Rückblick auf 2010er-Jahre

Das sind die zwölf wichtigsten Kunstprojekte auf Instagram

© Amalia Ulman & Arcadia Missa, London, Courtesy Prestel
© Amalia Ulman & Arcadia Missa, London, Courtesy Prestel
Amalia Ulman, aus "Excellences & Perfections"

In knapp zehn Jahren Instagram sind Milliarden von Bildern entstanden. An welche sollten wir uns erinnern? Hier sind zwölf Künstlerinnen und Künstler, die auf der Plattform etwas Bleibendes geschaffen haben 




Am 6. Oktober 2010 stand die App Instagram zum Download bereit, seitdem ist viel im sozialen Netzwerk passiert. Erst einmal ist allerdings gar nicht viel passiert, da die ersten Nutzer dachten, Instagram sei eine App, mit der lediglich Bilder bearbeitet werden können. Der Filter "Early Bird" erzeugte einen Gelbstich, "Lo-Fi" ahmte die Ästhetik der Lomografie nach und "1977" sorgte für bleiche Farben, ganz so, als würde das Foto schon seit 30 Jahren in einem Album kleben. Besagte die Fotografie einst "Es-ist-so-gewesen" (Roland Barthes), kommuniziert sie heute in den sozialen Medien "Es-ist-gerade-so" (Wolfgang Ullrich): im Bett, beim Frühstück, im Fitnessstudio, im Urlaub und so weiter.

Roland Barthes schrieb, dass Fotografien den Tod hervorbringen, indem sie das Leben aufbewahren wollen. Susan Sontag stellte fest, dass die Verknüpfung zwischen Fotografie und Tod allen Aufnahmen von Menschen etwas Beklemmendes verleiht. Heute schreiben Menschen in den sozialen Medien mittels Bildern glückliche Autobiografien, sie inszenieren Perfektion und Erfolg. Der Moment wird mit Freunden und Followern geteilt, Vergangenes verschwindet nach 24 Stunden aus den Stories auf Instagram.

Künstler arbeiteten bald mit dem sozialen Netzwerk. Sie reagieren auf den Kult der Selbstdarstellung wie Amalia Ulman, werden politisch aktiv wie Nan Goldin und machen Instagram zu ihrem neuen Werk wie Stephen Shore. Während also die Post-Internet Art um die Mitte der 2010er-Jahre so langsam aus Ausstellungen verschwindet, arbeiten Künstler wieder mehr online. Sie treibt dieselbe Hoffnung an wie einst die frühen Netzkünstlerinnen: die Demokratisierung des Kunstbetriebs, weil Gatekeeper wie Kuratoren und Kritiker umgangen werden können. Und während Post-Internet Künstler Objekte für den Ausstellungsraum schufen, die fotografiert online wiederum gut aussehen soll(t)en, konzentrieren sich Social-Media Künstler auf das kleine Quadrat auf Instagram. Was also bleibt nach knapp einem Jahrzehnt? Hier sind 12 Projekte, die in Erinnerung bleiben werden:


Petra Collins, 2013

Früh wurde auf Instagram deutlich, dass viel nicht erlaubt ist, besonders wenn es um Selbstdarstellung von Frauen geht: Schamhaare, Menstruationsblut und weibliche Brustwarzen beispielsweise sind nicht "angemessen". Ein Bikini-Selfie der kanadischen Fotografin Petra Collins wurde im Jahr 2013 zensiert, weil Schamhaare zu sehen waren. Collins beschwerte sich auf Twitter über die Zensur durch das amerikanische Unternehmen. Das führte dazu, dass eine junge Generation Künstlerinnen in den folgenden Jahren die Diskussion um Schönheitsideale in den sozialen Medien anheizte, indem sie immer und immer wieder Bilder posteten, die nicht der Norm entsprachen.

Arvida Byström und Molly Soda veröffentlichten im Jahr 2017 in einem Buch unter dem Titel "Pics or It Didn’t Happen" Bilder, die gegen die Community Guidelines von Instagram verstießen. Das Ergebnis war wenig überraschend: Genitalien, Nippel, Schamhaare und Menstruationsblut wurden als unangemessen eingestuft. Im selben Jahr wurde der schwedischen Künstlerin Byström mit Mord gedroht, weil sie auf den Fotos zu einer Kampagne für einen Sportartikelhersteller mit Haaren an den Beinen zu sehen war. Ihr Posting wurde über 20.000 Mal kommentiert.

