Kunsthalle Düsseldorf

Beastie-Beuys

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Im Titel der Ausstellung steckt es phonetisch verschlüsselt drin: Bei „The Group 1965 - We are boys!“ handelt es sich um eine lockere Gruppenbildung aus sechs männlichen Künstlern, allesamt 1965 geboren, die sich dem gesellschaftskritischen Geist von Joseph Beuys verschrieben haben - allerdings weitaus schwarzhumoriger als das zum deutschen Tiefsinn neigende Vorbild.

Dem „Monument for nothing“ von Makato Aida sieht man seine Brisanz deshalb auch erst auf den zweiten Blick an. Inmitten der bonbonfarbenen Wandcollage aus Konsumikonen, Pornocomics, Totenschädeln und fliegenden Geldscheinen streckt ein großäugiges Manga-Mädchen seinen blutig zerschnittenen Arm entgegen. Über ihrem Kopf verweist der süßlich schimmernde Schriftzug „Suicide“ auf die hohen Selbstmordraten unter japanischen Teenagern.

Alarmstimmung verbreitet auch Parco Kinoshita. Auf seinen Wandbildern wuchern prophetisch die Dämonen, die Abwehr scheint zwecklos. Tsuyoshi Ozawa gibt sich zartbesaiteter. Sein „Sojasoßen-Kunstmuseum“ lädt zum sanften Schmunzeln ein. Es trotzt dem nicht nur unter Nationalisten verpönten Import westlicher Gegenwartskunst mit Tatami-Matten und folkloristischen Utensilien.

Brachial dagegen die Performance von Hiroyuki Matsukage. Die unzähligen Flaschen, die er in schwarzer Lederkluft zertrümmert, dienen Experimentalmusiker Sumihisa Arima als Folie für einen apokalyptisch grimmigen Soundtrack. Keine Frage, auch ohne Fukushima war längst etwas faul im Land der untergehenden Sonne. Ein Grund mehr, trotz des Atom-Gaus an der seit über einem Jahr geplanten und die nationalen Befindlichkeiten hellsichtig hinterfragenden Ausstellung festzuhalten.

Mit der Vorliebe für Enthüllungsgesten enden zwar die programmatischen Gemeinsamkeiten. Unter den Mitgliedern finden sich Musiker, Fotografen, Maler, Designer, Performance- und Konzeptkünstler. Im traditionell japanaffinen Düsseldorf präsentieren sie neben Werken aus den letzten 15 Jahren auch die frisch konzipierte Installation „Nagaya“. Sie nimmt spontan Bezug auf die Tsunami- und Reaktorkatastrophe. Ihre Folgen kommen in Gestalt eines jener typischen Reihenhäuser daher, die bis heute gerne von Studenten bewohnt werden. In der Kunsthalle mutieren sie zu einer provisorischen Behausung, einem Flüchtlingsheim, wie sie aus dem Krisenalltag nicht mehr wegzudenken sind.

Jeder der angry boys bespielt darin einen Raum und reagiert auf die aktuelle Lage in der Heimat. Zu Blickkontakten kommt es nicht, die Ohnmacht sitzt noch zu tief. Parco Kinoshito lässt in den Ecken seiner Kammer schwarze Wellenknäuel vom Boden aufsteigen. Der Besucher stellt sich ihnen solidarisch entgegen und wünscht, sie mögen nach dem ultimativen Kontrollverlust auch den Abschied von der bleiernen Vergangenheit einläuten.

Kunsthalle Düsseldorf, bis 3. Juli

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