungsprozesse aktivieren und durch spirituelle und ästhetische Erfahrungen das Bewusstsein unserer Psyche vorantreiben. Eine Katharsis kann durch einen kollektiven Metabolismus stattfinden, bis eine Kettenreaktion an kreativen Prozessen ins Rollen kommt. Es ist toll, eine Reinigung zu schaffen, indem man sich zusammen die Finger "schmutzig" macht. Kollektiv-kreative Prozesse schaffen multi-perspektivische Betrachtungsweisen und Empathie.

Empathie?

Ja. Bei der Manifesta 11 in Zürich habe ich mit Polizist:innen Method-Acting-Workshops gemacht, um ihnen beizubringen, sich "selbst" vor der Kamera zu spielen und einen Film im Kriminalmuseum umzusetzen. Mein Film "Xterminating Badges" ist eine Adaption an Luis Buñuels surrealistisches Meisterwerk "El Angel Exterminador" ("Der Würgeengel", 1962), in dem es darum geht, dass die Gäste bei einer Dinner Party in eine Villa "eingeschlossen" sind und diese nicht verlassen können, obwohl sie "physisch" nicht daran gehindert werden. Durch die Konfrontation mit dem Surrealismus habe ich den Polizist:innen gezeigt, wie "frei" die Sicherheit und wie "sicher" die Freiheit sein kann. Im Chor haben sie eine schweizerische Version des Liedes "Schritt für Schritt ins Paradies" der Berliner Band Ton Steine Scherben gesungen. Beim Keramik-Workshop haben die Polizist:innen surreale Tonfiguren modelliert und ihren Beruf kritisch und kreativ reflektiert. Die Ergebnisse waren: Ein Pfefferspray-Pinguin, ein Taser-Huhn und eine Schlagstock-Schlange. Die Polizist:innen sahen sich selbst und die Welt mit ganz anderen Augen.

Einmal haben Sie auch gemeinsam mit Messebesuchern Ihren "Solar Anus" erkundet. Wie war das?

Das war bei der Kunstmesse "Material Art Fair" in Mexico-City. Da habe ich eine kollektive Meditation angeleitet, bei der sich die Teilnehmer:innen durch ihren "Anus" mit der Erde und durch ihre Fontanelle mit der Sonne verbinden, um ihren "Solar Anus" zu entdecken. Es war toll, als der Vulkan Popocatépetl am nächsten Tag ausgebrochen ist und ihren "Solar Anus" ausgespuckt hat.

Scheint so allerhand Naturgewalt auszulösen, so ein Ritual … Wie die verunglückte Teufelsaustreibung bei der IG Metall?

Na ja, zunächst muss man einmal die Umstände klären: Damals habe ich mit Arbeiter:innen und Mitgliedern der IG Metall Berlin, Brandenburg und Sachsen einen Workshop über "Die Arbeit der Zukunft" geleitet und mit ihnen einen experimentellen Film gedreht. Bei meiner Ausstellungseröffnung "Agility" in der IG Metall Kunsthalle habe ich mit einem Arbeiter eine Performance gemacht, die eine Adaption von Dantes "La Divina Commedia" war. Die Oper-Performance war eine Art "Teufelsaustreibung" und gleichzeitig auch eine "Teufelseintreibung", bei der ich selbst den "Luzifer" spielte. Der Arbeiter übernahm die Rolle des Papagenos aus Mozarts "Zauberflöte", wurde zugleich symbolisch zum reichsten Mann der Welt und sang: "So kann ich froh und munter sein, denn alle Menschen und Milliarden sind ja mein!" Am Ende wollten Luzifer und Papageno im Aufzug in den Himmel emporsteigen und blieben im dritten Stock stecken und konnten erst nach 45 Minuten vom Notfallservice befreit werden. Wer jetzt sagt, dass die "Teufelsaustreibung" schiefgelaufen ist, hat vielleicht Recht, aber das liegt auch im Auge der Betrachterin. Aus künstlerischer Sicht ist dieses überraschende Scheitern ein wertvoller Erfolg und man hätte sich wirklich kein besseres Ende denken oder wünschen können.  

Neben spirituellen Methoden nutzen Sie in Ihren Arbeiten auch zahlreiche Elemente aus der Business-Beratung, wenn ich das richtig verstanden habe?

Ja, ich habe sogar ein Fortbildungsstudium zum systemischen Coach absolviert und mir im Management-Institut eine große Bandbreite psychologischer Methoden und kognitiver Lern- und Verarbeitungsprozesse aus der Business-Beratung angeeignet. Meine Kunstpraxis sollte mit den Methoden des systemischen Coachings verschmelzen und dabei ist meine eigene Methode entstanden: Das "COA CHING" ist eine Waffe und fördert ein ganzheitliches Mindset.

