Tipps & Termine

Wohin am Wochenende?

Die Kunst der Woche in Berlin, Düsseldorf, Halle (Saale), Helsinki, Kaiserslautern, Köln, München, Meiningen und Paris


Lawrence Lek in Berlin 

Auf den ersten Blick könnte man meinen, das ehemalige Karstadt-Sport-Gebäude am Berliner Zoo habe sich in ein Autohaus verwandelt - nicht ganz unwahrscheinlich bei der derzeitigen Stadtentwicklung. In den charmanten Nachkriegs-Kuppelbau ist jedoch jetzt die LAS Art Foundation eingezogen, die bis zum 14. Januar 2024 die Ausstellung "Nox" des Londoner Künstlers Lawrence Lek zeigt. Darin geht es um eine Art futuristische Autowerkstatt oder ein Maschinen-Sanatorium, wo fehlerhafte autonome Fahrzeuge rekalibriert und wieder einsatzfähig gemacht werden. Ein "Zauberberg" für KI, wenn man so will. 

Auf zwei Etagen sind elegante schwarze Limousinen verteilt, die das Publikum verführerisch anleuchten und nach und nach in ihre Einzelteile zerlegt werden. Außerdem sind auf riesigen Screens animierte Stadtlandschaften zu sehen, durch die die Fahrzeuge wie in einem Computerspiel gleiten. Über Kopfhörer, die je nach Standort automatisch die richtige Sequenz einspielen, lernt das Publikum die KI eines Unfallwagens kennen. Offenbar wurde sie von der Schönheit eines echten Pferdes überwältigt und hatte einen Systemcrash. Nun soll "Enigma" im Nox-Zentrum wieder aufgepäppelt werden. Wie ein Mensch nach einem Schlaganfall muss sie alles neu lernen, es gibt Fortschritte und Rückschläge, und in der Werkstatt entfalten sich Machtspielchen zwischen Mensch und Maschine - und auch zwischen den KIs untereinander. 

Der Betrachterin oder der Betrachter wandelt dabei wie in einem Abenteuerspiel in der Ausstellung herum. Im dritten Stock, der schon wegen der imposanten Architektur des unrenovierten Ex-Kaufhauses sehenswert ist, darf man dann selbst aktiv werden und als Mitarbeiter der Firma Farsight Corporation ein defektes Auto therapieren. 

Lawrence Lek "Nox", LAS Art Foundation, Kranzlereck, Berlin, bis 14. Januar 2024

 

Kimsooja in Berlin

Im Humboldt Forum hat diese Woche die Ausstellung "(Un)Folding Bottari" eröffnet, in der die koreanische Künstlerin Kimsooja auf Einladung des Museums für Asiatische Kunst sowohl ältere Werke als auch eigens entworfene Arbeiten zeigt. Zentral sind Fragen nach Migration und Heimatlosigkeit, aber auch der Versuch, Heimat wiederzufinden und anzukommen, in koreanischer sowie globaler Sprache. 

Die Künstlerin beschäftigt sich dabei mit  Traditionen ihres Heimatlandes, etwa mit der Technik des Bottari-Faltens. Dabei werden Habseligkeiten in ein Bällchen aus buntem Stoff gewickelt und dessen Enden diagonal geknotet. Sie bezeichnet diese Werke sowohl als Performance, Objekt und Skulptur" Gleichzeitig repräsentieren die Botttari auch einen Zustand der Transition. Zum anderen entstanden in  Kooperation mit der Porzellanmanufaktur Meißen traditionelle "Moon Jars", die Teil koreanischer Identität sind. 

Die Ausstellung soll nicht nur eine "Mini Retrospektive" Kimsoojas sein, sondern gleichzeitig eine Interaktion mit und Reaktion auf die Museumssammlung. So werden die "Moon Jars", Videoarbeiten und bunten Bottari neben einer Auswahl aus dem Bestand des Asiatischen Museums präsentiert. 

"Kimsooja - (Un)Folding Bottari", Humboldt Forum, Berlin, bis 19. Februar 2024

 

Mika Rottenberg und Mahyad Tousi in Berlin

Am  Samstag zeigt die Julia Stoschek Foundation erstmals in Berlin den Film "Remote" (2022) von Mika Rottenberg und Mahyad Tousi: Vier Frauen sind darin durch mysteriöse Portale in Kuala Lumpur, Iran, Argentinien, Puerto Rico und Südafrika miteinander verbunden werden. Ein Déjà-vu mit der Covid-Pandemie ist durchaus beabsichtigt. 

