Leni Riefenstahl in Bestenliste

Der "Triumph des Willens" im Mittelfeld

Leni Riefenstahl mit Team bei den Dreharbeiten zu "Olympia", 1936
Foto: Fotograf unbekannt, Olympia-Film G.m.b.H., Berlin S.O. 36, Harzerstraße 39, Creative Commons-Lizenz

Leni Riefenstahl mit Team bei den Dreharbeiten zu "Olympia", 1936

Die BBC hat per Kritikerumfrage die 100 besten Filme von Regisseurinnen gekürt. Die Liste ist nicht nur erschreckend konservativ, sondern auch geschichtsvergessen. Ganz selbstverständlich tauchen zwei Werke von Leni Riefenstahl auf 

Kritiker-Umfragen, die sogenannten "critic’s polls", gehören zum britischen Kulturjournalismus wie die Ameisen zum Picknick. 1952 begann die Filmzeitschrift "Sight & Sound" mit ihren Umfragen nach den besten Filmen der Welt und wiederholt das Ritual seither im Zehn-Jahres-Abstand. Das ist natürlich viel zu selten und lässt die BBC nicht ruhen. Seit einiger Zeit meldet sich der Sender mindestens so oft mit einem neuen Motto für eine Filmliste wie die Firma Parker eine neue Monopoly-Ausgabe auf den Markt bringt. Einen Makel aber hatten diese Listen bislang immer: Sie glichen Herrenclubs. 

Unter den "100 besten fremdsprachigen Filmen" (2018), waren nur vier von Regisseurinnen. Unter den "100 besten Komödien" (2017) ebenso. Immerhin 12 Regisseurinnen hatten es 2016 unter die "100 besten Filme des 21. Jahrhunderts" geschafft. Nur zwei waren es dafür 2015 unter den "besten US-Produktionen". 

Nun präsentiert die BBC erstmals eine Liste der "100 besten Filmen von Regisseurinnen" und tauschte dafür sogar einen Teil der Juroren aus: 185  Kritikerinnen standen 181 männliche Kollegen gegenüber, dazu eine Transgender-Person und eine, die ihre sexuelle Identität für sich behält. Dennoch kann sich auch diese Liste einer kritischen Aufnahme sicher sein. Sie wirkt erschreckend konservativ.

Zementiertes Vorurteil

Da hat sich doch tatsächlich Jane Campion an Chantal Akermans "Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles" (Platz 3) und Claire Denis' "Beau Travail" (Platz 4) vorbei auf den Spitzenplatz geschoben - mit ihrem ästhetisch weit konservativeren Werk "Das Piano". Dagegen verdiente Agnès Vardas genialisches memento mori "Cléo zwischen 5 und 7" – auf Platz 2 - schon lange eine Aufwertung. Jahrzehnte stand Varda zu Unrecht im Schatten der Nouvelle-Vague-Männer, erst in ihren letzten Lebensjahren erfuhr sie die verdiente Anerkennung. Nun ist sie die am meisten genannte Regisseurin. 

Tatsächlich zementiert die Liste das Vorurteil, Filme von Frauen hätte es bis vor einigen Jahren kaum gegeben. Kann es sein, dass "Mädchen in Uniform", Leontine Sagans Reformschool-Klassiker von 1931, noch immer keine Aufnahme in einen internationalen Kanon findet? Nur zwei Kritiker hatten es überhaupt in ihren Listen, gereicht hat es nicht für einen Platz. Für Maya Deren, die Begründerin des modernen amerikanischen Kunstfilms in den 40er-Jahren, langte es immerhin für die Plätze 82 und 95. Sie ist die einzige Experimental- und Kunstfilmerin, wenn man einmal absieht von den großen, kaum kategorisierbaren Individualistinnen Chantal Akerman und Kira Muratova.

Herzlichen Glückwunsch an Maren Ade, deren "Toni Erdmann“ von Platz 100 in der Liste der besten Filme des 21. Jahrhunderts auf Platz 8 der ewigen Liste weiblicher Regiearbeiten gesprungen ist. Aber wie lange wird der wichtigste deutsche Nouvelle-Vague-Film, May Spils’ "Zur Sache Schätzchen", noch auf Anerkennung warten müssen? Niemand hatte ihn auf seiner Liste. Nicht einmal die wichtigste Hollywood-Regisseurin der 30er-Jahre, Dorothy Arzner ("Christopher Strong"), hat es in den Poll geschafft. Wenn das Vorurteil, Frauen hätten in der Filmgeschichte lange keine Rolle gespielt, noch auf eine Bestätigung gewartet hat, dann kommt die BBC-Liste gerade recht.

Aus gutem Grund verboten

Als einzige Regisseurin ihrer Zeit kommt ausgerechnet Leni Riefenstahl zu Ehren. Stets waren es britische Kritiker, die seit den 60er-Jahren ihr Andenken hoch hielten und die Diskussion über den Kunstwert filmischer NS-Propaganda am Leben hielten. "Olympia" (Platz 38) ist in seiner Überhöhung von Körperkult, Klassizismus und Technizität künstlerisch fraglos bedeutender als der Reichparteitags-Propagandafilm "Triumph des Willens" (Platz 45), was sich nun auch in der Liste widerspiegelt. Hat sie also deshalb recht?

Noch immer ist "Triumph des Willens" in Deutschland verboten, und das aus gutem Grund: Alle ästhetische Absicht, die Riefenstahl und ihr Team darauf verwandten, dient der Überhöhung nationalsozialistischer Selbstdarstellung. Die Geschlechtertrennung hat ihn nun erstmals in eine der großen Allzeit-Bestenlisten gehoben. Kokett kann man den BBC-Poll jetzt zitieren, um Riefenstahls Kunstwert zu betonen und sie im Mittelfeld der 100 besten zu verorten. Was wohl aus Leontine Sagans Karriere geworden wäre, hätte sie nicht als Jüdin Deutschland verlassen müssen?