Das wird schon

Mit Verena Dengler beim Eisbärbaby

Lange hatte unsere Kolumnistin Anna Gien die Künstlerin Verena Dengler aus der Ferne angeschmachtet. Jetzt haben sich die beiden im Tierpark getroffen, um Berlins größte Attraktion zu besichtigen: Eisbärbaby Hertha. Beinah wäre dieses Date tragisch geendet

Verena Dengler und ich waren im Tierpark. Tiere schauen ist gut, Tiere schauen macht Spaß, da waren Verena Dengler und ich uns einig, obwohl wir uns ja vorher noch nie gesehen hatten und gar nicht wussten, ob wir uns überhaupt in irgendwas anderem einig sein würden, abgesehen davon, dass wir eben beide der Meinung sind, Tiere schauen sei ganz grundsätzlich eine gute Idee.

Verena Dengler ist eine tolle Künstlerin aus Wien, die ich schon lange aus der Ferne angeschmachtet habe. Sie sieht sehr beeindruckend aus auf ihrem Instagram-Account und ihre Kunst finde ich wirklich toll, ja, im Großen und Ganzen und über die Maßen, wirklich super. Verena Denglers Kunst ist visionär, genial und einzigartig und überhaupt ganz anders, als alle Kunst, die ich sonst so gesehen habe. Besonders gut an Verena Denglers Kunst finde ich, dass es da vor allem um sie selbst geht, was ich aus konzeptueller und formaler Perspektive sehr gut finde und nachvollziehen kann, weil es bei allem, was ich mache, ja auch um mich selbst geht, wie es sowieso bei allem, was jeder so macht, eigentlich nur um sie oder ihn selbst geht, wobei wir anderen, also wir anderen als Verena Dengler, Mittel und Wege gefunden haben, so zu tun, als ginge es in Wirklichkeit um die Kunst oder die Gurken oder das Universum und so weiter.

Irgendwie war ich ein bisschen nervös, weil in den Tierpark, da geht man ja nur mit seinen Eltern oder mit Tinder-Dates, und Verena Dengler und ich hatten ja gar kein Date, sondern wollten nur das Eisbärbaby sehen, wegen der Kunst und des Klimawandels, und weil wir gerne Tiere schauen, aber vielleicht sind Tinder-Dates ja auch ein bisschen wie Tiere schauen, dachte ich dann, und dann ist es auch okay, dass Verena Dengler und ich in den Tierpark gehen zum Tiere-Tindern.

Erst dachte ich Verena Dengler hätte mich versetzt, tatsächlich standen wir aber nur an zwei verschiedenen Eingängen, weshalb wir uns dann, wie beim Adventure-Herzblatt aus entgegengesetzten Richtungen simultan zum Eisbärgehege durchkämpfen mussten, um dann stilecht vor der Kulisse der künstlich angelegten Steinlandschaft endlich aufeinanderzutreffen.

Balztanz vorm Gehege

Ich habe ein paar Vogelsendungen auf YouTube gesehen, in denen Vögel alle möglichen Arten von Balztänzen aufführen, um ihr Date zu beeindrucken. Das ist eine sehr interessante Kulturtechnik, dieser Balztanz, und ich dachte, dass ich ja auch will, dass Verena Dengler mich auf Anhieb so toll findet, wie ich sie, und man immer was von den Vögeln lernen kann, weshalb ich mein Federhäubchen aufstellte und ein paar kleine flashige Kreisbewegungen ums Gehege machte, bis sie ankam.

Ich glaube, Verena Dengler hat nicht verstanden, dass ich da gerade einen Balztanz gemacht hatte, jedenfalls winkte sie mir einfach zu, statt vor Erregung zu erstarren und geradewegs auf den Rücken zu fallen, sodass ich dazu gezwungen war, so zu tun, als hätte ich da gerade nicht den Balztanz der Dekade aufgeführt, meine Federn glattstrich und souverän unmotiviert zurückwinkte.

Die nächsten fünf Minuten standen Verena Dengler und ich dann ein bisschen bedröppelt nebeneinander vor dem leeren Eisbärgehege herum und warteten darauf, dass es jetzt endlich losginge mit der Show, bis mit einem Mal die Lautsprecher aufploppten und eine junge Frau mit sehr gutem Humor (das konnte man sofort sehen) über die Stufen auf das Gehege zustiefelte und entschlossen mit einem Eisbergsalat wedelte.

