Siebdrucker Hans-Peter Haas

Was Künstler wollen

Zero-Legende Heinz Mack nannte ihn mal den Künstler unter den Druckern, in seiner Werkstatt in Echterdingen bei Stuttgart kamen Größen von Salvador Dalí bis zu Roy Lichtenstein vorbei: Porträt des begnadeten Siebdruck-Meisters Hans-Peter Haas

Die meisten kennen ihn nur in alten Filzpantoffeln und mit Farbe an den Händen. Das Tragen seiner Zahnprothese lehnt er aus Überzeugung ab. Ohne Frage, Hans-Peter Haas ist eine etwas skurrile Erscheinung – doch der physiognomische Ersteindruck täuscht. Über dem eingefallenen Mund blitzen zwei hellwache Augen. HPH, wie Freunde und Kollegen den mittlerweile 85-Jährigen gerne nennen, gilt seit mehr als einem halben Jahrhundert als der vielleicht beste Siebdrucker der Welt. Christo und Salvador Dalí, Roy Lichtenstein und Victor Vasarely – keinem war der Weg in die Werkstatt in Echterdingen bei Stuttgart zu weit.

Bis vor Kurzem stand Haas noch jeden Tag in dem schlichten Industriebau an einer wuchtigen alten Druckmaschine, um mit der Rakel Farbe durch feinmaschige Netze zu streifen. Dann hat ihn ein Sturz ausgebremst und ins Krankenhaus gebracht. "Wir hoffen alle, dass er bald wieder fit ist", sagt Christian Gögger. Der Leiter des Esslinger Kunstvereins kuratiert die Sonderausstellung auf der diesjährigen Art Karlsruhe, die Haas als grafischen Geburtshelfer zahlreicher genialer Bildideen feiert.

Rund 100 Siebdrucke aus der Privatsammlung des schwäbischen Urgesteins werden in der Schau aufgeblättert. Eine komprimierte Kunstgeschichte der letzten 50 Jahre und eine Auswahl all der großen Namen, mit denen Haas zusammengearbeitet hat. Viele Abzüge tragen persönliche Widmungen. Ein schlichtes "Wunderbar" kritzelte zum Beispiel Max Ernst auf die Rückseite jener schwebenden, roten Noppenform, die Haas in jüngeren Jahren für den Surrealisten gedruckt hat.

Faszination Siebdruck

Ursprünglich hatte der kreative Dienstleister vor, selbst Maler zu werden, dann aber faszinierte ihn das in den 1950er-Jahren noch junge Medium der Serigrafie. Beim damaligen Stuttgarter Siebdruckpionier Luitpold Domberger,der unter anderem für den Nachkriegsavantgardisten Willi Baumeister arbeitete, lernte Haas sein Handwerk.

Doch womit genau hat es der gebürtige Stuttgarter geschafft, zu einer solchen Institution zu werden? Darüber kursieren verschiedene Theorien. "Entscheidend ist sein Gespür für Farben", glaubt Gögger. Haas hat neue Maßstäbe in puncto Präzision gesetzt. Und damit gezeigt, dass die Serigrafie für mehr taugt als nur für plakative Pop-Art. Seine Drucke treffen jeden Ton der Vorlage, egal ob Gemälde, Fotografie oder Zeichnung. Kreidig-poröse Striche gibt er ähnlich minutiös wieder wie grelles Bunt. Keinen Besseren hätte ein Rupprecht Geiger für seine fluoreszierenden Monochromien finden können. Und wem, wenn nicht Haas, wäre es gelungen, das diffizil abgestufte Weiß-Grau auf den unterkühlten Architekturfantasien eines Ben Willikens druckgrafisch umzusetzen?

Haas ist zugleich ein flexibler ästhetischer Mitdenker, der weiß, was Künstler wollen. In flirrende Op-Art und geometrische Abstraktion versteht er sich ebenso einzufühlen wie in konzeptuelle Positionen. "HPH ist der Drucker für die Künstler und der Künstler unter den Druckern", gab Zero Mitbegründer Heinz Mack einmal zu Protokoll.

Haas, das dritte Auge

Ein anderer zufriedener Auftraggeber, der konkrete Maler Günter Fruhtrunk, hat Haas dagegen als sein "drittes Auge" bezeichnet. Sein perfektionistischer Blick erspäht auch kleinste Schwachstellen. Eines Tages meldete sich beispielsweise ein besorgter Tobias Rehberger bei Haas im Atelier. Der Frankfurter Künstler wollte den Drucker warnen, dass sich auf den kurz zuvor abgegebenen Vorlagen für eine Edition ein leichter Blaustich befinde. "Hab ich schon längst gesehen und korrigiert", beruhigte Haas den Anrufer.

Darüber hinaus schätzt die Branche nicht nur HPHs professionelle Erfahrung. Auch die vielen Anekdoten aus dem Backstagebereich der Kunstszene, die er zu erzählen hat, hört man sich gerne an. Etwa, wie eines Tages Salvador Dalí mit einem furchteinflößenden Riesenhund zum Signieren in seine Werkstatt marschiert kam. Oder die Geschichte von der Knauserigkeit Rupprecht Geigers, der Gästen nur eine spartanische Suppe zu servieren pflegte.

Das Echterdinger Atelier mit seinen mannshohen Regalen, in denen Hunderte Farbtöpfe lagern und Siebe zum Trocknen stehen, mag aus der Zeit gefallen wirken – für Haas selbst gilt das nicht. Auch Jüngere legen ihre Arbeiten gern in seine Hände. Unlängst hat etwa Danielle Zimmermann dem Weltmeister der Rakel eine Serie von pop-feministischen Frauenbildern zur Realisierung anvertraut. "Trotz seiner über 80 Jahre", sagt Zimmermann, "ist HPH im Geiste noch ein verschmitzter und pfiffiger Junge geblieben. Wenn man sich als Künstlerin verstanden fühlt, spielt der Altersunterschied keine Rolle."