Ausstellung in Berlin

Aida im Parkhaus

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Der Künstler David Krippendorff lässt die Verdi-Figur Aida in einem seiner Filme auftreten. Doch funktioniert das künstlerische Großformat Oper in der Galerie?

Wie kriegt man große Oper in den kleinen Kasten – in den Fernsehkasten zum Beispiel? Im Fall von Shirin Neshats "Aida"-Inszenierung – Sommer 2017 in Salzburg – ging die Verwertung von Musiktheater als TV-Event wieder gründlich schief. Aber die iranische Künstlerin Neshat schien als Opernregisseurin ohnehin fehlbesetzt. Von ganz anderem Kaliber ist "Looking for Oum Kulthum", Neshats demnächst anlaufender Spielfilm über eine berühmte ägyptische Sängerin (die mit dem Musiktheater westlicher Prägung aber nichts am Hut hatte).

Doch irgendwas muss in Opern wie "Aida" stecken, dass sie – ob altbacken oder neuenfelsmodern inszeniert – immer noch überleben. Nein, es ist nicht nur das Geld hochsubventionierter Opernhäuser, es sind auch nicht die Elefanten, die durch die Arena von Verona stolpern, wo "Aida" als Pomp-Oper zerstampft wird, es ist – die Musik. Eine heillos zerklüftete Musik. Triumphmarsch gegen Kantilene. Brutal orchestrierte Staatsmacht versus Individuum (Aida), deren Klage zum Eindringlichsten zählt, was italienische Operntradition hervorgebracht hat.

Wobei Giuseppe Verdi nicht nur unfassbar gut als Komponist war, sondern auch eine Monstergage verlangte und bekam (150.000 Franken), um in den 1860ern dem Wunsch des ägyptischen Vizekönigs nachzugeben: "Aida" ist ein Auftragswerk für die Eröffnung des neu errichteten Operhauses in Kairo, wurde aber aus politischen Gründen mit zwei Jahren Verspätung, am 24. Dezember 1871, dort uraufgeführt.

Vor Ort – am Opera Square in Kairo – hat der Künstler David Krippendorf seinen 14-minütigen Film "Nothing Escapes My Eyes" (2015) produziert, der zurzeit in der Berliner Galerie Katharina Raab gezeigt wird. Am Anfang des Films glaubt man tatsächlich tatsächlich auf eine Opernbühne aus der Schnürbodenperspektive zu blicken, aber als das Bild scharf wird, entpuppt sich der Kasten als Schminktisch. Doch statt in einer Künstlergarderobe befinden wir uns in einem Parkhaus. Am Ende des Films fährt die Kamera aus dem Gebäude heraus. 1971 brannte das Opernhaus ab. An seiner Stelle wurde das Parkhaus errichtet. Nur der Name des Platzes erinnert noch an die Geschichte.

Courtesy the artist and Katharina Maria Raab, BerlinCourtesy the artist and Katharina Maria Raab, Berlin
Still aus David Krippendorff "Nothing Escapes My Eyes", 2015

 

Um Identität, Erinnerung, Verlust und Wandel kreist auch das Seelendrama, das sich – en miniature – am Schminktisch abspielt. Dort sitzt die palästinensische Schauspielerin Hiam Abbass, die das historische Kostüm der Aida-Figur ablegt und sich die Theaterschminke aus dem Gesicht wischt. Eine Sängerin also, deren Aufführung eben zuende gegangen ist. Dennoch scheint es, dass die Darstellerin nicht wirklich aus ihrer tragischen Rolle heraustreten kann. Sie weint. Abbass, die zuletzt in "Blade Runner 2049" zu sehen war, spielt das sehr anrührend.

Aida ist eine äthiopische Prinzessin, die als Geisel am Hof des Pharaos festgehalten wird. Ausgerechnet in Radames, der als ägyptischer Heerführer gegen ihre eigenen Landsleute kämpft, hat sie sich verliebt. Eine Zerrissenheit, aus der es am Ende der Oper nur einen Ausweg gibt: den Tod. Auch die Frau, die in Tränen aufgelöst in den Schminkspiegel starrt, scheint innerlich zerrissen.

Was genau mit ihr los ist, weiß man nicht, muss man aber auch nicht wissen. Man ahnt, dass auch sie eine "displaced person" sein könnte – wie Verdis unendlich traurige Titelfigur, wie viele Migranten heute. Aus dem Off erklingt Musik aus "Aida": "O patria!" – "Oh Vaterland!", fleht die Äthiopierin, "welchen Preis muss ich für dich zahlen". Ihr Vater hat sie dazu gedrängt, ihren Geliebten zu verraten.

Was bleibt ihr übrig? Gleich wird sie Radames ein Kriegsgeheimnis entlocken. Und Aida selbst wird bald klar: Es gibt kein Vaterland mehr. Das Land der Pharaonen wird keines werden. Heimat finden Aida und Radames am Ende höchstens in der Gruft, in der sie gemeinsam ersticken. "O terra, addio" – "Leb' wohl, du Tal der Tränen".

Leider hört man nicht viel von Verdis herrlicher Musik – auf dem Soundtrack erklingt Montserrat Caballés feiner Sopran –, denn die Galerie ist mit suboptimalen Lautsprechern ausgestattet.  Kein Vergleich zu den fantastischen Hornlautsprechern in der Berliner Dependance der Galerie Ebensperger. Dort wird Romuald Karmakars Documenta-Arbeit "Byzantion" präsentiert: zweimal der Marien-Hymnus "Agni Parthene", gesungen von russischen und griechischen Mönchen. Das klingt in der Kapelle des ehemaligen Weddinger Krematoriums noch eindrucksvoller als im Sommer 2017 im Westpavillon der Kasseler Orangerie. Also bitte: Wenn schon Kunst mit Stimmen, sollte die Musik auch genügend Resonanzraum bekommen.

"David Krippendorff. Nothing Escapes My Eyes", Galerie Katharina Raab, Keithstraße 5, bis 9. Juni

"Romuald Karmakar", Ebensperger Berlin, Krematorium Wedding, Plantagenstr. 30, bis 30. Juni

"Auf der Suche nach Oum Kulthum" – Regie: Shirin Neshat – läuft ab 7. Juni in den Kinos

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