Und das Ergebnis ist nicht etwa Rückendeckung oder Verständnis für junge Künstlerinnen, die im Internet aufgewachsen sind und deshalb dort den Kampf um Schönheitsideale mit Selfies führen. Nein, sie werden scharf kritisiert, die feministische Haltung wird ihnen abgesprochen. Der Vorwurf lautete wie etwa im "Kunstforum": Ihre Weiblichkeit stellen sie zu sexualisiert dar, ihnen geht es um die Befriedigung des männlichen Blicks, für feministische Normvorgaben interessieren sie sich nicht, dafür aber für ihre Identitätssuche, die sie in den sozialen Medien dokumentieren. Ja, nun gut, in den 10er-Jahren des 20. Jahrhunderts sind die sozialen Medien Schulhof und Campus. Identitäten werden dort gebildet.


Amalia Ulman "Excellences & Perfections", 2014

Die argentinische Künstlerin Amalia Ulman entwarf auf Instagram eine fiktive Autobiografie mit Happy End im Rahmen ihrer Performance "Excellences & Perfections". "Jeder ist online ein Lügner", das war die Pointe. Ulman nämlich hatte ihre Follower in dem Glauben gelassen, dass all diese Dinge gerade wirklich in ihrem Leben passieren: Der Umzug von der Kleinstadt in die Großstadt, der Wandel vom cuten girl zur sexy jungen Frau, die Schönheitsoperation, der Nervenzusammenbruch und das Happy End mit Boyfriend. Ihre Follower glaubten ihre Geschichte, obwohl bzw. gerade weil Ulman sämtliche Stereotype bediente. Ulman spiegelte, was ihr zuvor an weiblichen Rollenklischees auf Tumblr und Instagram begegnet war, etwa das Hot Babe. Ihre Follower jedenfalls waren empört und wütend, die Medien berichteten über das erste große Instagram-Meisterwerk und Museen weltweit wie die Tate Modern in London zeigen die Arbeit. 


Constant Dullaart, High Retention, Slow Delivery, 2014

Likes und Followerzahlen sind zu einem Qualitätskriterium geworden wie der Preis eines Kunstwerks oder die Besucherzahl einer Ausstellung. In Texten über die Performance von Amalia Ulman ist auch immer die Rede von ihrer Followerzahl. Die BBC beispielsweise titelte: "The Instagram artist who fooled thousands". Im Text selbst steht: "Beim letzten Post ihres Projekts am 19. September 2014 hatte Ulman 88.906 Follower gesammelt (ihr Account hat jetzt mehr als 110.000)“. Wer viele Follower hat, ist nach den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie ein guter Künstler. Der niederländische Konzeptkünstler Constant Dullaart hat deshalb im Jahr 2014 für 5.000 Dollar 2.5 Millionen Follower gekauft und auf Protagonisten in der Kunstwelt verteilt, sodass Künstler, Kuratoren, Kritiker, Magazine und Galerien wie Klaus Biesenbach, Hans Ulrich Obrist, Jerry Saltz, Amalia Ulman, Jonas Lund und Constant Dullaart alle auf 100.000 Follower kamen und damit gleich bedeutend waren.

Zahlen können leicht manipuliert werden, man muss es nur sehen wollen. Im Jahr 2015 gab Dullaart der "New York Times" ein Interview und sprach ausführlich über seine Intervention. Im Text in der New York Times allerdings fand nichts davon Erwähnung, stattdessen wurde die Bedeutung etwa von Ai Weiwei und Simon de Pury anhand ihrer Followerzahlen auf Instagram belegt. Beide wurden sie von Dullaart mit Followern beschenkt.



Stephen Shore, seit 2014 

Stephen Shore, einer der Mitbegründer der New Color Photography in Amerika, ist der erste namhafte Fotograf, der seine Arbeit auf Instagram als sein neues Werk bezeichnet. Dafür musste er einiges an Kritik einstecken, von Followern und Kritikern. Da muss er sich anhören, dass er sich nicht genug anstrengt. Und er muss sich fragen lassen, was er, der doch die Geschichte der Fotografie im 20. Jahrhundert mitgeprägt hat, zwischen all dem digitalen Bildermüll überhaupt will.

Shore interessierte sich schon immer für Fotografie, die vergleichbar ist mit visuellen Notizen. Einst machte er auf Roadtrips durch Amerika Schnappschüsse wie Touristen und fotografierte Banales und Alltägliches wie Essen und Hotelzimmer. Heute macht er im Alltag und auf Reisen Fotos wie der durchschnittliche Instagram-Nutzer und fotografiert wieder Alltägliches wie seine Haustiere, seine Familie und den Garten seiner Frau. Als das MoMA in New York im Jahr 2017 seine Retrospektive zeigte, wurde auch sein Instagram-Account ausgestellt.

