Beim Design-Talk am Comer See polierten Kreative die Bescheidenheit so lange, bis die Krise von Weitem strahlte

ANZEIGE

Was macht eine Talkrunde, die sich anlässlich eines Luxusevents – in diesem Fall zum Oldtimertreffen „Concorso d’Eleganza“ in der Villa d’Este am Comer See – vor idyllischer Kulisse versammelt, während der Rest der Welt über die Wirtschaftskrise redet? Sie redet auch darüber.
Experten bei der diesjährigen Ausgabe des „BMW Group Design Talk“ waren am 26. April der Berliner Künstler Thomas Demand, die englische Museum-Brandhorst-Architektin Louisa Hutton, der niederländische BMW-Chefdesigner Adrian van Hooydonk, der schweizerisch-argentinische Industrie­designer Alfredo Häberli und die französische Möbeldesignerin Inga Sempé. Allerdings schien sich keiner der Anwesenden sicher gewesen zu sein, wie das Talkthema „Ist Bescheidenheit das neue Luxusgut?“ eigentlich gemeint war. Verzweifelt vielleicht, zynisch oder nur selbstironisch?
Weitgehend einig aber waren sich die Eingeladenen, dass die größte Herausforderung für heutiges Design darin bestehe, zugleich auf die Rezession und die drängenden ökologischen Fragen zu reagieren. Sich dabei auf Labels wie modesty, green luxury oder green architecture zu beziehen, führe jedoch nur zu Trends, an denen die Konsumenten bald das Interesse verlören. Sinnlich ins Spiel gebrachte Werte wie Nachhaltigkeit, Simplizität und Qualität stünden auf dem Programm. Die It-Bag sei out, die Schweizer Automatikuhr wieder cool.
Louisa Hutton sprach von den energiesparenden Effekten ihrer charakteristischen, farbigen Fassaden. Thomas Demand erzählte, wie seine überlebensgroßen Pappskulpturen, nachdem sie abfotografiert sind, zu Telefonbüchern recycelt werden. Außerdem schlug er eine neue Definition von Luxus vor. „Die Sachen, von denen uns erzählt wird, dass sie großartig seien, sind nicht unbedingt dieselben Sachen, die wir wirklich großartig finden“, sagte er. „Die Krise wird uns die Möglichkeit geben, über diesen Unterschied nachzudenken.“
Adrian von Hooydonk erwartet, dass man in Zukunft, „anstatt einige Autos für verschiedene Gelegenheiten in der Garage stehen zu haben, nach einem Auto sucht, das alles kann“. Die Formen dieses Autos würden stärker von Untersuchungen zum Benzinsparen und zur Aerodynamik bestimmt sein. Bisher benutzte man Windkanaltests nur, um schon vorliegende Designs zu optimieren.
All das waren eher bescheidene Beiträge zur nachhaltigen Umgestaltung unseres Lebens. Und immer, wenn man zum Kern der Sache zu kommen schien, entzog sich die viel bemühte Krise der Diskussion. Sempé und Häberli berichteten vom kurz zuvor zu Ende gegangenen Salone Internazionale del Mobile in Mailand, der größten Designmesse Europas. Von den Ausstellern über die Produkte bis hin zu den Käufern – zu ihrer großen Überraschung sei dort alles beim Alten geblieben. Immerhin: Noch ist die Krise wenigstens bei Designern eher ein theoretisches Problem – zumindest vor der Kulisse des Comer Sees.

 

Villa d’Este, Comer See, 26. April

Weitere Artikel aus Reviews