Streit um Vormundschaft

Britney Spears, das rebellische Subjekt

Britney Spears auf der Bühne vom Park MGM Hotel-Casino in Las Vegas
Foto: dpa

Britney Spears auf der Bühne vom Park MGM Hotel-Casino in Las Vegas

13 Jahre lang stand Britney Spears unter der Vormundschaft ihres Vaters. An dem Fall der 39-Jährigen zeigt sich nicht nur die Gier Einzelner, sondern eine gesellschaftliche Machtkonstellation

Philomag
Dieser Essay ist zuerst im "Philosophie Magazin" erschienen

Rapunzel, lass dein Haar herunter. Lang wallendes Haar ist das Weiblichkeitssymbol schlechthin, weshalb eine radikal rasierte Rapunzel einer entweiblichten gleichkäme. Genau das schien die Intention hinter Britney Spears' Kahlschlag gewesen zu sein, den die Welt 2007 mit Paparazzi-Vollbelichtung verfolgen konnte. Wurde bereits vor dem Vorfall jeder ihrer Schritte öffentlich seziert, so stand sie fortan erst recht unter Beobachtung. Die Kommentatoren waren sich schnell einig: Nach Sorgerechtsstreit, Drogenmissbrauch und der Vollrasur war Spears nun vollends verrückt geworden. Tatsächlich folgte ab 2008 eine bis heute anhaltende Vormundschaft durch ihren Vater.

Unter dieser setzte sie zwar ihre lukrative Karriere fort, allerdings ohne das Recht, persönliche oder finanzielle Entscheidungen selbst treffen zu können. Seit einiger Zeit kämpft die Popsängerin jedoch gegen das, was Sängerin Madonna als eine Art Sklaverei beschrieben hat und forderte gerichtlich die Beendigung der Vormundschaft, und es sieht so aus, als könnte sie damit erfolgreich sein: Jamie Spears kündigte kürzlich das Ende der Vormundschaft an. Und auch die öffentliche Wahrnehmung ihres Falls hat sich verändert: Rapunzel wurde Unrecht getan, transportiert der zuletzt trendende Hashtag #FreeBritney. Nichtsdestotrotz bleibt die gesellschaftliche Dimension ihrer Vormundschaft tendenziell noch immer unbeleuchtet.

Um diese genauer in den Blick nehmen zu können, ist zunächst ein genaueres Verständnis von Vormundschaft notwendig. Wie das Wort bereits andeutet, ist man nicht selbst mündig, sondern besitzt einen Vormund. In der Moderne, in der sich der Mensch doch gerade über seine Mündigkeit, also die freie Verwendung seines Verstandes definiert, ist dies ein massiver Eingriff. Denn man denke nur an Immanuel Kants berühmte Definition in "Was ist Aufklärung?": "[S]ich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen bedienen zu können." Wobei die Mündigkeit als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe bereits auf die patriarchale Ordnung des Frühmittelalters zurückgeht. Allein wurde hier Mündigkeit vor allem mit Waffenfähigkeit gleichgesetzt, sodass der Familienvater Vormundschaft über die übrigen Familienmitglieder erhielt.

Teufelskreis der Macht

Firmierte Mündigkeit also zunächst als ein Recht des freien Mannes, wird sie in der aufgeklärten Moderne dann grundsätzlich allen Volljährigen gewährt. Dementsprechend gilt heute, dass es einer psychischen oder physischen Einschränkung bedarf, um eine Person unter Vormundschaft zu stellen, wobei in Ländern wie Deutschland lediglich eine vom Betreuten zugestimmte Betreuung in individuell definierten Bereichen existiert, in den USA hingegen eine umfassende "conservatorship" möglich ist.

Was aber, wenn das Fundament von Vormundschaft selbst in Frage gestellt wird? Dann würde im Umkehrschluss auch die Mündigkeit als Bedingung gesellschaftlicher Teilhabe sowie die Möglichkeit, sie abzuerkennen brüchig. Genau dieses Projekt hat Michel Foucault in seinen Werken verfolgt. Der französische Philosoph versteht Subjekte nämlich als diskursiv hervorgebrachte Knotenpunkte von Macht. Oder anders gesagt: Als ein fundamental soziales Wesen. Und zwar in dem spezifischen Sinne, dass der Mensch nicht mit vorab angelegten Fähigkeiten und Ideen auf die Welt kommt, sondern in seinem Denken und Fühlen maßgeblich von jenem gesellschaftlichen Kontext bestimmt wird, in dem er sich bewegt. Spielen Zeit, Kultur und Milieu hierbei also entscheidende Rollen, kann es Autonomie im klassischen Sinne eines losgelösten, freien Willens so nicht geben.