Wer in seinem Leben noch nie ein Eisbärbaby gesehen hat, der kann den Moment der Verzückung und Intimität zwischen zwei Leuten, die sich gar nicht kennen und aber trotzdem auf einem Date sind, angesichts eines echten Eisbärbabys vielleicht gar nicht verstehen. So ein Eisbärbaby, das wühlt auf. So ein Eisbärbaby, das geht ganz tief rein. Ja, wenn es da im Matsch rollt und wie ein kleines Menschlein am Eisbergsalat spielt, das öffnet die Herzen und setzt so einiges in Bewegung. Da reden alle von der profanen Erleuchtung und dem politischen Potential der Schönheit in der Kunst und wissen gar nicht, dass so ein Eisbärbaby schon reicht für den existentiellen Schwindel.

Die Frau mit dem Eisbergsalat erklärte uns dann noch einmal das, was auch schon auf den Schautafeln stand, nämlich dass es schon okay ist, dass diese Eisbären hier für unsere existentiell plüschigen Schwindelerfahrungen ausgestellt werden, statt am Nordpol herumzuhüpfen, weil aufgrund des Klimawandels ja die Eisbären ganz grundsätzlich in Gefahr sind und diese Eisbären hier die Botschafter für die anderen Eisbären da oben sind. Das funktioniert, indem wir sozusagen angesichts der ganzen Gefühle, die das Eisbärbaby in uns hervorholt, verstehen, dass die Eisbären schützenswert sind. Dann ändern wir unser Leben und gehen nicht mehr shoppen und schaffen den Kapitalismus ab oder tun drei Euro in die kleine Glasbox vom WWF am Tierpark-Eingang.

Vögel, die wie Balenciaga-Sneaker ausschauen

Wer einmal von einem Eisbärbaby getriggert wurde, der kann dann gar nicht mehr anders, als noch mehr Tiere schauen zu wollen, ja man wird mit einem Mal regelrecht süchtig nach dem Tiereschauen. Und im Tierpark gibt es tolle Tiere. Es gibt zum Beispiel Papageien, die wie Fendi-Handtaschen ausschauen und andere Vögel, die wie Balenciaga-Sneaker ausschauen und sogar Stiletto-Tiere, wie die Wildschweine, und wenn man einmal so schaukelt im Herz, dann wird die ganze Welt die Kaufinger Straße und wir die schwindeligen Windowshopper. Aber hier im Tierpark ist eben alles echt, der Kitzel und die Erleuchtung, nur eben hinter Glas, sodass man von außen reinschauen kann.

Verena Dengler und ich redeten aneinander vorbei und verstanden uns immer besser, vielleicht auch weil wir beide Pelz trugen und das auch okay fanden, weil es war ja kalt und der Eisbär ist schließlich auch ein Beutetier. Sowieso ist der Look ja essentiell für ein Date, und Verena Dengler und ich wussten das und die Tiere wussten das auch, könnte man denken, wenn man sich die so anschaut, dann machen die das nämlich besser als Zoolander mit dem Blue-Steel-Ding.

Wir liefen also zwischen den Tieren herum und Verena Dengler erzählte mir von Barbara Meier, der "Germany's Next Topmodel"-Gewinnerin, die eine "eco friendly" Hochzeit ohne Plastikstrohhalme plant, was wir, nachdem wir die Klimabotschafter-Eisbären gesehen hatten, natürlich für eine gute Idee hielten, wobei wir uns im Anschluss fragten, ob die Ehe nicht an sich vielleicht eher "eco unfriendly" sei, wegen der Kleinfamilie und des ganzen Stroms für die Einfamilienhäuser und die Fernseher, auf denen jedes Kind dann einzeln "Germany's Next Topmodel" guckt und so weiter.

Die Kritik an Barbara Meier vergaßen wir dann aber auch schnell wieder, denn die Hormone rauschten uns in den Ohren und die Flamingos schauten lieb aus allen Ecken wie fluffige Stiftehalter und die Pinguine tänzelten so hübsch in einer Reihe wie kleine Body-Positivity-Mannequins und wir waren glücklich und verliebt in das Leben und den Tierpark, der die Welt ist.

