Fotokünstler Andreas Mühe

"Heimat ist Familie"

Man könnte sagen, dass Andreas Mühe, geboren 1979 in Chemnitz, seit Jahren so etwas wie eine nationale Familienaufstellung der Deutschen praktiziert. In seiner Fotografie reflektiert er nationale Mythen und nähert sich der Ästhetik von Hitlers Obersalzberg genauso wie einem Angela-Merkel-Double auf Deutschlandreise. In seiner neuen Ausstellung "Mischpoche" im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin thematisiert der Sohn von Schauspieler Ulrich Mühe seine eigene Familie. Dafür hat er die verstorbenen Mitglieder als Puppen nachbauen lassen und mit den lebendigen Verwandten zu psychologisch aufgeladenen Tableaus arrangiert. Wir haben den Künstler in seinem Atelier getroffen

Herr Mühe, wenn Heimat mehr ein Gefühl ist als ein Ort – wie Sie es einmal formuliert haben – ist Familie dann auch mehr ein Gefühl als ein Personenkreis?
Wahrscheinlich. Ich würde nach der Erfahrung meiner neuen Ausstellung "Mischpoche", die im Hamburger Bahnhof gezeigt wird und in der ich mich mit meiner Familie beschäftigt habe, eher sagen: Heimat ist Familie. Denn in der Heimat wie auch in der Familie sucht man nach Wuzeln. Man sucht danach, wo man eigentlich herkommt. Nach Identität.

Der Ausstellungstitel enthält Mischpoke, aber auch Epoche ...
Ja, da gibt es tatsächlich beide Ebenen. Vor allem aber hat dieser Titel etwas saloppes. "Mischpoche" beschreibt einfach das, was Familie am Ende ist: ein Schmelztiegel von verschiedenen Personenkreisen, die selten ausgesucht sind und mit denen du dich irgendwie umgeben musst. Und da fand ich "Mischpoche" einfach das schönste Wort. Natürlich schwingt da auch etwas jüdisches und zutiefst Berlinerisches mit. Genauso wie bei "Gauner" oder "Ische". Das sind alles Worte, die in dieser Stadt sehr gegenwärtig sind.

Ist "Mischpoche" eine Art Rekonstruktionsversuch Ihrer Familie?
Es ist vor allem ein Versuch, die Fotografie zu überlisten. Die Fotografie steht per se dem Tod schon sehr nahe, da das Abbild bereits im Moment der Aufnahme schon wieder Vergangenheit ist und damit irgendwie auch erledigt. Fotografie ist der Versuch, Zeit zu fassen, zu definieren und gleichzeitig auch immer die Möglichkeit, eine Illusion herzustellen.

Sie haben mal gesagt, wenn man zurückschaut, sieht man überall Scherben. War das bei diesem Projekt auch so, dass Sie versucht haben, Scherben zu erkennen und zusammenzufügen?
Porzellan überlebt Jahrzehnte, Jahrhunderte und geht dann in einem dummen Zufall doch kaputt. Dann versuchst du es irgendwie zu kleben, aber diese Stellen sind immer sichtbar.

Wie vernarbte Verletzungen, über die Sie rübergehen können.
Die Zeit spielt dann wieder mit, dann kriegt es einen Vintage-Charakter. Das finden wir dann alle viel schöner auf einmal oder es erinnert uns an etwas.

Woran haben Sie sich bei "Mischpoche" erinnern können?
Gefühlt bin ich nochmal zurückgegangen und habe versucht, Dinge, Zusammenhänge, Konstellationen zu begreifen, und habe die in meiner Interpretation oder in meiner Verarbeitung und wieder in einer Inszenierung auf die Bühne gebracht. Es gab ein paar Diskussionen innerhalb der Familie, warum, wieso, weshalb. Und ich konnte eigentlich alle wieder einfangen, in dem, was ich da gemacht habe."Mischpoche" ist aber natürlich eine Inszenierung und nicht die Wahrheit. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Dieses Projekt zeigt viel und dann wieder doch nicht.

Sie sprechen von Inszenierung. Das ist weit mehr als Fotografie ...
Ja. Es geht mir eigentlich um alles, was vor dem eigentlichen Abdrücken stattfindet. Die Toten treffen die Lebenden und die Lebenden treffen die Toten. Ich habe zum Beispiel Objekte, also Figuren, gemischt mit Lebenden. Das löst auf beiden Seiten etwas aus. Das, was ich mache, ist am Ende das Umspielen des eigenen Zeitstrahls. Meine Großväter haben immer einen Fotografen kommen lassen: zur Einschulung, zu Taufen, zu runden Geburtstagen, also wenn die Familie zusammenkam. Heute benutzen wir Smartphones. Kein Fotograf wird mehr eingeladen. Vielleicht noch zur Hochzeit. Aber eigentlich sind alle selber da, fotografieren sich selbst, schicken es in ihre WhatsApp Gruppen und das war es. Das ist alles digitaler Schwachsinn, der am Ende verloren geht ...

Sie selbst haben kein Smartphone.
Stimmt. Ich hatte 2016 eine Ausstellung in Rostock in der Kunsthalle: Die ganzen Abläufe und Kommunikationsströme, das war mir alles irgendwann zu stressig und danach brauchte ich eine Auszeit. Da habe ich das Blackberry in die Schublade gelegt und seitdem benutze ich alte Handys, die sehr geduldige Akkus haben. Da vergisst man eher, wenn man tagelang nicht aufgeladen hat, dass dann auch mal das Telefon ausgeht. Das hält den ganzen Datentrash ein Stück weit von mir und ich kann mich konzentrieren.

