Lynn Hershman Leeson in Berlin

Gegen den Datenstrom

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Cyborgs gibt's nur im Kino? Gut, so jemanden wie Darth Vader trifft man nicht auf der Straße. Aber wenn man seinen Fingern dabei zuschaut, wie sie über den Touchscreen des Smartphones fliegen, bleibt nur eine Folgerung: Maschinenmenschen, die sind wir längst selber.

Medien sind Extensionen des menschlichen Körpers, stellte Marshall McLuhan in den 60ern fest. Daraus folgerte die Künstlerin Lynn Hershman Leeson schon früh, dass die Cyborgisierung des Menschen in vollem Gange sein müsse. Jetzt stellt die 1941 in Cleveland, Ohio, geborene Pionierin der Medienkunst in der Berliner Galerie Aanant & Zoo aus. Werke aus fünf Jahrzehnten sind zu sehen, nur ein kleiner Ausschnitt allerdings, bevor das Karlsruher ZKM im Dezember ihre große Retrospektive „Civic Radar“ eröffnet.

Das ZKM-Einladungsmotiv verweist mit einer doppelten Tilda Swinton – ein Filmstill aus Hershmans Klon-Groteske „Teknolust“ (2002) – auf das filmische Werk der Künstlerin. Neben Spielfilmen dreht sie auch Dokumentationen, auf der Berlinale 2011 war ihr Film „!Women Art Revolution“ über die Verdrängung von Künstlerinnen in der patriarchalischen US-Szene zu sehen.

Feminismus und Cyberkritik: In ihrer Collage-Serie „Phantom Limbs“ aus den 80ern führte Hershman beides zusammen. Dort ersetzte sie Körperteile attraktiver Frauen mit Kabeln, Steckern, Bildschirmen oder Fotoapparaten. Als Monopol im Februar die NSA-Affäre aus der Künstlerperspektive behandelte, war die Collage „Reach“ (1986) das Covermotiv, ein Model mit Kamera-Kopf, das nun in der Ausstellung zu sehen ist.

Überwachung ist die Kehrseite unserer Lust an Apparaten. „Für mich waren Snowdens Enthüllungen nichts grundlegend Neues“, sagt Hershman. „Ich habe zumindest geahnt, was nach dem Patriot Act von 2001 auf uns zukommen könnte. „How to Disappear“ lautet der Ausstellungstitel, was sich durchaus als Wunsch lesen lässt, vom Radar der Datenspitzel zu verschwinden.

Aber man kann auch gegen seinen Willen unsichtbar sein, womit wieder der Feminismus ins Spiel kommt. In den 60er-Jahren schuf Hershman Wachsarbeiten, die nun auf Fotos zu sehen sind. Es sind angeschmolzene Fragmente von Frauenkörpern und –gesichtern mit Titeln wie „Burning Woman“ oder „Burned Bride“.

Es waren solche Skulpturen, mit denen Hershman 1972 in San Francisco eine der ersten ortsbezogenen Installationen überhaupt bestückte: „Dante Hotel“ bestand aus Relikten erfundener Frauenfiguren in einem Hotelzimmer. Weil die männerdominierten Institutionen ihr die Arbeit erschwerten, fand die Künstlerin diese Alternative zum Museum. Doch vielen Besuchern war der Kunstcharakter des Environments, zu dem eine Zeitungsannonce und ein an der Rezeption erhältlicher Schlüssel führte, nicht klar. Ein Besucher hielt das Zimmer für einen Tatort und alarmierte die Polizei. Die vermeintlichen Beweisstücke wurden aufs Revier gebracht. „Dort liegen sie wohl noch heute“, erzählt die Künstlerin.
 
Ein Kontaktbogen mit Schnappschüssen einer etwa 30-jährigen Frau, die Krankengeschichte dieser offenbar Depressiven und das Transkript eines (abgehörten?) Gesprächs zwischen ihr und einem Mann erinnern in der Ausstellung an Roberta Breitmore, die zwischen 1970 und 1979 von Hershman und vier anderen Darstellerinnen verkörpert wurde. Roberta war Inhaberin eines Bankkontos, machte ihren Führerschein und traf sich in San Francisco mit Männern, ohne dass diesen klar war, dass ihr Gegenüber eine Fiktion war.
 
„Roberta Breitmore“ fällt noch in die von Hershman als B.C. (Before Computers) bezeichnete Phase. Heute teilt sie ihr Werk in B.C. und A.D. (After Digital) ein, den Wendepunkt markiert ihre erste interaktive Arbeit „Lorna“. Erstmals 1984 wurde diese Kreuzung aus Frauenporträt und Computerspiel ausgestellt. Am Ende einer Partie erlebte der Betrachter/Spieler, wie die fernsehsüchtige Texanerin Lorna in ihrer Isolation verharrte, sich das Leben nahm oder, im Idealfall: ihr TV-Gerät zerschoss und ins Freie ging.
 
Damals reichte das vielleicht als Befreiungsschlag. Aber wir Cyborgs können uns kaum die Handys abhacken oder die Elektronengehirne wegpusten. Aber wir können uns bei Lynn Hershman Leeson abschauen, wie man skeptisch bleibt und gegen den Datenstrom schwimmt.

Aanant & Zoo, bis 6. September

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