Die in New York lebende Künstlerin Mika Rottenberg beschäftigt sich in ihren Werken mit Arbeit und Wertproduktion im Hyperkapitalismus und verknüpft dabei oftmals Fakten und Fiktion. Der iranische Regisseur und Koautor Mayhad Tousi gibt mit "Remote" sein Regiedebüt.

Im Anschluss an die Berlin-Premiere findet ein Gespräch zwischen Lisa Long, künstlerischen Leiterin der Julia Stoschek Foundation, und Mika Rottenberg statt. 

"Screening: Mika Rottenberg & Mayhad Tousi", Julia Stoschek Foundation, Berlin, 28. Oktober, 19 Uhr

 

Andrea Büttner in Düsseldorf

Scham, Arbeit oder Spiritualität in religiösen Gemeinschaften sind Themen der Künstlerin Andrea Büttner, die sich ebenso mit faschistischen Kontinuitäten in der Ökologiebewegung auseinandergesetzt hat. In der Soloschau des Düsseldorfer K21 sind neuere Arbeiten der 2017 für den Turner Prize nominierten Stuttgarterin zu sehen, die in ihren Arbeiten eine Fülle von Ausdrucksmitteln einsetzt: von Malerei und Siebdruck bis hin zu Glasobjekten und Textilien. Gezeigt wird unter anderem Büttners Holzschnittreihe "Beggars" (2016), die um Armut, Kunstgeschichte, Theologie kreist. 

"No Fear, No Shame, No Confusion", K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, bis 18. Februar 2024

 

Tiere in Halle (Saale)

Bester Freund, Alltagsbegleiter, Mitbewohner, Seelentröster, Arbeitsmittel: Dem besonderen Verhältnis von Mensch und Tier widmet das Kunstmuseum Moritzburg in Halle die Ausstellung "Tiere! Von lammfromm bis fuchsteufelswild" mit Exponaten aus der eigenen Sammlung. Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Plastiken und sogar Medaillen und großformatige Webereien zeigen Hunden, Katzen, Pferde, Vögel, Fische und Fabelwesen durch die Augen von Kunstschaffenden verschiedener Epochen. 

Präsentiert werden unter anderem Werke von Albrecht Dürer, Franz Marc, Pablo Picasso sowie Christian Borchert und Heide Dobberkau. Es gehe unter anderem um Tiere als Symbole, Mythen, Kultfiguren und religiöse Motive, hieß es. Aber auch der Humor komme nicht zu kurz, zudem runden beispielsweise kleine Nippesfiguren das Gezeigte ab. (dpa)

"Tiere! Von lammfromm bis fuchsteufelswild", Kunstmuseum Moritzburg, Hallo (Saale), bis 14. Januar 2024

 

Queere Träume in Helsinki

In der Gruppenschau "Dreamy" wird Queerness recht offen aufgefasst: Queer ist, wer sich von Konventionen emanzipiert. Die Kunstschaffenden der Ausstellung im Museum Kiasma in Helsinki beschäftigen sich mit der Sehnsucht nach Verbindungen, der Suche nach einem Zuhause, mit dem Dualismus zwischen privatem und öffentlichem Leben. Nicht zuletzt geht es – um Liebe. Zu sehen sind traumtänzerische Werke etwa von Lynda Benglis, Nan Goldin, Reija Meriläinen, Jacolby Satterwhite und Anna Uddenberg.

"Dreamy", Museum of contemporary Art Kiasma, Helsinki, bis 26. November

 

Rudolf Levy in Kaiserslautern

Es ist die späte Würdigung eines großen Künstlers. Erstmals in Deutschland wird das farbenfroh-leichte wie dramatisch-schicksalhafte Leben von Rudolf Levy in einer umfassenden Retrospektive gewürdigt. Obwohl viele Museen Werke des im Holocaust ermordeten Levy (1875–1944) besitzen, ist der deutsch-jüdische Maler im Kanon der Moderne kaum mehr präsent. Das ändert sich nun: Die Ausstellung "Rudolf Levy – Magier der Farbe" öffnet am Samstag (28. Oktober) im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern und bleibt bis zum 11. Februar 2024.