Wie das?

Im Zeitalter des Turbokapitalismus werden alle gesellschaftlichen Bereiche an die pervertierten neo-liberalen Wirtschaftsstrukturen angepasst und unterworfen. Mit meiner Kunst will ich genau in diese Bereiche vorstoßen, um direkt vor Ort zu arbeiten. Bei meinem "COA CHING"-Workshop mit Mercedes-Benz bin ich wie ein "Trojanisches Pferd" in die Macht- und Hierarchiestrukturen des Konzerns vorgedrungen. Als Künstler-Coach habe ich zwischen Design-Thinking und Creative-Leadership mit meinen "COA CHING"-Methoden im Auftrag der Kunst das Art-Thinking etabliert, losgelöst von optimierten Corporate-Thinking des Konzerns. Ich aktivierte Konflikte, die förderlich für das Projekt waren, und konnte gemeinsam mit meinem Team "Das Kunstwerk der Zukunft" im Autowerk Sindelfingen entwickeln und vor Ort mit den vorhandenen Ressourcen produzieren lassen. Die dabei entstandene Skulptur und das Video, das den Prozess des Workshops zeigt, wurden zusammen in der Ausstellung "#material4.0" in der Städtischen Galerie Sindelfingen gezeigt. 

Ist Ihre Kunst auch als Anleitung zum gesellschaftlichen Wachstum zu verstehen? Welche Bilanz ziehen Sie nach all den Jahren?

Gerade in diesem Kontext verstehe ich meine Kunst auch als eine solche Anleitung, weil ganzheitliche Prozesse aktiviert werden, um kreative Potenziale der Gesellschaft zu befreien. Toll wäre es, wenn parallel zur vierten industriellen Revolution auch eine gesellschaftliche Revolution stattfinden würde, unabhängig vom exponentiellen Wirtschaftswachstum. Ich versuche mit meinem "COA CHING" die Mikrotopien der Menschen zu befreien und ihren kulturellen Reichtum auf die Spitze des kapitalistischen Eisbergs zu treiben, sodass alle mit Freiheit im soften Kapital schwimmen und eine Balance mit dem harten Kapital herstellen können. Meine Bilanz nach all den Jahren ist: Ich bin hochmotiviert, nicht nur für den Feminismus auf die Barrikaden zu gehen, sondern auch, den technokratischen Kapitalismus mitsamt seiner alten Salami-Taktik durch die Kraft der Menschlichkeit und die kreative Power der Kunst zu bekämpfen. Wir können alle zusammen daran arbeiten, dass eine kreative Disruption um sich greift, die zu Gerechtigkeit und Balance führt.

Gerechtigkeit und Balance hört sich gut an. Aber in Ihrer Installation "Grenzgewölbe" führen Sie die Besucher auch durch einen optisch-illusorischen Zwischenraum, in dem die Zuschauer Zugang zu den inneren Tresoren ihrer Psyche gelangen sollen. Hat jeder so einen inneren Tresorraum? Und ist das nicht gefährlich, an den Tresoren zu rütteln?

Ja, das was ich tue, kann "gefährlich" sein, und im Ausstellungsraum hängt ein Warnschild neben meiner "Grenzgewölbe" Installation mit der Aufschrift: "Vorsicht Lebensgefahr!" Ein anderes Schild mit der Aufschrift "Betreten auf eigene Gefahr" warnt die Besucher:innen davor, in meinen optisch-illusorischen Zwischenraum einzutreten. Wer sich dennoch traut, das "Grenzgewölbe" zu betreten, gelangt in einen Möglichkeitsraum, in dem das Risiko besteht, entweder in vier "unheimliche" Tunnel aufgesaugt zu werden, oder aber einen Tresor mit "gefährlichem" Inhalt, zu finden. Jeder Mensch hat innere Tresorräume und der Inhalt kann bei jedem verschieden sein: Die Einen haben schwarzes Geld, Psycho-Schlamm und gleichzeitig ganz viel Potential im Tresor verborgen. Das Raummodell funktioniert dabei über Assoziationen der menschlichen Psyche, die durch unbewusste Kanäle ständig beeinflusst und gesteuert werden. Um Veränderungen im System herbeizuführen kann der Tresor auf viele Arten geöffnet werden, mit Gewalt oder auch indem man sich selbst durchlässig macht und leicht durch die Tresortür durchschwebt. 

Danke sehr geehrter Herr Schmitt, das war ein erleuchtendes Gespräch mit Ihnen. Auf bald, wir verabschieden uns und entschweben nun alle gemeinsam durch die Tresortüren! Weiter geht es mit Marco Schmitts Videoarbeit "Grenzgewölbe", das Sie hier exklusiv in voller Länge sehen können.