Insta-Watchlist: Sonja Yakovleva

"In meinen Bildern ist Platz für verschiedene Frauentypen"

Sonja Yakovleva lässt in ihren Scherenschnitten eine Welt aus Sex und Sehnsüchten entstehen. Ein Gespräch über eine angeblich uncoole künstlerische Technik, weibliches Begehren und die Präsentation von Kunst auf Instagram

Frau Yakovleva, warum Scherenschnitte?

Für die Ästhetik von kunsthandwerklich oder volkstümlich geprägten Techniken, sei es Tiffany oder YouTube-Tutorials, in denen Frauen Beton in Nylonstrümpfe gießen, um daraus Pilze für den Garten zu machen, interessiere ich mich schon immer. Ich eigne mir dann solche Techniken an und schaue, wie weit ich sie ausreizen und übertreiben kann, bis sie nicht mehr bloß als Hausfrauen-Bastelei oder primitiv rezipiert wird.

Wie ging es los mit den Scherenschnitten?

In der Uni hatte ich keine Lust auf Evergreen-Kunst wie Malerei oder Bildhauerei. Ich probierte Techniken im Kunstkontext aus, die als uncool oder der Kunst nicht zugehörig gezählt wurden. So ging es mit dem Scherenschnitt los. Irgendwann habe ich es gelassen, weil es mir zu langweilig war und die Reaktionen zu übertrieben waren. Entweder bekam ich zu hören: "Wow, toll, so viel Arbeit!" Oder Kommilitonen sagten zu mir: "Du weißt, dass es mittlerweile Maschinen dafür gibt? Warum machst Du das mit der Hand?" Meistens kam das von coolen Boys, die sich an verklemmter Konzeptkunst, die es schon gab, abarbeiteten und das Rad neu erfinden wollten. Die Kommentare haben mich genervt. Also der Vorwurf, ich würde hinter dem Mond leben und anachronistisch arbeiten. Und da ich damals erst 21 Jahre alt war, habe ich mir das sehr zu Herzen genommen. Einerseits wollte ich Kunst machen, die für alle verständlich und gleichzeitig sinnlich ist. Andererseits hat es mich gestört, dass meine Scherenschnitte auf den hohen Arbeitsaufwand reduziert wurden. Dann habe ich die Scherenschnitte erst einmal zur Seite gelegt.

Wie kamen Sie zurück zu den Scherenschnitten?

Ein Bekannter von mir hat mich für eine Ausstellung angefragt. Es entstand eine Installation für eine circa 30 Meter lange Fensterfront mit 34 Fenstern. Der erneute Blick auf den Scherenschnitt hat mich motiviert weiterzumachen. Seitdem konzentriere ich mich stärker auf die Motive. Ich habe mir eine Collagentechnik angeeignet. Zu einem bestimmten Thema wähle ich Vorlagen aus, in der Zeichnung setze ich die Figuren zusammen, dann schneide ich aus. Wenn die Zeichnung steht, arbeite ich einige Tage und Nächte durch. Was gut geht mit Radio, Opern und Krimis auf den Ohren. Ich muss mich aber immer daran erinnern: Sonja, nicht zu viele Details! Das Motiv verliert sich sonst in Mustern.

Ihr Thema ist Weiblichkeit.

Damit habe ich mich von Beginn an beschäftigt. Schöne Frauen finde ich schön, so plump das auch klingen mag. Mir geht es aber um schöne Frauen, die nicht nur schön sind, sondern auch radikal. Wie kann zum Beispiel eine Frau auf Bildern nackt dargestellt werden, ohne dass sie auf ihr Aussehen reduziert wird? Frauen können selbstbestimmt und attraktiv sein. Wir werden mit Bildern bombardiert, die uns zeigen wollen, wie Frauen sind und zu sein haben. Da ich das Handwerk Scherenschnitt beherrsche, das als feminin und girly abgetan wird, hole ich das Thema Empowerment genau in dieses Medium. In meinen großen Bildern ist viel Platz für verschiedene Frauentypen.

Sex und Porn sind bei ihnen sehr präsent. Es gibt eine "Playgirl Mansion" und eine "Poolparty", Menschen sind beim Sex in ihren Bildern zu sehen. Auf Instagram erklären Sie die Bildinhalte und finden dort deutliche Worte, wenn es um Sexualität geht. In Ihrer Arbeit "Playgirl Mansion" haben Sie ihre Traumparty dargestellt. Was passiert bei ihrer Traumparty?

Inspiriert hat mich der Essay "Pornotopia Architektur, Sexualität und Multimedia im Playboy" von Beatriz Preciado. Sie schreibt über den "Playboy"  als Teil einer sexuellen Revolution, aber auch über die Exklusivität und die klare Rollenverteilung. Spaß haben in der Playboy Mansion heterosexuelle Männer, Frauen sind Bunnies, eine Mischung aus Kellnerin und Prostituierter to go. So wie es mir mit vielen Dingen geht, die angeblich nur für Männer bestimmt sind, habe ich mit Blick auf die Playboy Mansion gemischte Gefühle. Einerseits denke ich, dass es absolut menschenverachtend ist, andererseits aber bin ich auf Hugh Hefner neidisch und denke mir: "Geil, ich will auch so ein Haus mit einer Poolgrotte haben und Sexpartys feiern!" Ich bin kein Partyfrettchen, ich gehe nicht gerne clubben, da feiere ich lieber zu Hause. Dann lade ich Freunde ein, stelle eine Anlage auf, koche was und lasse es drauf ankommen. Manchmal ist es langweilig, manchmal artet es auch aus. Bei meiner Traumparty sehe ich mich in einem Seidenpyjama umgeben von gut aussehenden Männern und meinen Gästen, die natürlich alle erfolgreiche Frauen sind. Die Hauswände protzen von meinem Reichtum. Es gibt grüne Malachitplatten, teure Blumensträuße, Champagner in Strömen. Eine Treppe führt zu den Dorms, vor denen die Männer warten und ihre Dienste anbieten. Es gibt da ja eine Marktlücke, Puffs für Frauen existieren nicht. Das ist meine Fantasie: Einen Ort für Frauen zu schaffen, den sie aufsuchen können, wenn sie Druck ablassen möchten.