Fokussierung statt Insta-Kram?
Ich muss gestehen, ich besitze seit drei Monaten auch einen Instagram Account, den aber meine Tochter macht. Und damit können wir irgendwie leben. Sie wird gefüttert vom Studium mit Informationen, und hin und wieder kümmert sie sich darum oder auch nicht. Mich langweilt es. Die ersten zwei Wochen waren vielleicht spannend aber danach ... Es gibt einfach viel schönere Dinge im Leben als Instagram.

Zum Beispiel: Familie?
Schöner nicht unbedingt. Aber wahrhaftiger. Familie ist der Ort, den du dir nicht aussuchen kannst. Da wirst du reingeboren. Familie ist nicht verhandelbar. Es gibt vielleicht die Jahre, in denen du dich distanzierst. Aber wenn du ein Stück weit zu dir kommen willst, musst du da wieder rein. Was ich mit "Mischpoche" gemacht habe, steht hoffentlich auch ein bisschen für jeden anderen und seine Familie.

Die Blickwinkel, die Sie auf die eigene Familie eingenommen haben, sind sehr unterschiedlich.
Angefangen hat das glaube ich mit einem Familienporträt, das ich gesehen habe, als ich mit meiner Mutter für die Deutschlandreise der Kanzlerin unterwegs war – übrigens war das auch schon eine Arbeit mit der Familie. Auf dieser Reise bin ich jedenfalls einem großen Familienporträt von der Familie Krupp von Bohlen und Halbach begegnet und war erstaunt darüber, wie man sich in diesen Kreisen darstellt, auf welche Weise man einander berührt, wie man sich kleidet. Die ganzen Codes, die es da gibt auf diesen Bildern, wer ist der Geliebte, wer der Ungeliebte, wer ist der Stammesnachfolger, wer ist eingeheiratet. Das kann man an diesen Familienporträts sehr genau ablesen.

Wie haben Sie das dann für Ihre Familie übersetzt?
Ich bin in Archive meiner Familie gegangen und habe mir Fotos angeschaut und Ideen für Bilder bekommen. Dann habe ich einen Zwischenschritt über die Skulptur eingelegt, um schließlich wieder zu einem Bild zurückzukehren. Dabei war nicht immer klar, was dazwischen passieren würde, auch was mit mir dazwischen passieren würde. Die Dinge sind geschehen und jetzt sind sie so da. Da ist, denke ich, auch ein bisschen Magie dabei.

Ist Familie vielleicht auch deswegen ein so spannendes Umfeld, weil es genau an jener Grenze liegt, die Sie so interessiert: Die Grenze von natürlicher Gegebenheit und Konstruktion?
Mich hat in diesem Fall wirklich Familie an sich interessiert. Familie als ein Ort, der nicht verhandelbar ist, den du irgendwie annehmen musst oder halt auch nicht, der aber so gegeben ist.

Man kann sich auch Mütter und Väter außerhalb seiner Familie suchen. Gibt es für Sie eine ideelle Familie?
Ein großer und wichtiger Mann in meinem Leben ist und war F.C. Gundlach, der sehr früh angefangen hat, mich zu fördern, früh Dinge erkannt hat, ein guter Kritiker war, meine erste wichtige Ausstellung kuratiert hat, das sind dann so Ziehväter. Da kann man von Glück sprechen, wenn man so jemanden trifft. F.C. sagte immer: Es geht am Ende auch ein bisschen um Fortüne.

Geht es Ihnen in Ihrer Arbeit darum, Zeit sichtbar zu machen?
Ich glaube zumindest, dass meine Arbeit viel mit dem eigenen Zeitstrahl zu tun hat und mit einer Bewegung auf diesem Zeitstrahl, nach vorn und nach hinten. Natürlich geht es darum, Zeit zu begreifen, Zeit festzuhalten.

Sie wurden oft als Chronist bezeichnet. Können Sie damit etwas anfangen?
Ich wollte immer Fotograf werden und irgendwie bin ich das geworden. Über verschiedenste Umwege habe ich meine Arbeitsweisen immer wieder neu justiert, verändert, gemacht, getan und habe auch immer wieder die Chance gehabt, hier in diesem Land tolle Bilder machen zu dürfen. Das hat viel damit zu tun, dass ich über zehn Jahre angewandt als Fotograf gearbeitet habe und dann irgendwie die Chancen bekommen habe, gewisse Menschen zu gewissen Zeiten darzustellen. "AM- Eine Deutschlandreise" ist auch nur ein Zitat für eine Zeit, für eine Epoche.

Wie viel Theater ist bei Ihnen am Werk?
Ich bin mit Theater aufgewachsen und ich liebe diesen Ort wirklich sehr. Am Ende ist alles Bühne. Alles ist Inszenierung. Es geht immer um die Frage: Wie stellen wir uns eigentlich dar?

Sie kommen aus einer Schauspielerfamilie und haben – anders als Ihre Halbschwester Anna Maria Mühe – ganz eindeutig den Ort hinter der Kamera gewählt. Warum?
Ich glaube, es liegt mir einfach mehr, Dinge zu sehen, zu verarbeiten und zu inszenieren, als sie direkt darzustellen oder zu verkörpern. Die Prägung dieser Kindheit, dieser Jugend, dieser ersten zehn Jahre, in diesem einen System mit den Eltern, dann die 90er als sehr freies System, dieses Heranwachsen in dieser Stadt, da sind diese Prägungen zu suchen. Dazwischen hat man sich irgendwie bewegt und es war relativ schnell klar, dass ich lieber zurücktrete und die Dinge beobachte und daraus etwas mache.

Hilft die Inszenierung dabei, die Wahrheit zu verstehen?
Um zu inszenieren, musst du die Wahrheit verstanden haben. Oder zumindest so tun oder es dir einreden oder einbilden.