Previous Next

Reisebericht

Zu den abgelegensten Atollen der Marshallinseln

ANZEIGE

In der aktuellen Monopol-Ausgabe erzählen Künstler ihre Reisegeschichten, darunter auch Julian Charrière: Der Schweizer Künstler tauchte kürzlich am Bikini-Atoll nach versunkenen Schlachtschiffen aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Kurator Nadim Samman begleitete Charrière auf die Marshallinseln. Hier ist sein Reisebericht

In den letzten Wochen des US-Wahlkampfs, als die Welt Fingernägel kaute und die Nächte länger wurden, verließen Julian Charrière und ich das sinkende Schiff. Wir reisten zu den Marshallinseln, einer Konstellation von Atollen, ungefähr 4.000 Kilometer südwestlich von Hawaii, verteilt über 37.000 Quadratkilometer im fernen Pazifik. Bei Ankunft in Majuro, der ersten Stadt hinter der internationalen Datumsgrenze, gingen wir an Bord eines aufgerüsteten Perlentaucher-Bootes und setzten die Segel in Richtung Bikini-Atoll. Es sollte drei Tage dauern, bis wir - bei prekärem Seegang und mit prekären Mägen - die Lagune erreichten.

© Julian Charrière© Julian Charrière
Ankunft auf Bikini Island

 

Bikini liegt am äußersten Rand der kollektiven Vorstellung: am Horizont des militärisch-industriellen Kompklexes, des kolonialen Exzesses und moderner Infrastruktur. Über die letzten 60 Jahre war es das reinste Geisterland. Zwischen 1947 und 1958 fanden hier 23 der stärksten menschgemachten Nuklearexplosionen der Geschichte statt. In dieser Zeit detonierten amerikanische Kernwaffen mit einer Masse von 42,2 Megatonnen. Die Gewalt der Bombe mit dem Codenamen Castle Bravo war ausreichend, um zwei Inseln zu vaporisieren und einen gigantischen Krater mit einem Durchmesser von 2.000 Metern auf dem ursprünglichen Riff entstehen zu lassen.

Eine andere Explosion ließ eine Flotte von 70 gekaperten und ausrangierten Kampfschiffen aus dem Zweiten Weltkrieg - einige von ihnen 250 Meter lang - in die Luft gehen. Ein paar von den Schiffen wurden in Stücke gerissen, andere, wir das USS Saratoga und die HIJML Nagato, sagenumwobene Flaggschiffe der US-amerikanischen und japanischen Marine, sanken schließlich zu Boden, wo die rostigen Wracks noch heute lagern.

© Julian Charrière© Julian Charrière
Abtauchen ins USS Saratoga

 

Die ausgelöschte Geologie enthielt radioaktive Partikel, die mit dem Wind zu nahgelegene Inseln und Siedlungen getragen wurden. Inzwischen begannen die Einwohner Bikinis, die im Vorfeld "gebeten" wurden, ihr Zuhause zeitweilig für die vielen Experimente "zum Wohle der Menschheit und Ende aller Kriege" zu verlassen, die Bedeutung ihres Exils zu verstehen, das bis heute anhält. Heutzutage wird die körperliche Entwurzelung der Einwohner auf linguistischer Ebene weitergeführt. MS Words Autokorrektur erlaubt "Bikini" aber nicht "Bikinianer", wie die Einwohner Bikinis heißen. Mehr als mit einer Kultur, einem Menschen, wird die Bezeichnung - wie wir alle wissen - vor allem mit dem zweiteiligen Badeanzug in Verbindung gebracht. Der französische Designer Louis Réard wollte mit dem Begriff bewusst eine explosive Anspielung machen.

Das Ziel unserer Expedition war, die atomare Landschaft Bikinis zu entdecken, Charrière wollte einen neuen Werkkomplex entwickeln. Vier Wochen verbrachten wir damit, verlassene Orte zu betreten, über und unter der Wasseroberfläche - vom schwülen Dschungel bis zur pazifischen rostigen Geister-Flotte, die tief in der See versunken ist - filmten wir Material für sein neues Video. Täglich, in der Morgendämmerung und während des Sonnenuntergangs, arbeitete Charrière auch an einer Fotoserie, welche die zerfallenen Kommandostationen und Kontroll- und Überwachungsbunker überall in der Lagune dokumentiert. Außerdem fanden wir deformierte Kokosnüsse und andere abnormale biologische Exemplare; wie uns der Geigerzähler anzeigte, hielten wir uns weiterhin in der kritischen radioaktiven Dimension auf.