Die Autorin Kathrin Weßling hat gerade für die Wochenzeitung "Der Freitag" einen Text mit dem Titel "Ich, die Schlampe" geschrieben. Weßling schreibt darüber, dass sie gern und viel Sex hat. Wenn sie das aber als Frau offen kommuniziert, wird sie angefeindet und herabgewürdigt. Ihr Text beginnt und endet damit, dass sie große Angst habe, diesen Text zu veröffentlichen und dass genau diese Angst ein deutliches Zeichen dafür sei, wie wichtig es sei, sich nicht zu verstecken. In Ihren Bildunterschriften auf Instagram finden Sie deutliche Worte für Ihre Wünsche und Sehnsüchte. Sollten Frauen offener über ihre Sexualität sprechen?

Ich bin ein praktischer Mensch. Meine Geschichten sind nicht erfunden. Worüber ich schreibe, das habe ich meist tatsächlich erlebt. Das Bild "Poolparty" beispielsweise gibt es, weil ich mit Kollegen über ihre sexuellen Interessen gesprochen habe. Dann kam der Spruch: "Votze lecken, das geht nicht! Das ist etwas für Hunde! Das macht man nicht!" Für mich war das absurd.

Oft sind es ja Frauen, die sagen: "Oh, das finde ich jetzt aber nicht gut! Müssen wir uns wirklich benehmen, wie es Männer schon immer getan haben? Musst Du den Spieß umdrehen?" Geht es wirklich darum? Was müssen wir denn tatsächlich überwinden? Die Frage ist ja, wem werden welche Eigenschaften und Qualitäten zugesprochen. Und ist das immer zutreffend, was Männern und was Frauen nachgesagt wird? Eine Frau soll unbefleckt sein, während ein Mann ein heißer Stecher sein soll. Darüber zu sprechen, das ist wichtig. Vielleicht fühlen sich Frauen inspiriert, wenn sie mehr Geschichten hören wie die von Kathrin Weßling oder einen Roman lesen wie "M" von Anna Gien und Marlene Stark. Wenn Frauen über erotische Abenteuer schreiben, ist es sofort ein Skandalbuch.

Brauchen Ihre Arbeiten die Texte auf Instagram? Sie erzählen dort, wie Arbeiten entstanden sind, worum es geht, wo es weitergehen muss.

Mir ist wichtig, dass deutlich wird, wie ernst es mir mit diesen Themen ist. Der Text hilft zu verstehen, wer ich bin. Wer ist diese Person, die diese sinnlichen Scherenschnitte macht? Über die Texte wird deutlich, dass hinter meinen Bildinhalten ein Anliegen steckt. Das Handwerk und der Fleiß verführen erst einmal dazu, die Bilder genauer anzuschauen. Die erzählten Geschichten regen im besten Fall zum Nachdenken an.

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Die nächsten 3 Papierschnitte aus der Ausstellung Hallöchen bei @robertgrunenbergberlin entstanden aus der Idee, eine Art visuelle Stereotype von Frauen zu erschaffen, die aber eigentlich nicht so stereotyp für Frauen sind. Folgende Typen tauchen auf: Die Piratin „Anne Bonny”, 2020, 150 x 120 cm, „Stierkämpferinnen”, 2020, 150 x 120 cm und „Boxkämpferinnen”, 2020, 80 x 60 cm. Die verwendeten Vorlagen sind entweder zu Collagen verarbeitete Google-shitstorm-Bildrecherchen oder es sind Nachzeichnungen von existierenden Abbildungen um das 18. Jahrhundert, in welchen Frauen nicht auf so einem Stuhl sitzen und irgendwohin in die Ferne oder auf den Betrachter glotzen oder ausschließlich sexy und Persönlichkeitslos inszeniert werden. Tauchen dann doch beim Durchforsten von Bildern zwischendurch im Internet Figuren wie Anne Bonny oder Radierungen von weiblichen Boxkämpfen auf. Auch hier bei der anschliessenden Verarbeitung meinerseits der Gedanke dabei ziemlich unspektakulär und sicher wie das Amen in der Kirche: Votzen haben immer schon gekämpft und Piratinnen gab es auch und einen Stierkampf gewinnen ist auch kein Problem. Soweit zu dieser Reihe ⚔️🪓👹🥊 PS: die Bilder auf dem Smartphone bilden bei weitem nicht die Realität der Papierschnitte ab, also wenn Ihr in Berlin lebt, geht auf jeden Fall vorbei und schaut sie Euch live bis zum 14.03.20 an!

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