"Wir entdecken einen vergessenen Meister der Moderne wieder", sagt Direktor Steffen Egle im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Die Schau erzähle Bekanntes – etwa die Avantgardebewegungen in Paris und Berlin – durch einen wenig bekannten Protagonisten. "Das sollte neugierig machen." Nicht zuletzt leiste die Ausstellung einen wesentlichen Beitrag zur Erinnerungskultur, indem sie eine jüdische Biografie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzähle, die in Auschwitz ihr gewaltsames Ende gefunden habe, erklärt Egle.

Vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts hat die Ausstellung eine zusätzliche Bedeutung bekommen. "Indem wir ein jüdisches Schicksal in der Zeit des Nationalsozialismus erzählen, setzen wir ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus", betont der Direktor. Levy stehe auch für die vielen ermordeten Jüdinnen und Juden. "Wir erleben ja gerade, wie sehr wir wieder für das 'Nie Wieder' eintreten müssen."

Rund 70 Werke sind zu sehen, davon knapp 60 Gemälde von Levy. Sie stammen etwa vom Sprengel Museum Hannover, der Staatsgalerie Stuttgart, dem Museum Ludwig Köln und dem Museum der Verlorenen Generation in Salzburg. "Daneben haben wir einen Hauptanteil aus Privatsammlungen in Deutschland." Leider nicht zu sehen sei "Fiamma" aus den Uffizien in Florenz. "Wegen der exorbitanten Transportkosten mussten wir auf diese Leihgabe schweren Herzens verzichten.

Ein Meisterwerk bleibe das Selbstporträt, das sich im Besitz der Pfalzgalerie befinde. "In verschiedener Hinsicht ist es das künstlerische Vermächtnis von Levy", sagt Egle. Nicht nur, weil es sich um eines der letzten Bilder des Künstlers handele. "Das Gemälde zeichnet sich durch eine große Ambivalenz aus, es zieht einen in den Bann, hinterlässt aber auch viele Fragen." Und es zeige Levys Meisterschaft im Umgang mit Farbe. "So düster die Grundtonalität, so sehr leuchten die Farbhöhungen in Flieder, Hellgelb und Hellblau. Dieses Bild hat uns zum Titel inspiriert: Magier der Farbe."

Levy wurde 1875 in Stettin geboren und zog 1903 nach Paris. Er zählt mit dem Pfälzer Hans Purrmann zu den großen deutschen Schülern von Henri Matisse. 1914 kehrte er zurück, emigrierte aber aufgrund der Judenverfolgung 1933 nach Frankreich, Italien und in die USA. 1937 kehrte er nach Europa zurück. 1943 wurde er in Florenz verhaftet und am 6. Februar 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Die Ausstellung in der Pfalz ist das Ergebnis von rund einjähriger harter Arbeit. "Es ist beachtlich, was das Team in dieser kurzen Zeit geschafft hat", meint der Direktor. "Es war uns wichtig, dass der 80. Todestag des Künstlers, der 6. Februar 2024, im Ausstellungszeitraum liegt und dass die Schau kurz nach der Ausstellung unseres Kooperationspartners, den Uffizien, stattfindet." Nach Florenz war auch Egle gemeinsam mit dem kuratorischen Team zur Planung gereist, außerdem zu den Privatsammlungen. "Es ist eine Besonderheit bei Levy, dass sich ein Großteil des Werks bis heute in Privatbesitz befindet."

Mit einem Thema wie hier sei es nach wie vor gut möglich, Geld für eine solche Ausstellung zu akquirieren, sagt Egle. "Diese Erfahrungen durften wir machen, wofür wir Sponsoren und Drittmittelgebern sehr dankbar sind." Mit der retrospektiven Ausstellung betrete das Museum Neuland. "20 000 Besucher wären ein sehr großer Erfolg."

Und mit welchen Gedanken sollte das Publikum die Ausstellung verlassen? "Mit dem Gedanken, eine wirkliche Entdeckung gemacht zu haben", meint Egle. "Das wünschen wir uns." Die Ausstellung sei neben der schweren Thematik ein Fest der Farbe und Sinnlichkeit. "Rudolf Levy war ein lebensbejahender Mensch, der bis zum Schluss die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geschichte hatte. Seine Bilder erzählen von diesem ungebrochenen Optimismus." (dpa)

"Rudolf Levy – Magier der Farbe", Pfalzgalerie, Kaiserslautern, bis 11. Februar 2024

 

 

Walde Huth in Köln

In den frühen 1950er-Jahren gelang Walde Huth (1923–2011) der große Karrieresprung, als die Fotografin von Designern des New Look wie Christian Dior Aufträge erhielt. Zu ihrem 100. Geburtstag würdigt das Kölner Museum Ludwig eine Modefotografin, deren Name heute wenigen bekannt ist. Dabei setzte Huth Standards, etwa indem sie ihre Models selbstbewusst auftreten und selten lächeln ließ. Und statt in luxuriösen Kulissen fanden die Shootings im öffentlichen Raum, umgeben von Passanten statt. Zu sehen sind auch künstlerische, zunehmend abstrakte Fotografien und Super-8-Filme seit den 1970er-Jahren.