Das bedeutet auch, dass Rationalität für Foucault stets im Plural existiert. Die Grenzziehung zwischen Vernunft und Wahnsinn – kontrolliert durch Erziehungsinstitutionen, Gerichte oder Gefängnisse – ist historisch kontingent und potentiell ein Instrument der Macht, durch das Subjekte auf bestimmte soziale Positionen verwiesen werden können. Wenn allerdings rationale Mündigkeit keine personale Wesenheit, sondern eine machtbedingte Zuschreibung der Gesellschaft ist, erscheint auch das Konzept Vormundschaft als ein potentielles Machtinstrument. Im Fall Britney Spears zeigt sich demnach etwas Grundsätzliches, das weit über ihren Fall hinausweist: Wenngleich in der aufgeklärten Moderne alle Subjekte als formal gleich gelten, wird manchen von ihnen – oft sind es Frauen – a priori schon ein anderes Maß an Mündigkeit zugeschrieben. Und das wiederum vermag einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis in Gang setzen.

Gleichheit auf Probe

Werden Menschen, etwa durch patriarchale oder rassistische Vorurteile, in eine untergeordnete soziale Situation versetzt, vermögen Affektausbrüche wie Wut, manische Gereiztheit oder Depression als Widerstandsregung die Folge sein, welche dann wiederum als vermeintliche Legitimation für die implizite Entmündung gelten. Nicht ohne Grund wurden etwa Frauen im 19. Jahrhundert häufig als "Hysterikerinnen" bezeichnet und aus dem sozialen Leben verbannt, wenn sie ihre vermeintlich angestammte, untergeordnete Position verließen oder aufbegehrt hatten. Ganz ähnlich ergeht es auch Spears, wenn sie als schizophren, manisch oder einfach „verrückt“ beschrieben und unter Vormundschaft gestellt wird. Vor dem Hintergrund von Foucaults Denken lässt sich hier statt gesteigerter Irrationalität aber auch etwas ganz Anderes erkennen: Seit frühester Kindheit zur lasziven Lolita erzogen und als lukratives Produkt vermarktet, können Spears' affektive Ausbrüche, die von der Kahlrasur bis zu Drogenexzessen reichten, als Versuche der Selbstermächtigung betrachtet werden. Ein Indiz für diese Lesart zeigt sich auch darin, dass sie bei ihrer Kahlrasur gegenüber der Frisörin angab, es satt zu haben, von allen angefasst werden zu wollen.

So lassen sich im Fall Britney Spears mindestens zwei Dynamiken erkennen: Die unterdrückte Position erzeugt rebellierende Emotionsausbrüche, die wiederum als Legitimation dienen, die aus der Rolle gefallene Person erst recht auf ihren untergeordneten Platz zu verweisen. Dass solch ein Teufelskreis insbesondere Frauen trifft, hat wiederum die Philosophin Kate Manne in ihrem 2020 auf Deutsch erschienenen Buch "Down Girl" analysiert. Verstoßen Frauen gegen die ihr zugewiesenen Rollen, werden sie allzu oft – und immer noch – sozial sanktioniert. Sei es durch Missachtung, Gewalt oder Vormundschaft.

Das zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass Spears ihr Schicksal mit anderen weiblichen Popstars teilt. Einen gar tödlichen Verlauf nahm die Karriere von Amy Winehouse, die ebenso unter Vormundschaft stand. Doch gibt es auch andere Beispiele: Seit Kindertagen ein Star, rasierte sich Miley Cyrus 2012 eine Halbglatze und machte sich einen neuen, zweiten Namen als laute, aggressive und selbstbewusste Diva. Höchste Zeit also, dass am Himmel der Popsternchen ein Gewitter aufzieht – und wütende Popsterne als hartnäckig statt hysterisch gelten.