Post-Corona-Raves

Wie Tegel den Berliner Clubs aus der Krise helfen könnte

Sobald der Flughafen Tegel geschlossen wird, soll auf dem Areal ein Forschungs- und Industriepark entstehen. Auch über die Nutzung als Clubkomplex wird nachgedacht. Dieses Plakat hing monatelang an der Zufahrt zum Airport. Doch diese Vision muss an die neue Corona-Realität angepasst werden
Illustration: Tim Dinter, courtesy Berlin TXL

Sobald der Flughafen Tegel geschlossen wird, soll auf dem Areal ein Forschungs- und Industriepark entstehen. Auch über die Nutzung als Clubkomplex wird nachgedacht. Dieses Plakat hing monatelang an der Zufahrt zum Airport. Doch diese Vision muss an die neue Corona-Realität angepasst werden

Wegen der Coronakrise schließt der Flughafen Berlin-Tegel schon im Juni. Ob er je wieder aufmacht, ist ungewiss. Doch das Areal könnte ein Labor werden für die ebenso von der Pandemie gebeutelten Clubs der Stadt. Ein Zukunftsszenario

Berlin, Spätsommer 2021. So zügig der Flughafen Berlin-Tegel im Juni 2020 aufgrund der Covid-19-Pandemie geschlossen wurde, so zeitig wurde klar, dass das Airport-Areal als Auffang- und Inkubationsbecken für den Wirtschaftsfaktor Berliner Clubszene neu konzipiert werden muss. Es kam dann nämlich doch: das große Clubsterben 2020, das als die "stille Welle" zweifelhaften Ruhm erlangte.

Wie doch die Stadt von dem einem auf den anderen Tag musikalisch verstummte und ihre sonor verrauchte Singstimme im Marlene-Dietrich-Alt auf immer verlor. Größere Clubs wie das Berghain konnten die Ausfälle durch das neu hinzugefügte vegane Mittagskantinengeschäft für die Mitarbeiter und Besucher der Metro und umliegenden Baumärkte halbwegs kompensieren.

Der Trend geht wie vor 40 Jahren wieder zum heimischen, selbst ausgebauten Party-Keller. Das verspricht Laufkundschaft und das Berghain-Merchandise mit Kaffeebechern, Schneekugeln und Darkroom-Wärmedecken läuft unterdessen sehr gut.

Das Watergate vermietet derweil seine Dancefloors mit Spreeblick unter der Woche tagsüber als Coworking-Space für geschasste Musik-Manager oder an Yoga-Influencer*innen für deren YouTube- und TikTok-Kurse. Man würde nun mehr in Media and Content Production investieren. Ein zukunftssichererer Markt, heißt es.

Dezentrales Einchecken für die Party

Viele Clubs hofften, nachdem sie ihre Läden erstmal dichtmachen mussten, später mit neuer Energie zurückzukehren. Aber so nett und herzig Nachbarn auch gewesen sein mögen. Wer lärmt und viel Müll macht und dann auszieht, bekommt seine alte Wohnung niemals zurück. Das war und ist in Berlin nicht anders.

Die Herausforderung, das alte Tegeler Flughafengelände in einen Post-Corona-Club-Komplex umzuwandeln, erwies sich am Ende doch komplikationsloser als von vielen erwartet. Dennoch schwebte von Tag eins ein Damoklesschwert über dem Projekt. Unter gar keinen Umständen dürfe aus dem neuen Berliner Großclub-Projekt ein zweiter Kunstpark Ost werden. "Diese Blamage muss bayerisch bleiben. Mir reicht der BER", soll Michael Müller beim vergangenen Fraktions-Zoom gefordert haben.

Die zahlreichen Gate-Eingänge am Terminal A kamen der neuen Maxime, möglichst Gedränge vor dem Eingang zu verhindern, indes sehr zupass. "Decentralized Visitor Management" heißt das Stichwort der Stunde im Eventsektor. Das konnte mit der Drive-In-Architektur von gmp aus den 60ern blendend umgesetzt werden. SAP sicherte sich für die Entwicklung und Umsetzung der Software-Infrastruktur einen satten Etat. Unterstützt wird das Projekt von der von Zalando initiierten Charity-Coding-Kampagne "Appandemic".

Techno-Fans bekommen bei der obligatorischen Online-Buchung per App einen Farbcode, Zeitfenster und ein Gate zugewiesen, an dem sie für die Party einchecken können. Meldet man sich als Gruppe mit maximal fünf Personen an, darf man mit dieser Peergroup den Abend verbringen und sich im Laufe des Abends mit maximal einer weiteren Peergroup (1-5 Personen) connecten. Das hätte in den ersten Wochen nach Eröffnung der "Lili", wie der Club-Komplex bereits liebevoll in Berliner Mundart (wegen Otto Lilienthal) genannt wird, zu einigen Konfusionen und nicht Hygienecodex-konformen Menschenansammlungen geführt.