"Walde Huth. Material und Mode", Museum Ludwig, Köln, bis 3. März 2024

Walde Huth Werbeaufnahme für Tretford-Teppichboden, 1968
Foto: Walde Huth, © Heringson Collectibles, Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln

Walde Huth Werbeaufnahme für Tretford-Teppichboden, 1968

 

Picasso in Köln

Es geht um Sex und Erotik: Pablo Picassos "Suite 156" zeigt das Kölner Museum Ludwig von Samstag an in einer Sonderschau. Die 155 Radierungen aus den Jahren 1968 bis 1972 stammen aus dem eigenen Bestand des Museums, das die weltweit drittgrößte Picasso-Sammlung besitzt. Ziel der Ausstellung anlässlich des 50. Todestages Picassos (1881-1973) sei es, das Werk des Künstlers der jungen Generation zugänglich zu machen, sagte Museumschef Yilmaz Dziewior. Der Grafik-Zyklus enthalte viel Diskussionsstoff.

Picassos "Suite 156" entstand in einer Zeit des sozialen und politischen Wandels, in der zunehmend traditionelle Normen in Frage gestellt wurden. Die Radierungen und Druckgrafiken zeigen häufig weibliche Aktdarstellungen, es geht um sexuelle Begierde oder auch die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse, wie Kuratorin Eboa Itondo erläuterte. Dabei stellt Picasso Figuren aus der Kunstgeschichte und aus seinem privaten Umfeld in unterschiedlichen Szenarien dar - mit Vorliebe im Bordell, aber auch im Zirkus oder Theater.

Bei der ersten Präsentation 1973 in Paris stieß "Suite 156" auf gemischte Reaktionen. Positive Kritiken würdigten Picassos technisches Können, die explizite Darstellung sexuellen Verhaltens führte jedoch zu Kontroversen. Diese Auseinandersetzung bilde den Ausgangspunkt der Ausstellung, sagte Itondo.

Ergänzt wird die Schau durch Werke der afghanischen Künstlerin Kubra Khademi, die in ihrer Kunst bewusst den Körper als provokantes Mittel einsetzt, um Geschlechtergerechtigkeit zu fordern. In der Ausstellung sollen Khademis Esel-Darstellungen für eine Blickumkehr von der männlichen zur weiblichen Perspektive sorgen. Die Ausstellung ist bis zum 4. Februar 2024 zu sehen. (dpa)

"Pablo Picasso Suite 156", Musem Ludwig, Köln, bis 4. Februar 2024

 

Damien Hirst in München

Damien Hirsts mehrere Millionen Euro teures Kunstwerk "For the Love of God" ist erstmals seit Jahren wieder zu sehen. Das Münchner Museum of Urban and Contemporary Art (MUCA) zeigt den mit 8601 Diamanten besetzten Schädel von Donnerstag an unter dem Titel "The Weight of Things". Dem Museum zufolge ist es die erste Solo-Schau des Künstlers in Deutschland.

Die Ausstellung der Skulptur in einem ehemaligen Luftschutzbunker ist dabei mit vielen Sicherheitsauflagen verbunden. "Gott sei Dank hatten wir den Bunker schon, sonst hätten wir ihn bauen müssen", sagte die Mitgründerin des MUCA, Stephanie Utz, am Mittwoch. Das Museum plant Führungen im Bunker mit Gruppen von bis zu zwanzig Personen. Die Besucher können den Abguss eines menschlichen Schädels aus dem 18. Jahrhundert dann für etwa zehn Minuten bestaunen.

Für den Rest der Ausstellung des Konzept-Künstlers gibt es - außer den Öffnungszeiten - keine Zeitbegrenzung. Kunstliebhaber können die über 40 ausgestellten Werke aus den vergangenen 40 Jahren von Hirsts Schaffen also in aller Ruhe anschauen. Dazu gehören auch provozierende Plastiken, mit denen der 58-Jährige bekannt wurde, wie in Formaldehyd eingelegte Tierkörper.

