Neupräsentation in der Julia Stoschek Collection

25 Wahrheiten pro Sekunde

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Zeitbasierte Kunst ist immer auch raumbezogene Kunst. Bei jeder Film- oder Videoarbeit stellt sich die Frage der besten Präsentation aufs Neue. Die Düsseldorfer Julia Stoschek Collection kommt diesem Ideal gegenwärtig wohl näher als jedes etablierte deutsche Kunstmuseum: Nicht nur treten die überwiegend zeitgenössischen Arbeiten der neuen Sammlungspräsentation inhaltlich in überzeugende Beziehungen und gewinnen dem Dauerthema „Urbanitätsdiskurs“ erstaunliche neue Facetten ab, auch die Vorführbedingungen verraten architektonisches Feingefühl.

Angefangen mit Zilvinas Kempinas Installation „White Noise“, einem aus flatternden Magnetbändern vor weißer Lichtwand simulierten Bildschirmrauschen, nähern sich die 35 Künstler der Ausstellung der Anmutung des Filmischen von verschiedensten Seiten. Tobias Zielony etwa reiht 7000 Einzelbilder zu einem Dokudrama aus der berüchtigten neapolitanischen Wohnmaschine Vele di Scampia, einem ungeliebten Architekturmonument der 60er- und 70er-Jahre, das heute vor allem als Mafia-Nest bekannt ist. Die Unterschreitung der für einen lebendigen Bildfluss nötigen Frequenz von 25 Bildern in der Sekunde wirkt einerseits distanzierend, betont aber auch den ästhetischen Mehrwert gegenüber der typischen Videoästhetik. Und gibt auf seine Art den in Verruf geratenen Idealen der Architekturmoderne recht – weniger ist mehr.

Die titelgebende Arbeit der Ausstellung, der betörende 16-mm-Film „Cities of Gold and Mirrors“ von Cyprien Gaillard, entlarvt dagegen den Verpackungscharakter von Architektur: Noch im Augenblick des Abbruchs reflektiert eine schillernde Spiegelfassade jene Naturschönheit, die sie zugleich verunstaltet. Die architekturbezogenen Arbeiten des 1980 geborenen Franzosen laben sich gleichermaßen minimalistisch wie pathetisch am Untergang der Utopien. Der voyeuristischen Perspektive Gaillards stellt die Schau klassische Raum- und Landschaftsinterventionen von Gordon Matta-Clark und Robert Smithson gegenüber.

Als Höhlenforscher präsentiert sich dagegen Wolfgang Tillmans: In seinem minimalistischen Videowerk „Heartbeat/Armpit“ beobachtete er bereits 2003 das pulsierende Leben in einer männlichen Achselhöhle. Die Stoschek Collection zeigt es angemessen dezent als lebendes Bild an der Wand – eine versteckte Rückprojektion von verblüffender Wirkung.

Julia Stoschek Collection, Düsseldorf, bis Sommer 2012, geöffnet Samstags 11 bis 18 Uhr

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