Direktshuttle vom BER

Die Berliner Club Task Force (BCTF) um Kultursenator Klaus Lederer und Dimitri Hegemann versprach aber Verbesserungen. Von nun an könne die einmalige Peergroup-Connection nur noch durch zuvor selektierte Peergroup-Leader via Bluetooth bestätigt werden. Auch wolle man eruieren, wie man die Bewegungsradien der jeweiligen Gruppen besser analysieren und kontrollieren könne. Wie alle, müsse man sich neuen Herausforderungen stellen und an Optimierungen arbeiten. "Da ist auch der Raver gefragt." 

Aufkleber mit dem von Scholz and Friends entwickelten Slogan sollen diese Woche noch in den Druck und berlinweit vertrieben werden. Die Social-Media-Kampagne ist bereits in vollem Gang. Der neue Direktshuttle vom BER für die ersten erwarteten Wellen inländischer Wochenend-Rave-Touristen und Besucher*innen aus Benelux würde indes gut angenommen. Ein Hostel mit Einzelkabinen nach japanischen Vorbild, das auf dem Runway gebaut werden soll, sei bereits in Planung. Auch über Camping wird diskutiert.

Eine besondere Herausforderung für die BCTF war die Belüftung und Klimasteuerung der Lili. Um die vorgeschriebene EU-Aerosoldistributionsrate (EUAeDR) zu bewerkstelligen, muss die neue, durch Crowdfunding finanzierte 90 Millionen Euro teure Lüftung derart hochfrequent in Betrieb genommen werden, dass es zu starken Schallwellen-Interferenzen mit der Club-Akustik kommt. Der bisherige Tonmeister habe resigniert sein Handtuch geworfen, heißt es aus internen Kreisen. "Dann halt wieder Elphi!", soll er zum Abschied skandiert haben.

Auch als kostspielig und schwierig zu programmieren erwiesen sich die LED-Ringe, die in den Boden eingelassen wurden, um die jeweiligen "Movement and Dis(d)ance Zones" der Raver zu signalisieren. Denn in der hexaedrischen Architektur des ehemaligen Airports sollen Besucher*innen, durch Farben in sogenannte Meta-Groups aufgeteilt, konstant durch das Gebäude geführt werden, um die "Fluidität der Aerosoldistribution" nicht zu unterbrechen.

Wie eine Playmobil-Version der Bar 25

Da bislang ein Publikumslimit von 350 Menschen auf dem gesamten Bereich des Terminal A gilt, sei man zuversichtlich, nach einiger Routine noch mehr Menschen zeitgleich zuzulassen. Dadurch könnten endlich die Eintrittspreise von derzeit 98 Euro gesenkt werden. Das erhofft sich auch die im vergangenen Jahr gegründete Interessensgemeinschaft "Lost Ravers International". Deren Pressesprecherin auf Facebook: "Erst verliere ich meinen Job als Türsteherin, dann muss ich 3 neue Laptops fürs Homeschooling meiner Kinder kaufen. Halb so wild. Aber ne Party: 100 Euro !1!? Leute, so langsam reicht es aber wirklich!"

Alt-Raverin Julia freut sich trotzdem, endlich wieder mal Woody vom Heideglühen zu hören und zu sehen. Viele Clubs, die ihre Existenz im vergangenen Jahr verloren haben, können sich für Slots im Lili bewerben. Ein Kuratorenrat um Monika Kruse sichtet die Bewerbungen und vergibt die in der ehemaligen Clubszene heiß begehrten, weil staatlich subventionierten Showzeiten. Das Heideglühen versucht den alten Flair mit Holzdekorelementen und gedeckter Lichtshow zu rekapitulieren.

"Ein bisschen, als wenn du mit Playmobil die Bar 25 nachbaust. Aber was willste machen", analysiert Julia. Woody kennt sie schon von der Loveparade. Den Spaß will sie sich trotz aller Umstände nicht nehmen lassen. "Früher konntest du rummachen, mit wem du wolltest. Heute muss ich mich für eine entscheiden und dann weiß Mutti Angie wegen der App und so auch noch Bescheid. Fühlt sich ja schon komisch an. Aber wahrscheinlich bin ich für solche Spielchen und Drogen eh zu alt." Julia lacht laut, ihre Apple Watch vibriert, gibt ein Signal und sie zieht mit einem Lächeln und Winken weiter. Ihrer Meta-Group wurde ein neuer Space zugewiesen. Zum Abschluss des Abends gibt es noch eine Stunde "Best of King Size" an Gate A8. Da gilt es, keine Zeit zu verlieren.