Kunstkollektiv Irwin in Dortmund

Neues von gestern

Das slowenische Kollektiv Irwin hinterfragt seit 40 Jahren die Wechselwirkungen von Avantgarde und Totalitarismus und benutzt dabei eine verführerische Retro-Ästhetik. Eine Ausstellung im Hartware Medienkunstverein Dortmund wirkt nun erstaunlich aktuell

Beim Betreten des gänzlich schwarz ausgekleideten Raums trifft der Blick frontal auf die in Petersburger Hängung dicht nebeneinander sitzenden Malereien des Künstlerkollektivs Irwin. Der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) in Dortmund versprüht den Pathos einer Gemäldegalerie. Für viele Besucherinnen und Besucher erstmal verwirrend: Was manchen diese Bilder, die - wenn überhaupt - modern, aber auf keinen Fall zeitgenössischen wirken, in dieser Institution, die eigentlich auf digitale Kunst spezialisiert ist?

Geht man durch die Ausstellung "Was ist Kunst, Irwin?" anlässlich des 40-jährigen Bestehens des slowenischen Malereikollektivs, wird schnell klar: Die Themen sind aktueller denn je. Die Gruppe, bestehend aus Dušan Mandič, Miran Mohar, Andrej Savski, Roman Uranjek und Borut Vogelnik gründete sich 1983 im ehemaligen Jugoslawien als Teil des Kollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK), zu dem auch die Musikgruppe Laibach, das Theater der Schwestern Scipio Nasicas und die Designabteilung Neuer Kollektivismus gehören.

Bereits im Namen des Kollektivs findet sich ein Verweis auf ihre Arbeitsprinzipien: Irwin nannte sich ursprünglich Rose Irwin Sélavy und bezog sich damit auf Marcel Duchamp, der seine Werke oft mit diesem Pseudonym signierte. Rückbezug und Nachahmung sind maßgeblich für eine seit 40 Jahren konsistente Praxis. Wie alle Gruppen der NSK sieht sich Irwin dem Retroprinzip verpflichtet: Das Schaffen von etwas Neuem passiert nach dieser Denkart stets über die Vergangenheit. Vergleichen lässt sich diese Methode mit der des Samplings in der Musik. So besteht die Malerei Irwins ausschließlich aus Bildmontagen ost- und westeuropäischer Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Gruppe hinterfragt so das ambivalente Erbe der historischen Avantgarde und ihren totalitären Nachfolgern, also die Dialektik von Avantgarde und Totalitarismus. Dabei zerlegen sie auch das Konstrukt der mitteleuropäischen Identität.

Humor gegen die Brutalität der Welt

Ihre größte Werkreihe "Was ist Kunst" erweckt den Eindruck von nationalem Kitsch, entpuppt sich aber als humoristische Auseinandersetzung mit Identität und ihrer Fragmentierung. Dabei werden nationale Symbole, Bezüge aus der Kunstgeschichte und der Philosophie und auch politische Theorien miteinander vermischt. Heraus sticht das "Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch, das sich durch alle Werkreihen zieht. Eine Dimension, die bei einer Ausstellung in Deutschland verloren geht: Die Gruppe schreibt immer auf Deutsch, einer Sprache, in der sie den Totalitarismus verkörpert sieht.


Beim ersten Betreten der Ausstellung in Dortmund kommentierte Irwin überrascht: "We were never shown like this before, but we like it", berichtet das Kuratorenduo Inke Arns und Thibaut de Ruyter. Für sie war von Beginn an klar, dass sie eine etwas andere Retrospektive zeigen wollten. Anstelle eines chronologischen Aufbaus ist die Schau in zwei Themenkomplexe geteilt.

Ein erster Teil ermöglicht die Frage nach schwarzem Humor: einem Aspekt, mit dem sich die Gruppe selbst nicht explizit auseinandergesetzt hat. Eine neue Perspektive also. Über Ironie, Kitsch und die Kraft der Rahmung eröffnet die Ausstellung Auseinandersetzungen, die Irwins Werk schon immer inhärent waren, bisher aber keine konkrete Benennung gefunden haben. Humor als Möglichkeit, der Welt in ihrer Brutalität zu begegnen. 

