Berlin Biennale: KunstWerke

Welterfassungssysteme

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Am Ende des großen Rundgangs über die Berlin Biennale, im dritten Stock der KunstWerke (KW), sitzt eine versteinerte Eule auf dem Fensterbrett und schaut auf die geschundene Spandauer Vorstadt, auf die Kuppel der Synagoge in der Oranienburger Straße, auf die Dächer des Scheunenviertels. Die Installation von Zarouhie Abdalian ergibt ein schönes Sinnbild für den Biennale-Kurator Juan A. Gaitan. Der hatte versprochen, sich tastend, vorsichtig der Stadt zu nähern, hinhören und hinsehen, gewissermaßen im Nachtflug über die Geschichte.

„Doch Berlin ist nur ein Ausgangspunkt, ein Beispiel für die allgemeine Tendenz, die Geschichte in den Mittelpunkt zu rücken und sich damit vom vergangenen Jahrhundert loszusagen“, schreibt Gaitan.

Die KW sind nun selbst längst Geschichte. In dieser ehemaligen Margarinefabrik startete 1998 die Berlin Biennale, von Klaus Biesenbach, Hans-Ulrich Obrist und Nancy Spector kuratiert. Bei ihrer achten Ausgabe, die am Mittwoch eröffnet, ist das Haus lediglich Nebenschauplatz. Hauptaustragungsort sind die Museen Dahlem (lesen Sie hier einen Rundgang an diesem Spielort), empfohlener Ausgangspunkt des Rundgangs das Haus am Waldsee (Review hier).

In den KW scheint das Thema vor allem die Vermessung und Aneignung der Welt zu sein, durch Wissenschaft, Ideologien, Rohstoffgewinnung, Reisen und Raubbau. Viele Arbeiten sind eigens für die Ausstellung entstanden, aufwendige Projekte oder Teil einer langer Recherche.

Im Erdgeschoss findet man noch die Überreste der Vorab-Events zu dieser Biennale, ein Wandgemälde von Zachary Cahill aus dessen USSA-Wellness-Projekt. In den vergangenen Wochen hatte der US-Künstler mit Aquarellen und Skulpturen über den Zusammenhang von Wellness, Politik und Kunst nachdenken wollen, kam aber damit zu einer Zeit, in der die Ukraine-Krise weltpolitisch nicht gerade Entspannung brachte. Sein phantasiertes USSA-Wellness-Center, bei dem die Versöhnung der Blockmächte und Widersprüche USA und USSR zu einer einzigen schönen, neuen Einkaufswelt verschmelzen, ist in weite Ferne gerückt.

Dort, wo seine Einzelausstellung zu sehen war, in der großen Haupthalle im Erdgeschoss, sind nun zarte Papierarbeiten von Irene Kopelman ausgestellt. Eine lobenswerte kuratorische Entscheidung, in diesem wirkungsvollsten Raum der KW eben nicht zu protzen, sondern mit fragilen Displays der argentinischen Künstlerin Raum zu geben. Ihre Zeichnungen und Gouachen drehen sich um die naturkundliche Wissenserfassung und -darstellung und werden gekontert mit einem Raum im Raum, in dem sich der kubanische Künstler Tonel mit seinem sozialistischen Vaterland und der Wissenschaft als strategisches Mittel im Kampf der Systeme auseinandersetzt.

Wie dieser Kampf ausgegangen ist, wissen wir. In den Bildern von Santu Mofokeng und der Videoinstallation von David Zink Yi ist angewandte Wissenschaft reine Machtergreifung gegen die Natur. Das Dröhnen der Presslufthämmer, das Zink Yi in einer peruanischen Silbermine aufgenommen hat, glaubt man in der ebenso eindrucksvollen Videoinstallation des chinesischen Künstlers Li Xiaofei wiederzuhören: Er filmt in seinem fortlaufenden Projekt Fabriken und Industrieanlagen.

Solche Korrespondenzen tauchen in den KW immer wieder auf: von Li Xiaofei zum beeindruckenden Raum von Leonor Antunes, die in filigranen Installationen indigene Kulturtechniken gegen industrielle Produktion ausspielt, von dort nicht mehr weit zu Otobong Nkangas Displaysystem mit Mineralien, von dort ist man dann wieder bei David Zink Yi.

Judy Radul schafft eine Beziehung zum Ethnologischen Museum in Dahlem und damit zu einem weiteren Austragungsort der Biennale. Sie hat in den KW Vitrinen aufgebaut, deren Betrachter von einer beweglichen Kamera gefilmt werden. Diese Bilder werden live ausgespielt und in Beziehung gesetzt mit vorab aufgezeichneten Bildern aus dem Völkerkundemuseum. Man sieht die Ausstellungsbesucher: Das sind wir, Teil von Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Religion und was es da noch an großen Welterfassungssystemen gibt. Der distanzierte Eulen-Blick von außerhalb ist eine Illusion.

8. Berlin Biennale, 29. Mai bis 3. August. In Monopol 6/2014 finden Sie ein großes Spezial zur Biennale.

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