Deutsches Currywurst Museum, Berlin

Die Entdeckung des Currywurstmuseums

ANZEIGE

„Gehse inne Stadt, wat macht dich da satt? ‘Ne Currywurst.“ Aus einem Lautsprecher nölt Herbert Grönemeyer seine Hommage „Currywurst“ herunter, wenn der Besucher am Eingang des Museums nach einer der roten Ketchup-Flaschen greift: „Kommse vonne Schicht, wat schönret gibt et nich, als wie Currywurst.“ In der Berliner Schützenstraße, strategisch günstig gelegen „inne Stadt“, unweit des Touristen-Hot-Spots Checkpoint Charlie, steht seit genau einem Jahr das erste deutsche Currywurstmuseum, und dort geht es tatsächlich um nichts anderes, es geht um die Wurst.

Ich bin überzeugte Vegetarierin. Das Angebot, mit dem Kauf der Eintrittskarte einen Gutschein für eine echte Berliner Currywurst in der an das Museum angeschlossene Imbissbude zu erwerben, konnte mich bislang zu keinem Besuch verleiten. Allerdings hatte das für die Gestaltung des Museums zuständige Frankfurter Büro Atelier Markgraph und die Projektträgerin E.I. Edutainment International kürzlich gleich zwei Preise einheimsen können – und das hat das Interesse geweckt. Bei dem One Show Design Award in New York wurde die Erlebnisausstellung mit dem „Silver Pencil“ ausgezeichnet, sie zählt damit zu den weltweit fünf besten Projekten im Bereich „Rauminszenierung". Obendrauf gab es eine Auszeichnung in der Kategorie „Kommunikation im Raum“ beim Art Directors Club (ADC) für Deutschland.

Große Bilder wechseln ab mit Zooms auf Details
Was die „Rauminszenierung“ angeht: Das Haus erinnert, offenbar gewollt, schon beim Eintreten an ein Fast-Food-Restaurant. Viel Plastik, viel Bunt, der Essensgeruch setzt sich während des Aufenthalts in der Nase (und in der Kleidung) fest. „Wichtig war uns bei der Ausstellungsgestaltung, dass große skulpturale Bilder mit dem tiefer gehenden Blick auf Details und Hintergründe alternieren", erläutert Hellen Kleine vom Atelier Markgraph. "Die Ausstellung soll Spaß machen und informieren. Deshalb auch das Spiel mit den Dimensionen. Hochskalierte Zutaten wie mannshohe Pommes Frites werden durch inhaltliche ,Zooms' wie die Aufschlüsselung der einzelnen Soßenbestandteile ergänzt.“

Das Fleisch ist billig, aber mein Geist ist stark. Von geschlachteten Tieren ist im Currywurstmuseum jedenfalls nichts zu sehen. Der Schritt vom Schwein zur Wurst, er wird dezent unter die Schlachtbank gekehrt, während ansonsten jeder Aspekt des Snackverzehrs, von der Soßenherstellung über die Holzgabel zum Pappteller in einer eigens dafür bestimmten Nische vorgestellt wird.

Denn die Currywurst ist viel mehr als einfach nur Wurst. Auf die Soße kommt es an, so wurde mir zumindest berichtet. Ob mild oder scharf, dunkelrot oder leicht gelblich, die Zusammensetzung der Delikatesse ist ein Staats- beziehungsweise Stadtgeheimnis. In der Gewürzkammer des Museums sind diverse Schubladen mit den sagenumwobenen Inhaltsstoffen gefüllt und ihre – selten deutsche Herkunft – erklärt.

Auch der stilechten Darbietung der Speise ist ein Teil der Ausstellung gewidmet: Die vor allem wegen ihrer geringen Herstellungskosten präferierten, weißen Pappschalen können mittlerweile sogar in einer Porzellanvariante fürs Heim erworben werden. Der Herkunft und Ökobilanz der kleinen Holzpicker wird hier Schritt für Schritt auf den Grund gegangen. „Unser größter Wunsch wäre", so Hellen Kleine, „dass die Besucher das Museum als Teaser für ihre ganz eigenen Alltagsbeobachtungen nutzen. Wenn wir mit unseren Inszenierungen dazu beitragen, dass der Blick für das Alltagsphänomen ,Currywurst' geschärft wird, freuen wir uns."

Der Blick auf eine Weltkarte zeigt, dass die Wurst nicht nur in Deutschland Magen füllt. Die höchste Budendichte hat jedoch Berlin vorzuweisen, das wird dank einer 3D-Schaukarte schnell deutlich, auch, dass die großen Namen wie Curry 36 oder Konnopke‘s (nur Original mit Apostroph) in puncto Wurstverkauf pro Tag nach wie vor die Nase vorn haben – und allein in der Hauptstadt werden jährlich ganze 70.000 Stücke an den Mann und die Frau gebracht.

Berlin oder Ruhrpott?

Aber nicht nur Mägen beschäftigen sich mit der Verwertung des Fleischprodukts, auch die Film- und Fernsehindustrie hat schon die eine oder andere Hommage an die Currywurst produziert: Kein Kölner Tatort ohne den obligatorischen Domblick mit Wurstbraterei-Wagen davor. Darüber, dass sich dieser Anblick keinem einzigen Köln-Reisenden zeigt, da die rollende Snackoase normalerweise auf der anderen Rheinseite beheimatet ist, wird hinweggesehen.

Natürlich kann das Museum, da die Entdeckung der Currywurst auf die späten 40er-Jahre datiert wird, nicht aufwarten mit versteinerten, prähistorischen Fundstücken, die die Existenz der Wurstspezialität schon in der Steinzeit belegen. Ansonsten hat das Team um Kurator und Initiator Martin Löwer alles zusammengetragen, was auch nur im Entferntesten mit der Berliner Spezialität zu tun hat. Berliner Spezialität? Moment mal, da war doch was …

Denn auch wenn die Hauptstädter die Wurst nur allzu gern als lokale Spezialität bewerben, auch aus dem Ruhrpott sind Stimmen zu vernehmen, die sie für sich beanspruchen. Der ewige Streit um die Herkunft des Pressfleischerzeugnisses geht auf keine Kuhhaut, allerdings passt er perfekt in einen Schweinedarm, den man – je nach persönlichem Gusto – mitverzehren oder vor Konsum entfernen lassen kann. Das Museum verirrt sich zum Glück nicht in regionalen Konflikten – wozu auch: In Deutschland wird nach wie vor mehr Fleisch produziert, als konsumiert werden kann. Es ist genug Wurst für alle da.

Deutsches Currywust Museum, täglich von 10.00 bis 22.00 Uhr. Am 15. August feiert das Haus bei reduziertem Eintritt und mit Spezialangeboten einjähriges Bestehen.

Weitere Artikel aus Interpol