Kunstfestival Steirischer Herbst

In weiter Ferne, so nah

Der Steirische Herbst erzählt vom Krieg und seiner Verdrängung. Dem Ernst der Lage begegnet das Kunstfestival dabei auch mit durchaus komödiantischen Momenten

Im Angesicht des verheerenden Angriffskriegs auf die Ukraine und nur wenige Tage, nachdem Wladimir Putin die Teilmobilisierung Russlands ausrief, eröffnete in Graz der Steirische Herbst 22 unter dem Titel "A War in the Distance / Ein Krieg in der Ferne". Nach "Volksfronten", "Grandhotel Abyss", "Paranoia TV" und "The Way Out" adressiert die fünfte Ausgabe unter der Intendanz von Ekaterina Degot einmal mehr die aktuelle politische Lage aus der Perspektive der Steiermark – die exemplarisch für Mitteleuropa steht.

In ihrer Eröffnungsrede umreißt die Kunsthistorikerin, die Russland 2014 verlassen hat, mit klaren Worten die Absurdität von Putins Krieg, anschließend führt der libanesische Künstler Raed Yassin einen theatralen Trauerzug mit Puppen und Blaskapelle zur Neuen Galerie Graz. Nachdem das interdisziplinäre Festival vor zwei Jahren pandemiebedingt weitgehend im virtuellen und im letzten Jahr fast ausschließlich im öffentlichen Außenraum stattfand, konzentriert sich "Ein Krieg in der Ferne" nun auf eine museale Ausstellung.

Sie geht aus von der Sammlung des Universalmuseums Joanneum in der Neuen Galerie, aus dessen Depot bisher wenig gezeigte Werke des 19. und 20. Jahrhunderts ausgegraben wurden, und stellt diese in einen Dialog mit zeitgenössischen Arbeiten internationaler Künstlerinnen und Künstler – darunter Positionen aus der Ukraine wie aus Russland. Über neun thematische Kapitel werden assoziative Bezüge eröffnet zwischen Kriegen und den ihnen vorausgegangen Konflikten, allen voran die lange, in der Sammlung sehr präsente Geschichte kolonialer Ausbeutung.

"Ein Krieg in der Ferne", Neue Galerie Graz, Ausstellungsansicht
Foto: Mathias Völzke

"Ein Krieg in der Ferne", Neue Galerie Graz, Ausstellungsansicht

Vor dem historischen Eingang, der für die Ausstellung erstmals wiedergeöffnet wurde, zeigt die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova geometrische, weiß lackierte Skulpturen, in deren glatten Oberflächen tatsächliche Einschusslöcher wie die Perforierungen eines Lucio Fontana anmuten. "Das Weiß der Moderne" heißt auch das erste Kapitel der Ausstellung, es erinnert an die Verschränkung von Moderne und faschistischen Idealen bei der Gründung der Neuen Galerie.

Zhanna Kadyrova "Harmless War" (2022)
Foto: Mathias Völzke

Zhanna Kadyrova "Harmless War" (2022)

"Eine alternative Geschichte des Steirischen Herbst" imaginiert dessen Entstehung im Jahr 1939. Zu sehen sind etwa die Figurengruppe "An die Kunst" von Hans Mauracher – das Hakenkreuz unter dem emporgehaltenen Adler wurde nach 1945 durch eine Leier ersetzt –, oder das mit nationalistischer Symbolik aufgeladene Gemälde "Der Steirische Herbst" von Fritz Silberbauer.

Fritz Silberbauer "Steirischer Herbst "(1939), Tempera auf Leinwand, 301 × 150 cm
Foto: mit freundlicher Genehmigung der Neuen Galerie Graz

Fritz Silberbauer "Steirischer Herbst "(1939), Tempera auf Leinwand, 301 × 150 cm

Es begegnet uns wieder in Assaf Grubers Film "Never Come Back" in dem ein nackter Akkordeonspieler im Museumsdepot verschiedene Gemälde kontempliert und schließlich einen alten Ohrwurm hervorbringt. Und plötzlich werden wir uns des erschreckend imperialistischen Tons des Textes von Desireless‘ Song "Voyage, Voyage" bewusst.

Assaf Gruber "Never Come Back" (2022), HD-Video, Stereoton, 16′54″, in Schleife
Foto: mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Assaf Gruber "Never Come Back" (2022), HD-Video, Stereoton, 16′54″, in Schleife

Zu den herausragenden Neukommissionen gehören auch Keti Chukhrovs poetischer Film "Undead", ein surreales Familiendrama an Schauplätzen der vom Krieg mit Georgien verwüsteten Republik Abchasien, oder Willem de Rooijs Installation "King Vulture": Er hat Gemälde von exotischen Vögeln eines niederländischen Malers des 17. Jahrhunderts von heutigen Künstlern in China kopieren lassen und lässt diese Bilderreise für die Geschichte von Kolonialismus und Aneignung einstehen.

Trotz des ernsten Themas macht "Ein Krieg in der Ferne" durchaus Spaß – dank der klugen Verwebung diverser Narrative zwischen Fakt und Fiktion und den zuweilen skurrilen Fundstücken, die sie ans Licht bringt, darunter ein Vexierbild mit Elefant und eine Monumentalbüste des Erzherzog Johann von Österreich, Begründer des Joanneums, der ein unbekannter Schütze eine Kugel in die Stirn geschossen hat.

Die Ausstellung in der Neuen Galerie ist bis Februar 2023 zu sehen, über die Festivaldauer wird sie begleitet von Diskursprogramm, Performances, Kabaretteinlagen, Theater-, Tanz- und Musikproduktionen. Zur Eröffnung brillierte Ming Wong mit "A Rhapsody in Yellow", einer filmischen Lecture Performance mit Livekonzert auf zwei Pianos zur chinesisch-amerikanischen Ping-Pong-Diplomatie.

Ming Wong "Rhapsody in Yellow: A Lecture-Performance with Two Pianos" (2022), Performance (Probe)
Foto: Sebastian Reiser

Ming Wong "Rhapsody in Yellow: A Lecture-Performance with Two Pianos" (2022), Performance (Probe)

Zum umfangreichen Rahmenprogramm gehören unter anderem die Retrospektive "Harun Farocki gegen den Krieg" im Forum Stadtpark oder Hito Steyerls vorzeitig von der Documenta Fifteen abgezogene Installation "Animal Spirits" im Kunstmuseum.