Abwesenheitsnotiz: Ornella Fieres

New Yorks Sommer hinterlässt Spuren

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Was machen Künstler im Sommer? In unserer Serie "Abwesenheitsnotiz" bitten wir um ein Lebenszeichen. Ornella Fieres erzählt von ihrem ambivalenten Verhältnis zu New York

New York wurde auf Sumpfland, Treibsand, Fels und Gletscherablagerungen gebaut. Im Sommer entströmt dem Boden der Stadt eine unwirtliche Hitze, die mit aller Macht auf die Klimaanlagenluft jedes Gebäudes und Ubers schlägt. Dieser Ort ist laut und gnadenlos und trotz seiner Künstlichkeit roh und von Pflanzen und Getier überwuchert. Trotzdem und deshalb pendele ich seit drei Jahren zwischen Berlin und Brooklyn hin und her … Der Anlass für meinen jetzigen Aufenthalt ist die Eröffnung meiner Ausstellung in der Lower East Side. Im angrenzenden Chinatown gehe ich zur Maniküre und zum Schröpfen – das Ergebnis sind weinrote Fingernägel und bordeauxfarbene Hämatome auf meinem Rücken, die ich wochenlang zu verstecken versuche, wenn ich zu Ausstellungseröffnungen in Manhattan gehe oder eine stampfende, glitterige Performance in der Park Avenue Armory besuche.

Den größten Teil meiner Zeit verbringe ich allerdings in Brooklyn: zum Beispiel auf dem Hafengelände der Navy, wo ich letzten Winter vier Monate während eines Studiostipendiums in einem Technologiezentrum arbeiten durfte. Es riecht dort nach Meer und Motorenöl und in einem der ausgebauten Docks, in dem die Armee Camouflagekleidung herstellt, wurde ein kleiner Wald angepflanzt. Mit der U-Bahn fahre ich von meinem Zuhause in Bed-Stuy direkt zum Atlantik, wo ich im Sand tote, riesige, urzeitliche Krebse finde und immer wieder vergeblich versuche, meine Haut nicht zu verbrennen. Zurück im Westen der Brooklyn-Insel besuche ich einen Santería-Shop, in dem ich einen Großeinkauf zwischen Schlangen im Terrarium und Kerzen im Glas mache.

So oft wie möglich verbringe ich meine Abende auf Dächern über der Stadt. Dort, wo die Hitze des Bodens länger braucht, um nach oben zu steigen und es zu windig für die unzähligen Moskitos ist, die mich in unserem Hinterhofgarten nicht in Ruhe lassen wollen. New Yorks Sommer hinterlässt Spuren. Ich trage Sonnenbrände, Insektenstiche und Blutergüsse auf meiner Haut, die mich hoffentlich noch eine Weile daran erinnern werden, wie sehr mich das Ursprüngliche und Rohe dieser Stadt wieder und wieder zu sich zurückzieht.

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