Interview mit Franz König

"Buchhändler sind Besserwisser"

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Franz König ist mit dem Kunstbuchhandel aufgewachsen und führt heute gemeinsam mit seinem Vater die Geschäfte der traditionsreichen Buchhandlung Walther König. Ein Gespräch über den Familienbetrieb, die vermeintliche Krise des Buches und den Konkurrenten Amazon

Herr König, Sie waren in den letzten Wochen und Monaten viel unterwegs. Was haben Sie gemacht?

Es war wirklich viel los. Wir haben die Schlüter-Ausstellung im Bodemuseum in Berlin aufgebaut. In London habe ich Julia Peyton-Jones und Hans-Ulrich Obrist von den Serpentine Galleries und Christian Frederking, den Vertriebsleiter von Thames & Hudson getroffen. Danach war ich in Münster, wo ich mich mit Dr. Hermann Arnhold vom Westfälischen Landesmuseum getroffen habe, um den neuen Laden zu besprechen, den wir dort Mitte September aufmachen. Und dann war ich auf der Frieze New York. Das war ein Highlight des Jahres. Ein wahnsinniger Aufwand, aber auch ein Riesenerfolg. Das macht einen wirklich high.

Das klingt so gar nicht nach einer Krise des Mediums Buch.

Es wird sicherlich nicht leichter, aber es war nie leicht. Trotz allem Krisengerede, die Anzahl an Neuerscheinung wächst nach wie vor enorm. Letzten Endes wollen doch alle Leute ein Buch haben.

Sie stehen auch in einer großen Familientradition. Wann wussten Sie, dass Sie in die Fußstapfen Ihres Vaters Walther König treten wollen?

Sehr früh und gleichzeitig sehr spät. Wenn man früher Zeit mit unserem Vater verbrachte, war das immer im Buchhandel, und ich half schon früh mit. Erst habe ich Bücher in die Tüte gepackt, später durfte ich das Geld annehmen und irgendwann durfte ich die Bücher selber auslegen. Der Buchhandel war immer um mich herum. Aber gerade deshalb wollte ich nach der Schule etwas anderes machen.

Sie haben nach dem Abitur dann aber trotzdem eine Buchhändlerlehre gemacht.

Meinem Vater zuliebe machte ich eine Ausbildung in einer klassischen Sortimentsbuchhandlung in Münster. Danach war ich frei. Ich ging nach England, was immer mein Wunsch gewesen war, und habe Architektur studiert. Dort merkte ich aber, dass mir Bücher doch wichtig waren und habe eine Doppelausbildung zum Drucker und Verlagskaufmann am London College of Printing gemacht. Trotz allem hatte ich immer noch sehr viel Zeit, also bewarb ich mich auf einen Aushang vom Arbeitsamt als Buchhändler bei der Tate Modern. Die machte gerade neu auf, und ich wurde als Aushilfe angenommen. Ich bin jeden Tag nach der Uni hin und habe die Buchhandlung von Anfang an mit eingerichtet. Ich habe tolle Buchhändler und Kollegen kennengelernt und bin auch zum ersten Mal mit modernem Merchandising und Produktverkauf in Kontakt gekommen. Davon profitiere ich noch heute. Als es losging, war es eine Sensation. Das hat in England etwas losgetreten, was es so vorher nicht gab, denn Kunst hat auf einmal an Bedeutung im Alltag der Menschen gewonnen.

Dann ging ihr Studium zu Ende.

Genau. Aber ich wollte immer noch nicht nach Köln zurück. Hans-Ulrich Obrist brachte mich dann mit Julia Peyton-Jones von der Serpentine Gallery in Kontakt, die eine Veränderung für ihren Buchladen wollte. Ich war gerade erst aus der Uni raus, deshalb war es sicherlich gewagt, aber Julia Peyton-Jones vertraute mir und hat mir tatsächlich ihren Laden angeboten. Also habe ich die Buchhandlung der Serpentine Gallery gemacht. Das waren aufregende Zeiten.

Doch schließlich zog es Sie nach Köln zurück?

Irgendwann war es dann klar, dass ich Buchhändler bin, dass es mir einen Riesenspaß machte und dass ich auch erfolgreich bin. Ich konnte mich nicht mehr in London verstecken. Der Übergang kam dann fließend. Ich habe bis heute ein Zimmer in London, wo noch mein Hausrat drin ist. In Köln habe ich lange im Laden gewohnt. Ich weiß bis heute nicht, wann ich gesagt habe: Jetzt bin ich in Köln.

Ist es Ihnen schwer gefallen London zu verlassen?

