50 Jahre deutsche "Sesamstraße"

Geliebte Neurosen

Der Künstler Claus Richter war zwei Jahre alt, als die "Sesamstraße" ins westdeutsche Fernsehen kam. Zum 50. Geburtstag der Serie erzählt er, wie ihn die Figuren geprägt haben und warum der Titelsong noch heute Hierarchien sprengt

Bevor ich jetzt gleich das hohe Lied auf Jim Henson singen werde, muss erwähnt werden, dass die "Sesamstraße" 1969 nicht von ihm, sondern von einer ganzen Gruppe von Menschen nach einer Idee von Joan Ganz Cooney und Lloyd Morrissett entwickelt wurde. Joan Ganz Cooney arbeitete über zwei Jahre lang an der Entwicklung und Realisierung der Serie und hielt dabei viel hierarchisches Geschubse, sexistische Abwertung und insgesamt einen ziemliche beständigen Gegenwind ihrer Vorgesetzten aus.

Sie wurde Mitbegründerin des "Children's Television Workshop" (übrigens eine Non-Profit-Organisation), der kurz nach seiner Entstehung im legendären Jahr 1968 begann, an der Entwicklung der "Sesamstraße" zu arbeiten. Lloyd Morrisett, zweiter wichtiger Kopf des Workshops, brachte sein Wissen als Psychologe ein. Er hatte die eigene Tochter beobachtet, die, damals dreijährig, gebannt auf den laufenden Fernseher starrte und schnell alle Werbejingles auswendig singen konnte. Wie wäre es, so dachte Vater Morrisett, wenn man statt Werbung etwas anderes anbieten könnte? Etwas Anregendes, Selbstermächtigendes, etwas, was Kindern über Miteinander, Freundschaft und Nachsicht erzählt, ohne dabei sterbenslangweilig zu sein? So entstand die "Sesamstraße". 

Jetzt aber zum Multitalent Jim Henson. Nicht nur von mir hochverehrt und leider viel zu früh gestorben hat er es vollbracht, in seiner Lebzeit unzählige großartige Figuren in die Welt zu setzen. Nur die Spitze des Eisbergs sind dabei die Figuren, die er für die "Sesamstraße" entwickelte: Kermit, Ernie, Bert, das Krümelmonster, Mumpitz, Grobi, Graf Zahl, Oscar, Schlemihl, Bibo, mannigfaltige Monster, später dann folgten für die "Muppet Show" Miss Piggy, Fozzy Bear, der schwedische Koch, Rizzo, die Ratte, der große Gonzo, Scooter, die Muppet-Band mit dem Tier an den Drums, Professor Honigtau Bunsenbrenner und Beaker, die Schweine im Weltall, Statler & Waldorf, Rowlf am Klavier, singende Pinguine, tanzende Kühe und viele, viele, viele mehr.

Zugleich anarchisch und liebenswert

Hensons Figuren sind stets zugleich anarchisch und liebenswert, oder vielleicht sind sie eben genau deshalb so liebenswert, weil sie so anarchisch sind. Auf jeden Fall ist nichts an den Puppen, die die "Sesamstraße" und später dann die "Muppet Show" bevölkerten, süßlich, konfliktfrei oder weichgespült. Genau das ist das Tolle: Jim Hensons Figuren haben zügellose Begierden (Krümelmonster), sind unsicher (Kermit), eitel (Piggy), tollpatschig (Grobi), unfassbar schlecht gelaunt (Oscar) oder schlichtweg komplett durchgeknallt (Gonzo).

Nichts an den Figuren aus Jim Henson Werkstatt ist "normal", und genau darum sind sie so bis heute so brilliant. Keine niedlichen Kindlein mit rosigen Bäckchen lernen hier, wie man sich schön brav verhält. Nein, Monster meckern aus Mülltonnen, fressen gierig Gebäck und Bühnendekoration in großen Mengen, während verwirrte Professoren irgendwo was in die Luft jagen und Ernie seinen Freund Bert mit unverhohlener Freude zur Weißglut bringt. Die "Sesamstraßen"-Figuren haben Macken und Neurosen, ärgern und foppen sich, und ich vermute, man hat sie genau deshalb sehr, sehr lieb. 