Kritik durch totale Spiegelung

Dies entfaltet sich besonders in der bisher noch nie präsentierten Arbeit "Twins". Dort sind Fotografien von Zwillingen zu sehen, auf die ein Spielzeugflugzeug gelegt wurde. Irwin will damit auf die Menschen aufmerksam machen, die 2001 bei dem Terror-Attentat auf das World Trade Center starben. Der Blick soll dabei von den omnipräsenten Bildern der einstürzenden Türmen weggelenkt werden und sich auf die individuellen Schicksale richten. 


Der zweite Teil entspricht mehr einer klassischen Retrospektive, fokussiert sich aber auf Irwins Selbstbezeichnung als "Staatskünstler". Diese ist, wie die Ausstellung zeigt, auch nicht frei von schwarzem Humor. Gewählt wurde das Label als Teil des Konzepts der "affirmativen Überidentifizierung", in dem Kritik durch eine totale Spiegelung geübt wird.

Weltweit bekannt geworden sind Irwin und die NSK 1991 mit dem Ausrufen des NSK-Staats. In diesem Projekt gründete die Gruppe einen eigenen, immateriellen Staat mit Botschaft in Moskau, in den jeder Mensch eintreten konnte. Zeitlich fiel die Gründung zusammen mit der Neugründung Sloweniens nach der Abkoppelung von Jugoslawien und entsprang wohl auch dem Wunsch, nicht nur auf diesen relativ homogenen und kleinen Nationalstaat zurückgeworfen zu werden. 

Eine Staatsbürgerschaft für 32 Euro

Das Projekt entwickelte jedoch schnell ein Eigenleben, das ganz neue Fragen aufwarf: Viele Menschen, besonders aus Nigeria, begannen die Staatsbürgerschaft zu beantragen. Auch aus der Hoffnung heraus, mit ihr nach Europa einreisen zu können. Auf diese Interpretation reagierten die Künstler mit einer zweiwöchigen Aktion im Centre for Contemporary Art in Lagos in Nigeria, wo sie mit vielen Menschen ins Gespräch kamen und eine neue Lesart ihrer Arbeit entwickelten. 

Gerade vor den aktuellen politischen Umständen und den große Fluchtbewegungen sind die Fragen nach Staatsbürgerschaft wohl aktueller denn je. Die Entwicklungsstufen des NSK-Werks sowie weiterer Aktionen Irwins sind in der Ausstellung dokumentiert und lassen sich anhand von verschiedenen Medien nachverfolgen. Darüber hinaus besteht der NSK-Staat weiterhin, und eine Staatsbürgerschaft ist von Freitag bis Sonntag für 32 Euro im HMKV zu beantragen.

Manchmal erscheint es für die Besucher und Besucherinnen schwierig, Irwin und die NSK auseinanderzuhalten - und dies ist tatsächlich nicht immer möglich. Die verschiedenen Kollektive haben konstant zusammengearbeitet, und unterschiedliche Personen waren gleichzeitig in mehreren Untergruppen tätig. 


Eines der langlebigsten Kollektive überhaupt

Interessant ist diese Arbeitsweise auch vor dem aktuellen Diskurs über Kollektive. Man bedenke, dass die Idee zur Ausstellung im vergangenen Jahr genau zur Zeit der Documenta 15 entstand, die sich intensiv mit gemeinschaftlicher Praxis auseinandergesetzt hat. Die fünf (inzwischen vier) Maler arbeiten zwar in ihren separaten Ateliers, im Anschluss werden die Werke aber gemeinsam betrachtet. Dann wird abgestimmt, welches mit "Irwin" signiert wird. Dabei wird die Gemeinschaft wie eine weitere Person behandelt, auch wenn es darum geht, die gemeinsame Gage aufzuteilen.

Diese Umsetzung scheint sich bewährt zu haben. Irwin ist wohl eines der längst bestehenden Kollektive überhaupt. Vor diesem Hintergrund ist es ein Versäumnis, dass dieser Name und die NSK heute in Deutschland in Vergessenheit geraten sind. Die Beschäftigung mit ihren Ideen zeigt, dass man bei Kollektiven nicht unbedingt bei einer vermeintlichen Dichotomie zwischen "Globalem Süden" und dem Norden landen muss und es auch etwas darüber hinaus gibt. 

Das bringt frischen Wind in die aktuelle Ausstellungslandschaft. Vor allem untermauert die Dortmunder Schau aber Eines: Es wird höchste Zeit, sich mit der viel zu lange unterschätzten Kunst aus Osteuropa zu beschäftigen.