© Julian Charrière© Julian Charrière
Warten auf den Fall der Kokosnuss
© Julian Charrière© Julian Charrière
Auf der Suche nach der richtigen Kokosnuss

 

Jeden Morgen filmten wir die Wracks, tauchten mit doppelten Sauerstoffflaschen und einer kleineren dritten, die 84 Prozent Sauerstoff enthielt für die Dekompression. Bei Fünfzig-Meter-Tauchgängen mit Kamera und Licht im Schlepptau sahen wir den Bug eines Kriegsschiffes so groß wie ein Gebäude; Rost, Kanonen und riesige Propeller erschienen in der brackigen Plankton-Suppe. Es waren schwammige Ansichten: der dunkle Schlaf des Modernismus, die Höhepunkt des Ingenieurswissens des 20. Jahrhunderts, einige Schiffwracks waren umgestürzt, manche waren durch die explosive Kraft der Atomkraft in Stücke gerissen. Mittags gingen wir an Land einer verbliebenden Inseln des Atolls. Hier suchten wir nach kantigen Betonbunkern, die auf den sandigen Küsten wie versteckte Pyramiden - Stahldrähte stachen aus den kaputten Wänden heraus - oder unter dicken Palmwedeln zu finden sind.

© Julian Charrière© Julian Charrière
Tauchgang im Castle Bravo, dem größten Atombomben-Krater der Welt

 

Einmal waren Julian und ich draußen auf einer Sandbank, als der Tag zuende ging. Bevor wir uns eingerichtet hatten, kam eine Regenwolke und unser Equipment war dem Regen hoffnungslos ausgesetzt. Ich griff nach der Videokamera und rannte zu den nächsten Bäumen der Insel, um Schutz zu suchen. Julian blieb stehen, um Stills aufzunehmen. Ich sah mir die Szenerie aus pinkem, blauen Himmel und leeren Strand an, auf dem wir uns in der Mitte des Pazifiks befanden. Ich fand meine erste Trompetenmuschel. Sie war groß und uralt - ein Symbol für eine natürliche Welt, die ich mir oft vorgestellt hatte, aber kaum kannte. Sie lag in weißem Korallensand neben einer wetterresistenten Spielzeugpistole aus Plastik und einem zerfallenen MDF-Bürotisch. Der Mond ging über dem Meer auf wie in einem Film aus den 60ern. Irgendwo gibt es immer einen Gewinner.

© Julian Charrière© Julian Charrière
Bunker auf Aomeon

 

Am nächsten Tag waren wir auf, als es noch dämmerte, um den Sonnenaufgang einzufangen, aber die Sonne versteckte sich hinter einer massigen grauen Wolke. Das Boot war schon in Bewegung und wir fuhren mit voller Kraft in Richtung des Bravo-Kraters, einst das Epizentrum der größten Nuklearexplosion in der Geschichte.

Als wir näher kamen, wurde unser Geigerzähler zunehmend lauter, ich kletterte die Treppen die Schiffsbrücke hinauf. Sofort rief mir der Kapitän, mitten in einem Satelliten-Telefonat mit seiner Mutter, die Wahlergebnisse zu. Down. Wir fielen in den Krater, der von der Bombe übriggelassen wurde und waren sofort umzingelt von vier grauen Riffhaien.

Ich drehte mich um und noch einer war direkt hinter mir. Es erforderte große Anstrengung, ihm in die Augen zu blicken, ihm die volle Länge meines Körpers zu präsentieren, während er bedrohliche Luftblasen von sich gab. Meine Tarierweste blähte sich unfreiwillig weiter auf und ich konnte meine Position dort unten nicht stabil halten. Der Tauchgang wurde unangenehm. Ich erzählte Julian davon, als wir wieder an Bord waren. Aber er sah das anders. Dort, am Ground Zero, in einem menschgemachten Krater, entstanden durch eine paradoxe Mischung von zu viel Gerissenheit, mutwilliger Ignoranz, Abenteurertum und herrischer Großsucht, gab es eines zu entdecken: Korallenköpfe und Scharen von bunten Rifffischen. All das, wachsend in der reinsten Tiefe der Hybris.

© Julian Charrière© Julian Charrière
Der Geigerzähler wird für Messungen kalibriert
© Julian Charrière© Julian Charrière
Warten auf den Sonnenaufgang nach einem Sturm im Urwald

Aus dem Englischen übersetzt von Diana Kral

Weitere Artikel aus Interpol