Rückblick

Das Kinojahr 2020 war ein Totalausfall

Für die Filmbranche ging es in diesem Jahr steil bergab. Aber Corona allein ist nicht schuld daran, wenn im Kino einmal endgültig die Lichter ausgehen. Die "Musealisierung" könnte die letzte Lösung für diese aussterbende Kulturpraxis sein

Warum dieses Kinojahr eigentlich überhaupt keins war, muss man nicht lange erklären. Das Wörtchen "Corona" reicht. Die jüngste Berlinale, die im Februar noch gerade virusfrei durchs Ziel ging, möchte man einer anderen Ära zuschlagen: Als hustende Kinonachbarn zwar störten, aber nicht als potentielle Superspreader galten. Noch ein Begriff, der 2020 unseren Wortschatz bereicherte – und die Sicherheitsbedenken speziell in den Festival-Chefetagen steigerte. Also wurden Cannes und Venedig, um die anderen beiden Premium-Festspiele zu nennen, im Corona-Jahr als weitgehend publikumsfreie Restivals durchgeführt. Nun werden Cinephile "weiter mit dem Virus leben müssen" (Epidemiologen-Sprech), am liebsten allerdings ohne, daher ist die Verschiebung der kommenden Berlinale schon fast eine gute Nachricht. Der Wettbewerb soll im März unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, als Publikums-Event werden die Festspiele im Juni nachgeholt.

Festivals, Feten, Freundschaften, Frischluft – so mancher Mangel lässt sich nachholen oder kompensieren. Gegen die Kinokrise hilft aber nicht einmal ein Impfstoff. Was auch daran liegt, dass Corona (inklusive der Beschränkungen) nicht der Hauptgrund für das Aussterben der Kulturpraxis Kino sein wird, sondern ihr Siechtum höchstens befördert. Das Kino stirbt weitgehend unbemerkt, gerade weil die Streamingdienste und das TV-Angebot "on demand" den Appetit auf Bewegtbilder und Geschichten stillen. Vor allem Netflix hat von der Kinokrise im Allgemeinen und der Pandemie im Besonderen profitiert. Im dritten Quartal 2020 konnte der Streaming-Anbieter seinen Umsatz um 1,2 Milliarden US-Dollar im Vergleich zum Vorjahresquartal steigern – auf den Rekordwert von rund 6,44 Milliarden Dollar.

Womöglich wird ein Teil der Netflix-Nutzer – die Abonnentenzahlen stiegen im dritten Quartal 2020 um etwa 2 Millionen auf rund 195 Millionen – auch wieder ins Kino gehen, wenn die Herdenimmunität erreicht ist – nur scheint das Kino schon längst in den Brunnen von Amazon Prime und Co. gefallen zu sein: Das Streaming hat bereits die Bedingungen des Filmschauens verändert. Ein Film, der gestoppt, zurück- oder vorgespult werden kann, hat nichts mehr mit Kino zu tun. "Kino" ist eine Art freiwilliges Gekidnappt-werden auf Zeit. Diese freiwillige Unterwerfung unter eine Dramaturgie verlernen wir allmählich. Logischerweise werden die Streaming-Anbieter den Teufel tun, dem Abspielort Kino aus seinem Nischendasein herauszuhelfen. Damit droht eben auch die Kulturpraxis Kino zu verschwinden.

Wobei man sich fragt, ob dieser Kollateralschaden der Digitalisierung auf lange Sicht im Interesse der Netz-Anbieter sein kann. Ironischerweise waren einige der schönsten Kino-Perlen des Jahres 2020 Netflix-Produktionen: "Der schwarze Diamant", "I’m thinking of ending things" oder "Mank". Waschechtes Kino, das aber selbst ohne Corona nur kurzzeitig in den Filmtheatern gelaufen wäre – und jetzt wegen Corona nur auf der Plattform abzurufen war.

Was tun gegen das Kinosterben?

Um das "Kino" zu retten, müssen die Kinos – wenigstens ein paar davon – also unbedingt erhalten bleiben. Geld ist mit dem Filmtheaterbetrieb aber kaum noch zu verdienen. Der Autor und Filmkurator Lars Henrik Gass, seit 1997 Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, schlägt daher eine "Musealisierung" des Kinos vor, speziell in Deutschland. Gass fordert, die Filmförderung von der Kinoauswertung zu entkoppeln, Abspielstätten zu subventionieren und die Eröffnung von Kinematheken in möglichst vielen Städten zu fördern. Die Politik könnte es richten, aber was verstehen Politiker*innen eigentlich vom Kino?

Geht es vielleicht ohne Regulierung? Hat sich nicht etwa der Kunstbetrieb schon längst als Hoffnungsträger für das Weltkino empfohlen? In Museen, Galerien, auf Biennalen, Documenten und sogar Kunstmessen sind Projektionskabinen und cinephile Found-Footage-Werke doch längst etabliert. Sogar Spielfilme werden bisweilen in Ausstellungen präsentiert. Bereits in seinem Buchessay "Film und Kunst nach dem Kino" hat Lars Henrik Gass die Verbindung von Bildender Kunst und Kino als Scheinehe entlarvt. In einem "Jungle World"-Interview diesen November gab er seiner Skepsis erneut Ausdruck: "Was die Kunst am Film niemals verstanden hat, ist der Zwang zur Wahrnehmung – also etwas, das genuin zur mediengeschichtlichen Besonderheit des Films gehört." 

Gass hat recht. Ein Videoloop, den das Publikum nach eigenem Gusto betrachten und wieder verlassen kann, ist etwas grundsätzlich anderes als das Kino, von dem wir reden. Daher fährt ein Steve McQueen auch weiter zweigleisig, brachte 2020 fünf (!) Spielfilme heraus und zeigte seine – anderen Regeln folgende – Kunst in der Tate Modern. Es ist womöglich nicht systemrelevant, aber doch kulturrelevant, dass beide, Kunst wie Kino, überleben können. Dafür zu streiten und zu kämpfen ist eine Aufgabe auch fürs nächste Jahr.