Und wer erinnert sich nicht an "Mai Nà Mai Nà", den irrsinnigen Ohrwurm, der ursprünglich eine Filmmusik war und erst durch Jim Hensons groteske Figuren für immer in die kollektive Erinnerung gelangte. Oder der "Kraken-Song", ursprünglich "Octopus' Garden" von den Beatles, aber so toll mit den Muppets der "Sesamstraße". Möchte jemand kurz "Qietscheentchen" ansingen, eine Originalkomposition, die von Ernie in der Wanne gesungen wird. Es gibt so viel Erinnerungen, wenn man erst einmal anfängt ...

Man kann nur niederknien

Ich erinnere mich zum Beispiel gerne an die wunderbar chaotischen Märcheninterpretationen der frühen "Sesamstraße", in denen alles, aber auch alles irgendwie total schief geht. Jim Hensons dunkler, aber nie zynischer Humor, sein Sinn fürs Burleske, für den groben und herrlichen Spaß der historischen Vaudeville-Shows, der später in der "Muppet Show" voll und ganz zur Geltung kommt, ist hier das Salz in der Kinder-Suppe. Klar lernen Kinder Zahlen und Buchstaben oder den Unterschied von "nah" und "fern", aber zugleich lernen sie vielleicht eben auch die Freude am Ausprobieren, am Unfug machen und vor allem, dass nichts und niemand immer verwertbar oder perfekt sein muss.

Wenn man heute bei YouTube ein bisschen nach alten "Sesamstraßen"-Videos wühlen geht, stößt man auf die erstaunlichsten Dinge. 1977 zum Beispiel gab es in der US-Version kurze Zeichentrickfilme über die Zahlen Eins bis Zwölf, die in einem psychedelischen Flipper spielen und deren extrem funky Musik von Walt Kraemer und den Pointer Sisters einem danach noch lange als Ohrwurm begleiten wird. Oder viele Jahre später das "Monsterpiece Theatre", in dem Grobi und ein weiteres Monster tatsächlich Samuel Becketts "Warten auf Godot" für Vorschulkinder nachspielen. (Die Inszenierung erhält anschließend einen scharfen Verriss von Krümelmonster.)

Man kann nur niederknien, danke für all das! Und was machte nun die BRD der 1970er Jahre daraus? Vor ziemlich genau 50 Jahren, am 8. Januar 1973 fand nach einigen Tests in den Vorjahren der offizielle westdeutsche Start der synchronisierten Serie in der Bearbeitung durch den NDR statt. Westdeutschland war eines der ersten Länder, das die "Sesamstraße" fürs eigene Programm einkaufte. Bis heute legendär und immer noch Grund zum Kopfschütteln ist dabei die Reaktion des Bayrischen Rundfunks, der sich als einziger Regionalsender weigerte, die synchronisierten US-Folgen zu zeigen. Sie waren dem Bayrischen Rundfunk zu sehr auf arme "Unterschichtskinder" ausgerichtet. Und nicht deutsch genug.

Fernsehen war Glück

So spießig das war, bescherte es uns immerhin das ebenfalls recht vergnügliche "Feuerrote Spielmobil", die Sendung, die der BR verpflichtend in die bayerische Programmlücke fügen musste. Die Idee von Fernsehen für Vorschulkinder war und ist ein Minenfeld. Sollen Kinder so früh schon vor elektronischen Medien hocken? Was wird vermittelt? Welche Weltbilder werden dargestellt? Ein aus heutiger Sicht herrlich antiquierter Beitrag des NDR, der in der ARD-Mediathek vorliegt, versuchte damals, nervöse Eltern mit der angemessenen Vorsicht die pädagogische Qualität der Sendung zu vermitteln. Währenddessen sieht man 70er-Kids auf den Wohnzimmerteppichen der Republik glücklich vor der Glotze herumlungern.