Köln ist nicht immer so glamourös und spektakulär wie es London manchmal war. London war immerhin das Zentrum des europäischen Kunsthandels. Köln ist sehr viel lokaler. Aber auch die Buchhandlung Walther König war früher ein Treffpunkt für Künstler.

Trifft man jetzt noch Kunstlegenden in Ihrer Buchhandlung?

Ja schon, aber es ist natürlich ein bisschen dünner geworden. Mit den Galerien sind auch die Künstler weggezogen und das Lebensgefühl der Stadt, die sich lange über die Kunst definiert hat, hat sich geändert.

Haben Sie schon einmal daran gedacht, nach Berlin zu ziehen?

Ich fühle mich in Köln sehr wohl. Ich genieße es zum einen, mit meinem Vater zusammenzuarbeiten, zum anderen ist es auch ein sehr viel gemütlicheres Arbeiten. In Berlin müsste man von einem Event zum nächsten laufen, hier hat man noch mehr Zeit. So lange das geht, bleiben wir hier. Es darf nur kein Luxus werden.

Anfang des Jahres hat Ihr Vater seine Anteile auf Sie überschrieben. Was hat sich seither für Sie verändert?

Das ist eine rein formelle Geschichte. Es gibt genug für uns beide zu tun. Jeder hat seine eigenen Bereiche und Projekte, doch wir arbeiten eng zusammen. Er kommt jeden Morgen in den Laden. Wenn ich dann aus dem Lager komme, trinken wir meistens erst einmal einen Kaffee zusammen und bereden uns. Mein Vater könnte ja gar nicht aufhören, das wäre ja fürchterlich.

Kommen Sie beide sich nicht total oft in die Haare?

Ständig! Buchhändler sind ja extreme Besserwisser. Das liegt am Beruf. Wir wissen ja gar nichts Richtiges. Das ist alles Halbwissen, wenn auch ein sehr großes und kumuliertes. Die Kunden sind die wahren Experten. Aber ich merke es an Kollegen und an mir selber. Je besser die Buchhändler sind, desto besserwisserisch sind sie. Und mein Vater ist eben sehr gut. Und für so schlecht halte ich mich auch nicht. Da kommt es natürlich zu Konflikten.

Wie hat sich der Kunstbuchhandel seit seinen Anfängen verändert?

Als mein Vater seinen Buchladen 1969 aufgemacht hat, gab es wenige Kunstbücher. Das konnten sich nicht viele Leute leisten und dadurch hatten die Bücher auch ein viel längeres Leben. Taschen hat dann einen totalen Durchbruch gemacht, und auf einen Schlag konnte jeder Kunstbücher kaufen. In den 70er-Jahren ging es dann international los, was ja die Stärke unserer Buchhandlung ist. Mein  Vater hat den Import aus aller Welt organisiert. Heute gibt es diese große Anzahl an Kunstbücher, viele sind eine Selbstverständlichkeit. Ich glaube, dass es viel zu viele Bücher gibt, dass die Bücher zu wenig Zeit haben, um Bestand zu haben. Der Wert des Buches geht durch diese Flut auch verloren. Doch die größte Änderung ist natürlich das Internet und der Internethandel.

Wie stark spüren Sie diese Konkurrenz?

Wir haben oft Sorge, dass wir zu einem reinen Schaufenster verkommen. Ein Buch ist ein haptisches Objekt. Das muss man anfassen, durchblättern, das Gewicht spüren, vielleicht sogar daran riechen. Bei uns kann man sich sehr viele Bücher anschauen, auch die ungewöhnlichsten. Doch wir sind und bleiben Kaufleute. Anspruchsvolle oder sehr spezielle Bücher bestellen wir nicht, um damit unsere  Buchhandlung zu kuratieren, sondern um sie zu verkaufen.

Wie sehr ist Amazon ein Problem für Sie?

Amazon ist ein großes Problem. Wir können und wollen nicht der Günstigste sein, aber wir bieten unsere Bücher konkurrenzfähig an. Doch irgendwann können wir natürlich auch nicht mehr mithalten.

Abgesehen von der Digitalisierung, die ja vor allem eine technische Herausforderung darstellt, wie sieht der Kunstbuchhandel in 15 Jahren aus?

Bücher müssen in der analogen Öffentlichkeit bleiben. Das wird irgendwann dem stationären Handel wieder in die Hände spielen. Ich glaube, dass es wieder weniger, aber dafür mehr substanzielle Bücher geben wird. Wahrscheinlich wird das Buch auch wieder zu einem luxuriöseren Objekt, die Entwicklung ist zum Teil schon jetzt zu beobachten. Das Buch wird sich sicher behaupten und womöglich sogar an Bedeutung zurückgewinnen.

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