Danica Dakic entwickelt in Düsseldorf soziale Projektionen

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Hintergründe waren einmal alles im Atelier. Mit dem richtigen Prospekt im Rücken gab sich der Porträtierte des Fin de Siècle weltgewandt oder bescheiden, bürgerlich oder romantisch. Heute lernen Fotografen als Erstes, ihre Modelle nicht gegen Wände zu stellen, selbst wenn sie hübsch verziert sind.


Die aus Sarajevo stammende Düsseldorfer Foto- und Video­künstlerin Danica Dakic verstößt gern gegen dieses Dogma. Als ausgebildete Malerin ist sie der Fläche treu geblieben, sie liebt das leise Pathos, das von einem gemalten Theaterplakat oder einer Wandverkleidung ausgeht. Im Kasseler Tapetenmuseum entstand ihre wohl bekannteste Arbeit „El Dorado“, die zu den wenigen echten Sehenswürdigkeiten der vergangenen Documenta zählte.
Vor der gleichnamigen Panoramatapete aus dem 19. Jahrhundert, einem fantastischen, exotischen Garten Eden, platzierte sie Jugendliche, die einen eigenen Background mitbrachten: den „Migrationshintergrund“, wie es im Amtsdeutsch heißt. Gefunden hatte sie ihre Protagonisten in einem Kasseler Heim für unbegleitete Flüchtlingskinder. Wenn diese vor der Kamera, malerisch beleuchtet von Dakics künstlerischem Partner, dem Fotografen Egbert Trogemann, ihre Lebensgeschichten erzählten, hatte das wenig zu tun mit dem Mythos des Goldlands.


Dakics (überfällige) erste Retrospektive folgt dem Prinzip dieses Werks und macht aus der Düsseldorfer Kunsthalle eine Art Papiertheater. So wie man damals bedruckte Tableaus in kleine Guckkästen schob, inszeniert die Künstlerin hier eine Weltreise aus Projektionen, in der Fiktionen und soziale Realitäten auf einzigartige Weise verschmelzen. In „Isola Bella“ zum Beispiel treten die mit kunstvollen Masken diskret ins Unkenntliche gerückten Bewohner einer bosnischen Behindertenstätte auf die Bühne. Vor dem Prospekt einer paradiesischen Insel improvisieren sie eine Robinsonade, mal berichten sie dabei von ihren Wünschen, mal vom Alltag. Bis Wirklichkeit und Erfindung nicht mehr zu trennen sind.

 

 

Kunsthalle Düsseldorf, bis 8. November

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