Ich war auch so ein Kind auf so einem Teppich. Fernsehen war Glück. Es hatte damals einen völlig anderen Stellenwert, viel zentraler und lebensstrukturierender waren die drei Programme der 1970er und 80er. Sendungen wurden am nächsten Tag auf der Straße diskutiert, man musste zu gewissen Zeiten zuhause sitzen, um einen Film zu schauen (nix Streaming), und insgesamt war das Medium im Vergleich zu heute einfach wahnsinnig wichtig. In diese fetten Fernsehjahre wurde ich geboren, und als ich dann genau wie Lloyd Morrissetts Tochter endlich soweit war, die Jingles der Werbung mitsingen zu können, begann auch in der BRD die "Sesamstraße" und machte aus mir ein "Sesamstraßen-Kind".

Die frühe deutsche Serie begann richtig gut, denn das Titellied von Ingfried Hoffmann und Volker Ludwig ist genial. Angstlos, neugierig und aus vielen jungen Kehlen wird da gesungen, dass man ruhig mal fragen soll, wenn man was nicht versteht, denn: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Und genau dieses Lied ist und bleibt gültig bis zum Sankt-Nimmerleinstag, nicht nur für Kinder. Allein diese Ermutigung zum Fragen, dass man sich nicht schämen muss, etwas noch nicht zu wissen: Das ist ein herrlicher Sprengsatz in den Mauern oft auf Angst aufgebauter Hierarchien.

Beschwerden über das Monster im Müll

Denn wie man vielleicht ja schon bei "Des Kaisers neuen Kleidern" gelernt haben könnte, kann so manche "dumme" Frage (oder Feststellung ) so einiges an Blendwerk und Wichtigtuerei aufdecken, daher ist ein "Sesamstraßen"-geprägtes Kind im besten Falle schon mal nicht mehr ganz so anfällig für die perfiden Einschüchterungsmittel der Macht. Am ständig griesgrämigen Oscar, der zudem auch noch in einer Mülltonne lebte und darüber sang, das Schmutzige, Dreckige und Stinkige zu lieben, schieden sich damals aber dann doch die Geister. Viele deutsche Eltern beschwerten sich entrüstet über das Monster im Müll, 1976 dann wurde die Original-Rahmenhandlung der US-Folgen in Westdeutschland durch Eigenproduktionen ersetzt.

Der naive Bär Samson und das altkluge Vogelwesen Tiffy trafen ab 1978 in einer Art offenen Wohnküche auf Henning Penske und Lilo Pulver, später kamen der prätentiöse Herr von Bödefeld und die irgendwie somnambule Schnecke Finchen dazu. Die "Sesamstraße" war nun eher das "Sesamhaus".

Zudem sorgten nun ebenfalls in Westdeutschland produzierte Einspielfilme wie die "Bumfidel"-Reihe für einen stärkeren und ernsthafteren Fokus auf den Umgang mit möglichen Konflikten und Problemen von Kindern mit der restriktiven Welt der sie umgebenden Erwachsenen. All das umweht eine didaktische Verkrampftheit, die leider im Vergleich zur lockeren Grundstimmung der amerikanischen Elemente immer wieder steif und hölzern wirkt.

Redaktionelle Ambition durch Kinder ausgesprochen

Ich erinnere mich, dass ich es als Kind geradezu beklemmend fand, die stressigen und peinlichen Situationen anschauen zu müssen, in die die deutschen Großstadtkinder in den Zwischenfilmen immer gerieten. In steifen, auswendig gelernten Texten sprach da durch die Münder der Kids überdeutlich die redaktionelle Ambition, und offensichtlich nicht die echte Stimme der Kinder. Das hat man als junger Zuschauer sofort gespürt. War nicht so gut. Konnten die Amis besser.

