Spot-Roboter

Vier Beine für ein Halleluja

Der Roboter "SpotMini" von Boston Dynamics 2019 bei einer Präsentation in Lissabon
Foto: Harry Murphy/Web Summit via Sportsfile

 

Der Roboter "SpotMini" von Boston Dynamics 2019 bei einer Präsentation in Lissabon

Das wohl bekannteste Robotikunternehmen der Welt hat sein neues Schätzchen namens Spot freigelassen. Die hundeähnliche Maschine will so putzig wie möglich erscheinen, taugt aber auch für bewaffnete Horrorvisionen 

Die US-amerikanische Firma Boston Dynamics ist das vielleicht bekannteste Robotikunternehmen der Welt. Alleine auf YouTube hat der firmeneigene Kanal 1,75 Millionen Follower. 1992 wurde Boston Dynamics als Spin-Off am renommierten MIT gegründet und erlebte in den vergangenen Jahren einige Besitzerwechsel. In den ersten Jahren war Boston Dynamics eng mit der DARPA, einer Behörde des US-Verteidigungsministeriums, assoziiert – viele Roboter, die bis dahin entwickelt wurden, hatten militärische Zwecke.

Im Dezember 2013 übernahm Google beziehungsweise das Mutterunternehmen Alphabet die Roboterfirma zu einem unbekannten Preis und nur wenige Jahre später veräußerte Google 2017 das ganze an die japanische Holding Softbank, die mit Telekommunikation groß wurde, hier weitestgehend unbekannt, aber die vergangenen Jahren mit teils spektakulären Investitionen für Aufmerksamkeit auf den Börsenparketts sorgte. 2017 beteiligte man sich an Uber, WeWork gehört heute zum Großteil Softbank und der chinesische Gigant Alibaba gehört ebenfalls zu 29,5 Prozent der Holding. Der Reichtum des koreanisch-japanischen CEO Masayashi Son wird auf 19,5 Milliarden Dollar taxiert. Das sind ergo keine kleinen Kickstarter-Aufbackbrötchen, die in diesem neuen Markt gebacken werden.

Seit einigen Tagen wird der erste Roboter von Boston Dynamics in den USA frei zum Verkauf angeboten. Spot nennt sich der hochkomplexe, hundeähnliche Freund. Handelte es sich bislang bei den Erfindungen von Boston Dynamics um ferne, abstrakte und futuristisch-fragile Forschungsobjekte, kann man sich theoretisch ab nun tatsächlich so ein technisches Meisterwerk in die eigene Wohnung stellen. Aber lassen wir Bilder sprechen. Hier einmal das offizielle Launch-Video zum Verkaufsstart.


Ästhetisch von einem Werbefilm für ein neues Smartphone kaum zu unterscheiden, zeigt sich Spot tänzelnd, unterhaltsam und devot. Selbst für Early Adopter ist der Preis von Spot natürlich happig. 74.500 Dollar kostet der Roboter, welcher aber weitaus mehr ist als ein Aibo von Sony oder anderes ruckelndes, ferngesteuertes Spielzeug mit Beinen. Spot ist eine Plattform. Es existiert ein frei zugängliches Software Development Kit (SDK) und der glatte gelbe Rücken ist bewusst so ausgelegt, damit modular Kameras, Sensoren, Greifarme oder andere Werkzeuge und Features hinzugefügt werden können.

Die potentiellen Anwendungsbereiche sind dementsprechend vielseitig. Spot kann in Katastrophengebieten zum Einsatz kommen, um beispielsweise verschüttete Opfer zu finden. Seine Beweglichkeit und Agilität sind beeindruckend. Diesen Mai patrouillierte bereits im Bishan-Ang Mo Kio Park in Singapur ein Spot, um Lockdown-Regeln, so wie soziale Distanzen zu überwachen. Aber auch im körperlich harten Sektor Agrarökonomie und Schafzucht sind die Hoffnungen auf Einsätze von Spot groß.


Am Ende sind das alles erste Gehversuche. Ähnlich wie fliegende Drohnen lassen sich auch Spots beliebig kaskadieren und synchronisieren. Die bisherigen Use Cases wollen alltägliche Praktikabilität suggerieren und so putzig wie möglich erscheinen. Wie eiskalt das oft zitierte uncanny valley in diesem Falle aber wirklich sein kann, zeigt sich, wenn man Spot mit einem Greifarm ausrüstet und ein Ziel programmiert, welches Spot nun mit allen möglichen Mitteln trotz widriger Umstände erreichen soll. Dieses Video von Boston Dynamics bekam seit 2018 über 13 Millionen Views und zeigt, wie resilient Spot im Ernstfall wirklich werden kann.


Dass Spot theoretisch auch Pfefferspray oder gar lethale Waffen auf dem Rücken tragen kann, spricht hier zwar keiner aus, ist aber natürlich denkbar. Wie eingangs erwähnt, würde es ohne das amerikanische Verteidigungsministerium Boston Dynamics gar nicht geben. Und was in der Luft mit Drohnen schon längst zum abstrakten Killeralltag amerikanischer Soldaten in Ramstein gehört, könnte mit Heerscharen vierbeiniger Armeen auch auf dem Boden Vorteile verschaffen.

Aber vielleicht geht hier auch gerade der James Cameron in einem durch. Wie dem auch sei. Anwendungsbereiche und Kodizes für neue Technologien können nie zeitig genug adressiert und diskutiert werden. Und vierbeinige Laufroboter wie diese haben entwicklungstechnisch natürlich noch viel Luft nach oben. Vor allem, was Kraft und Ausdauer (Akkuleistung) anbetrifft und wie der Spot-Verkaufsstart zeigt, schläft die Konkurrenz nicht. Das chinesische Robotikunternehmen Unitree kündigte nun den Vierbeiner Unitree A1 an. Kleiner als Spot, dafür doppelt so schnell und zu einem Preis, der unter 10.000 Dollar liegen soll. Das ist gelebte Demokratisierung der Produktionsmittel in Echtzeit. Sagen Sie rechtzeitig ihren Hunden bescheid, sonst wird das Gejammer noch groß.