Unfreiwillige Zerstörungen von Kunstwerken

Sie baden gerade Ihre Hände darin

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Ein Junge ist 2015 in einem taiwanesischen Museum gestolpert und hat dabei ein 350 Jahre altes Gemälde beschädigt

Aufgewischt, weggeräumt, reingestolpert: Die Kunst hat einen natürlichen Feind, den Tollpatsch. Was für Außenstehende oft unterhaltsam wirkt, ist aus Museumssicht natürlich tragisch

Joseph Beuys ist wohl das bekannteste Opfer versehentlicher Zerstörung von Kunstwerken - ihn traf es gleich doppelt. 1973 putzten zwei Frauen eine mit Mullbinden und Heftpflastern gefüllte Wanne sauber: die Beuys-Arbeit "Unbetitelt (Badewanne)". Die beiden benutzten den Behälter nach ihrer SPD-Ortsverein-Feier in Leverkusen zum Gläserspülen. Über die 1986 vom Hausmeister weggewischte "Fettecke" in der Düsseldorfer Kunstakademie wurden bereits Bücher verfasst. Beide Unfälle sollen Nordrhein-Westfalen jeweils 40.000 DM gekostet haben. Ranzige Butter an der Wand als Kunst zu erkennen ist eben gar nicht so einfach.

Auch ein Kalkfleck in einer Gummiwanne kann Teil eines Werkes sein. Aber wenn dafür das Bewusstsein fehlt, ist es einfach nur ein Fleck, der weg muss. So geschehen vor zehn Jahren in einem Museum in Dortmund bei einer Installation des Künstlers Martin Kippenberger. "Wenn's anfängt durch die Decke zu tropfen" besteht aus einem menschenhohen Holzplattenturm. Unten in der Mitte befindet sich ein Gummitrog mit einem weißlichen Kalkfleck. Den hat eine Reinigungskraft an allen vier Seiten weggeputzt.

Und was dann? Während es für Gemälde inzwischen ausgefeilte Techniken gibt, um sie zu restaurieren, sei das bei moderner Kunst "eine ganz andere Nummer", so die Dresdner Restauratorin Ellen Schmidt. Wenn der Künstler oder die Künstlerin noch lebe, könne man besprechen, wie es mit dem Werk weitergehen solle. "Bei vielen Installationen ist die Vergänglichkeit mit angelegt", sagt Schmidt. Das bewusste Entfernen eines Teils des Kunstwerkes sei jedoch etwas grundsätzlich anderes. "Das sind zwei Dinge, die man klar voneinander trennen muss."

Im Dortmunder Museum, das Kippenbergers Installation damals als Dauerleihgabe ausstellte, erinnere sich niemand gern an den Vorfall, so eine Sprecherin. Was für Außenstehende einen gewissen Unterhaltungswert habe, sei tragisch für alle, deren Arbeit es sei, Kunst für möglichst breite Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen.

Restaurieren, als wäre nie etwas gewesen

Einigermaßen tragisch fanden auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Museums in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh das Missgeschick eines Jungen: Er stolperte und stützte sich mit der Hand in einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert ab. Dessen geschätzter Wert: 1,5 Millionen Euro - zumindest vor der Beschädigung. Die Aktion, die man sich im Netz als Video anschauen kann, hinterließ einen deutlichen Riss.

Mit genügend Zeit und Geld könnte man heute fast alles so restaurieren, dass man auf den ersten Blick nicht sehe, dass es einen Schaden gab, erklärt Schmidt. Es sei allerdings undenkbar, nicht zu dokumentieren, was an einem Werk nachträglich gemacht worden sei. Als Restauratorin sollte man nur reversible Materialien verwenden, die man also wieder entfernen kann, erklärt die Expertin einen Grundsatz ihrer Arbeit.

Entfernen konnte man glücklicherweise auch den Kreuzworträtsel-Eintrag einer Museumsbesucherin in Nürnberg wieder. Eine Collage des Künstlers Arthur Köpcke mit der Anmerkung "Insert words so it suits" animierte die Seniorin dazu, mithilfe eines Kugelschreibers genau das zu tun. Wenig überraschend war das Museum wenig amüsiert. Letztlich konnte der Eintrag mit Lösungsmittel beseitigt werden.

"Weg damit"

Ein wenig übereifrig war auch die Seniorin, die im spanischen Borja bei einem beschädigten Jesus-Fresko aus dem 19. Jahrhundert kurzerhand selbst den Pinsel anlegte. Seitdem ist die Wandmalerei nicht wiederzuerkennen und kommt ein wenig wie naive Kunst daher. Die Aktion erregte allerdings weltweit so viel Aufmerksamkeit, dass jede Menge Touristinnen und Touristen wegen der umgestalteten Malerei in die Kleinstadt kamen.

Aber zurück zur Kunst, die nicht als solche erkannt wird. Ein Plastiksack mit Zeitungen und Pappe vor einem abstrakten Gemälde? Weg damit, dachte eine Putzkraft in London. Der Sack konnte zwar gerettet werden. Doch der deutsche Künstler des Werks "Recreation of First Public Demonstration of Auto-Destructive Art", Gustav Metzger, erklärte, dieser sei zu sehr beschädigt - und erstellte einen Ersatz.

Apropos Ersatz: Der als Ironiker bekannte Kippenberger hätte den weggewischten Kalkfleck an seiner Installation wahrscheinlich mit Humor genommen, hätte er noch gelebt. In einem WDR-Beitrag ergänzte Kunstsammler Wilhelm Schürmann: Kippenberger hätte wohl nicht nur gelacht. "Es kann auch sein, dass er einfach eine neue Schale genommen hätte."