Auf einer nach Angaben des Museums 10 000 Quadratmeter großen Außenwand ist außerdem ein "Spot-Painting" zu sehen. Insgesamt 540 unterschiedliche gefärbte Punkte seien dafür an die Wand des ehemaligen Umspannwerks der Stadtwerke gemalt worden. Ganz ohne Eintritt zu zahlen kann die Öffentlichkeit vor dem Museum die Außenskulptur "The Legend" betrachten. Die Bronzestatue des Pegasos, dessen Anatomie halbseitig freigelegt ist, musste aufwendig nachts eingeflogen und mit einem Kran aufgebaut werden.

Die Ausstellung "For the Love of God" an sich ist voraussichtlich bis zum Herbst 2024 geöffnet. Der Diamantschädel ist hingegen nur bis Ende Januar im Museum of Urban and Contemporary Art zu sehen. (dpa)

"Damien Hirst-The Weight of Things", Museum of Urban and Contemporary Art, München, bis Herbst 2024

 

Venezianische Kunst in München

Die Blüte von Kunst und Kultur in Venedig vor rund 500 Jahren ist derzeit in der Alten Pinakothek in München zu erleben. "Venezia 500" versammelt rund 85 Werke berühmter Künstler wie Tizian, Giovanni Bellini oder Tintoretto. Sie und andere hätten die Kunst im frühen 16. Jahrhundert revolutioniert, sagte der Kurator Andreas Schumacher im Vorfeld der Eröffnung am Donnerstag. Bis zum 4. Februar sind die Gemälde, Skulpturen und Skizzen zu sehen, darunter 70 Leihgaben, etwa aus dem Louvre, dem kunsthistorischen Museum in Wien oder Häusern in Italien, Kanada oder den USA.

Die Ausstellung zeigt anhand von Porträts und Landschaften auf, was die venezianischen Kunstschaffenden an Neuem schufen und wie sie mit Farben und Licht umgingen. So wirken die dargestellten Menschen meist als individuelle Charaktere und erwecken mitunter den Eindruck, als würden sie die Betrachtenden direkt anschauen. Die Landschaften gewannen an Tiefe und bekamen in den Gemälden mehr Gewicht. Schumacher erkennt darin die Sehnsucht nach einer Verbindung mit der Natur, nach Muße, Zeit zum Nachdenken und einem Rückzug ins Grüne. Auch Allegorien und Mythen spielten eine wichtige Rolle.

Zudem gibt es Einblicke in ein Forschungsprojekt, das seit 2019 zur Renaissance in der Alten Pinakothek läuft. Im Rahmen dieses Projektes sei es gelungen, ein um 1510 entstandenes "Bildnis des Giovanni Borgherini und des Trifone Gabriele" dem Künstler Giorgione zuzuschreiben. Das Doppelporträt zeigt den Florentiner Bankierssohn Borgherini, der bei dem Universalgelehrten Trifone in Venedig studierte. Weitere Höhepunkte sind unter anderem Tizians "Junge Frau bei der Toilette" und sein "Bildnis einer Dame in Weiß", aber auch der "Knabe mit Pfeil" von Giorgione. (dpa)

"Venezia 500 - Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei", Alte Pinakothek, München, bis 4. Februar 2024

 

William Turner in München

Die Landschaftsgemälde von Joseph Mallord William Turner sind weltberühmt. Schon zu seinen Lebzeiten sorgte der Brite (1775-1851) für Aufsehen. Das Lenbachhaus in München widmet dem Künstler nun in Kooperation mit der Tate Britain in London die Ausstellung "Turner. Three Horizons". Von Samstag bis zum 10. März 2024 will die Städtische Galerie in ihrem Kunstbau Turner als Erneuerer der Kunst und Wegbereiter der Moderne zeigen - und zwar in ganzer Breite, wie Museumsdirektor Matthias Mühling am Freitag in München betonte. Das Museum erwartet viele Besucher und öffnet donnerstags und freitags bis 20.00 Uhr. Mühling empfahl, Tickets vorab online zu kaufen.