Drama mit Grünschnabel-Lori

Und dann, als wir schon fast am Ende waren, Verena Dengler und ich, da schaute uns der schönste Vogel durch die Gitterstäbe an, den wir je gesehen hatten. Es war ein Grünschnabel-Lori und als wir ihn sahen, dachte wir beide, ja, da ist sie, die profane Erleuchtung im Federkleid, und wir wollten beide nichts mehr, als so nah wie möglich ran an das Ding. Wir wedelten und quietschten und schoben Stängelchen durch die Gitter, und kurz dachte ich, aha, das wird jetzt eine Ménage-à-trois, wenn ich mich nicht richtig ins Zeug lege, dann kriegt die Verena Dengler den Vogel, die hat das nämlich schon bemerkt mit dem Balztanz vorhin und nur so getan, als würde sie es nicht bemerken, damit sie meine Technik stehlen und für die Eroberung des Grünschnabel-Loris zum Einsatz bringen kann, und dann wurde ich schon ganz wütend, aber bevor ich meinen Schnabel wetzen konnte, um der Verena Dengler eine zu verpassen, passierte es. Verena Dengler turtelte den Grünschnabel-Lori an und der Grünschnabel-Lori streckte seinen kleinen Finger aus, wie bei Michelangelo, und Verena Dengler fasste zurück und sie berührten sich für eine Sekunde, und dann, bevor ich richtig eifersüchtig werden konnte, biss der Grünschnabel-Lori der Verena Dengler einfach in den Finger.

Für einen Moment war ich kurz schadenfroh und dachte aber dann, dass das jetzt der Moment sei, in dem ich die Verena Dengler doch noch wirklich für mich gewinnen kann, und pustete ihr den vom Grünschnabel-Lori verwundeten Finger, aber die Verena Dengler wollte gar nicht und zog den Finger vor mir weg, und dann auf einmal wurde ich böse auf den Grünschnabel-Lori, weil der uns gegeneinander aufgehetzt und dann noch die Stimmung versaut hat und die ganze Sache mit der profanen Erleuchtung und mit dem Tierpark, der die Welt ist, und so, mit einem kleinen, fiesen Schnabler kaputtgemacht hatte. Und als hätte da von oben jemand zugesehen, zog der Himmel auf und ein Gewitter brach los und die Stachelschweine rannten in ihre Gehege, die Verena Dengler schaute ganz grausig drein und mein mein Make-up lief mir die Wangen runter.

Der Tierpark ist das Leben

Ja, der Tierpark, das ist Betrug, genauso wie Herzblatt, weil wenn die Kameras ausgehen, dann schauen die Leute auf einmal grausig aus der Wäsche, weil sie irgendein dahergelaufener Grünschnabel-Lori in den Finger gehackt hat und versauen die Stimmung einfach so aus einer Laune heraus. Und die Frau mit dem Eisbergsalat hat uns verarscht. Denn das hier, das ist nicht das echte Leben, nein, das ist Sodom und Gomorra, versteckt hinter hübschen Schautafeln und lustigen Affengesichtchen. Das hier sind Tiere und wir sind Tiere, und da gibt es kein Happy End, da kann der kleine Eisbär so viel im Dreck rollen, wie er will, weil bald werden seine Kompagnons da auf dem Packeis eh ersoffen sein, sollen sie doch, dann können sie mit ihrem putzigen Rumgerolle auch nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass sie in Wirklichkeit schlechte Persönlichkeiten haben, so wie der Grünschnabel-Lori und die Verena Dengler und ich und jede einzelne Kreatur unter dem Himmel.

Verena Dengler und ich trotteten dann schweigend und gedemütigt in das Café um unsere Pelze zu trocknen und aßen einen großen Haufen Spaghetti Bolognese zum Trost. Und dann, als wir so dasaßen, sah die Welt auf einmal irgendwie ganz anders aus. Denn ich schmeckte das Fleisch in meinem Mund und Verena Dengler lächelte mir zu, und da hab ich verstanden, dass sie es auch verstanden hat, und dass das hier ein gutes Date war, weil wir gemeinsam was gelernt haben, und was ist das, wenn nicht die wirkliche profane Erleuchtung, dass man was gelernt hat vom Leben, und die Verena Dengler und ich, wir wissen jetzt: Der Tierpark, der ist das Leben, und das Leben ist kein Stiletto-Tier, aber um das zu begreifen, muss man erst mal in den Tierpark gehen und sich vom Grünschnabel-Lori in den Finger hacken lassen.