Samson und Tiffy waren dann leider genauso brav und weichgespült, wie es eben nicht hätte sein müssen. Man hat sich dran gewöhnt, glaube ich, aber es wurde zumindest für mich nie eine so heiße Liebe wie die zu Grobi, Ernie, Bert oder all den anderen klassischen Figuren. Aber das war ja vielleicht nur ich, wahrscheinlich haben viele andere Kinder das ganz anders wahrgenommen.

Toll war, dass der NDR in den Zwischenszenen mit der deutschen Besetzung ziemlich viel Studiotechnik bewusst offen gezeigt hat. Man hat als Kind so gelernt, wie ein Bluescreen funktioniert, wie Kulissen gebaut sind und was man so alles im Fernsehen zaubern kann. Ein bisschen Bertolt-Brechtscher Abriss der vierten Wand wehte da durch das deutsche Sesamwohnküchenhaus. Und es gab durchaus auch brillante, sehr eigenständige deutsche Neuerungen, zum Beispiel Christoph Busses geniale Sketche und Songs wie die von Herrn K (gespielt von Peter Bauer), der in Anzug und Melone vom Pech und Missgeschicken verfolgt ziemlich tolle Lieder singt und die Absurdität des Lebens humorvoll umarmt.

Kluger Witz und anrührende Geschichten

Das "Sonnenlied" aus dem Jahr 1977 wäre ein Beispiel. Der arme Herr K. wird hier von einer ambitionierten Kinderfilmproduktionscrew gezwungen, im strömenden Regen ein lustiges Lied über schönes Wetter zu singen, was natürlich immer mehr eskaliert und schlussendlich dazu führt, dass er samt Regisseur in den eiskalten See springt und mitten in der ihn umtosenden Wetterapokalypse darüber singt, wie herrlich das alles ist. Heute noch mehr als sehenswert.

Von Christoph Busse stammen die schönsten deutschen "Sesamstraßen"-Lieder und Filmeinspieler der 70er, der "Song vom Fortbewegen  zählt dazu, genau wie der "Egal-Song", der "Song vom Aufmachen" oder der "Frikadellenblues". Hier glänzt die frühe deutsche "Sesamstraße" dann plötzlich mit eigenem klugem Witz und anrührend schönen Geschichten, zudem wippt man sofort mit dem Fuß, noch heute. Danke!

Wie sich die Sendung dann bis heute weiterentwickelt hat, das wäre ein neuer Text. So viele Figuren und Akteure kamen und gingen und natürlich folgt auch die "Sesamstraße" den Zeichen der Zeit. Es gibt jetzt Figuren mit Autismus oder Aids, und die Kids in den Zwischenfilmen haben nicht mehr so coole 70er-Klamotten an, müssen aber auch nicht mehr so bemüht reden. Ganz gut eigentlich, die aktuelle Geburtstagsfolge habe ich geschaut und muss sagen: Die "Sesamstraße" 2023 ist auf ihre moderne Art immer noch klasse.

Aktionstag im Museum in Hamburg

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt ab dem 8. Januar die Ausstellung "Sesamstrasse. 50 Jahre Wer, Wie, Was!" mit vielen Puppen, Kulissen, Requisiten und Musik. Am eigentlichen Geburtstag, dem 8. Januar, gibt es von 10 bis 18 Uhr bereits einen Aktionstag. Nix wie hin!!

Noch kurz in eigener Sache:  Auch mit den frühen deutschen Kurzfilmen "Daniel der Angeber", "Hetze Petze" und "Birgit (Ätsch-Song)" hat die deutsche "Sesamstraße" damals über Moral, Soziales und Gruppendynamik erzählt. In schmissigen Songs wird hier mit ausgeschnittenen Figuren wie in einem großen Papiertheater von Petzen, Angebern und Blödies erzählt. Wenn irgend jemand weiß, wer dieses Filme gezeichnet und animiert hat, bitte mir sagen, ich suche da schon so lange.