Für die Ausstellungsmacher passt Turners Kunst gut in die heutige Zeit mit ihren hoch aufgetürmten Wolken, aufgepeitschten Wellen und atmosphärischen Lichtstimmungen. Die Flüchtigkeit und Drastik meteorologischer Phänomene werde zum Sinnbild einer Welt im Umbruch, hieß es. Genau dies mache seine Kunst heute angesichts der immer spürbareren Folgen des Klimawandels so anschlussfähig und aktuell.

Wenn Turner mit Bleistift und Skizzenbuch loszog, um Stimmungen und Momente im Freien festzuhalten, war er hart im Nehmen. Selbst bedrohliche Naturgewalten schreckten ihn nicht ab. Kurator Nicholas Maniu berichtet, was Turner selbst erzählte. Er habe sich für Stunden an einen Schiffsmast binden lassen, um einem Sturm ins Auge zu sehen. Auf Basis dieser Erfahrung sei das Ölgemälde «Snow Storm» mit einem Dampfschiff inmitten eines wirbelartigen Orkans entstanden.

Seine Werke lösten sich zunehmend von der anschaulichen Natur, erklärten die Ausstellungsmacher. Die Techniken seiner Aquarelle habe er auf seine Ölgemälde übertragen. Dabei habe er nicht nur mit dem Pinsel gemalt, sondern auch das Palettmesser, seine Hände und Finger, Tücher oder gar seinen Hemdsärmel eingesetzt. (dpa)

"Turner. Three Horizons", Lenbachhaus, München, bis 10. März 2024

Joseph Mallord William Turner  "Grenoble vom Fluss Drac aus gesehen mit dem Mont Blanc in der Ferne," ca. 1802
Foto: © Tate

Joseph Mallord William Turner  "Grenoble vom Fluss Drac aus gesehen mit dem Mont Blanc in der Ferne," ca. 1802

 

Fotografie in Meiningen

Die Geschichte der Synagogen und des jüdischen Lebens ist Thema einer neuen Ausstellung der Meininger Museen. Unter dem Titel "Die Banalität des Verschwindens" solle mit der Schau das sichtbar gemacht werden, was aus dem Blick geraten sei, teilten die Museen dazu am Donnerstag mit. Im Schloss Elisabethenburg werden dabei vom 10. November dieses Jahres bis zum 21. April 2024 unter anderem Aufnahmen des Fotografen Jan Kobel zu sehen sein. Die Fotos zeigen die Orte der 32 ehemaligen Synagogen in Thüringen und wie mit ihnen umgegangen wird.

In einem weiteren Teil der Ausstellung werde Iris Helbing, die designierte Leiterin des Fachbereichs Kultur der Meininger Stadtverwaltung, Biografien jüdischer Bürgerinnen und Bürger beleuchten. "Ich habe Material zu drei Familien und möchte auch die Leerstellen in der Stadt und der Gesellschaft zeigen, die das Verschwinden dieser Menschen hinterlassen hat", sagte Helbing. Flucht oder auch das Verschweigen der Familiengeschichte seien auch Teil des Begriffs "Verschwinden", so Helbing. Sie habe zudem Kontakt zu Nachkommen dieser Familien knüpfen können, etwa über Datenbankrecherche und soziale Medien. (dpa)

"Die Banalität des Verschwindens", Meiningen, bis 21. April, 2024

Synagoge in Meiningen
Foto: Courtesy Sammlung Christoph Gann

Synagoge in Meiningen

 

Picasso in Paris

Zum 50. Todestag von Pablo Picasso widmet das Pariser Centre Pompidou dem spanischen Künstler nach eigenen Angaben die größte Retrospektive seiner Zeichnungen, Collagen, Radierungen, Skizzenbücher und Grafiken, die jemals zu sehen war. Unter dem Titel "Picasso. Dessiner à l'infini" (Picasso, endlos zeichnen) werden derzeit knapp 1000 Exponate präsentiert. Alle Epochen sind vertreten, von den ersten Zeichnungen, die um 1900 in Paris entstanden, bis zu seinen letzten Arbeiten im Jahr 1973, dem Jahr seines Todes.

Die umfangreiche Werkschau stellt die Bedeutung des Zeichnens für den kreativen Prozess des Meister des Kubismus in den Mittelpunkt. Die bis zum 15. Januar dauernde Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Pariser Picasso-Museum entstanden. Picasso wurde am 25. Oktober 1881 in Málaga geboren. Er starb am 8. April 1973 in Mougins in Frankreich. (dpa)

"Picasso. Dessiner à l'infini", Centre Pompidou, Paris, bis 15. Januar 2024