 



Signe Pierce "American Reflexxx", 2015

Das Video "American Reflexxx" dokumentiert ein soziales Experiment der US-amerikanischen Künstlerin Signe Pierce. Gemeinsam mit der Regisseurin Ali Coates fuhr sie nach Myrtle Beach in South Carolina, zog sich ein kurzes blaues Kleid und High Heels an, verdeckte ihr Gesicht mit einer spiegelnden Maske und lief so durch die Straßen. Schnell bildete sich ein Mob, der sie verfolgte, beschimpfte und schließlich zu Boden stieß, wo sie blutend liegen blieb. Das Video ist mittlerweile fast zwei Millionen Mal auf YouTube angesehen worden. Wie reagieren Menschen, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, das sie nicht verstehen? Die Menschen im amerikanischen Küstenort waren unsicher, ob sich hinter der spiegelnden Maske ein Mann oder eine Frau verbarg. Das führte zu Irritation und Unsicherheit, die sich in Hass, Wut und Aggressionen entluden, wie es heute tagtäglich nicht nur in den sozialen Medien passiert.



Cindy Sherman, seit 2017

Im Jahr 2017 ist plötzlich Cindy Sherman, eine der international bedeutendsten Künstlerinnen auf Instagram aufgetaucht. Die Kunstwelt stand Kopf. Endlich eine Künstlerin. Endlich nicht immer nur Selfies, Essen und Sonnenuntergänge. Und dann kam genau das. Selfies, Essen, Sonnenuntergänge, Tiere und noch mehr Selfies. Die Medien überschlugen sich weltweit, Sherman blieb ruhig und sagte erst einmal gar nichts zu all der Aufregung.

Sherman arbeitet mit Apps, die sonst von den Massen dazu genutzt werden, um Selfies für Instagram zu optimieren. Sie aber macht genau das Gegenteil, sie überzeichnet und karikiert den Drang zur Selbstdarstellung. Catrin Lorch fragte in der "Süddeutschen Zeitung", ob der Bildersturm nun das Werk von Sherman unterlaufen würde, ihre Antwort: "Nein: Denn gerade weil das künstlerische Werk viele Elemente der sozialen Medien und der weiblichen Inszenierung antizipiert hat, ist der Effekt so überwältigend." 

Im "Guardian" war zu lesen: „In vielen Fällen ist Instagram keine Kunst, sondern eine digitale Müllhalde - ein Spielplatz für die schlimmsten Narzissten einer Gesellschaft. Wenn eine Künstlerin wie Sherman diesen Ort als Ausstellungsraum benutzt, legt das die Messlatte für andere Nutzer höher, die Aufmerksamkeit suchen oder behaupten, Künstler zu sein." Instagram, so die These, ist also der neue Ausstellungsraum von Sherman. Anders als Stephen Shore sagt Sherman genau das allerdings nicht. Im Interview mit dem "W Magazine" erklärte Sherman sich und ihre "silly sketches": “All diese Instagram-Bilder sind für mich nur Spielerei,” sagte sie. “Ich denke sie konkurrieren überhaupt nicht mit meiner ernsthaften Arbeit. Sie sind nur Spaß, wie eine kleine Ablenkung." Sherman will offenbar auch nur ein bisschen mitspielen.



Nan Goldin, 2017

Nan Goldin lehnte lange Jahre die sozialen Medien ab. “Ich bin nicht für irgendetwas wie Social Media verantwortlich, oder? Sagen Sie mir, dass ich es nicht bin", sagte sie einst im Interview mit der "New York Times". Ihr fotografisches Werk wirkt heute wie die Vorwegnahme des manischen Teilens privater Momente in den sozialen Medien. Im Dezember 2017 dann sah es so aus, als wäre Nan Goldin eingeknickt. Schnell aber stellte sich heraus, dass Goldin mit ihrer Präsenz auf Instagram ein Ziel verfolgt: "Ich will die 50.000 Follower wegen meiner politischen Arbeit. Ich finde, jeder mit einer Stimme sollte den Mund aufmachen!“, sagte sie im Gespräch mit mir für Monopol. Kurz zuvor machte sie ihre Abhängigkeit vom Schmerzmittel Oxycontin öffentlich, das ihr im Jahr 2014 vor einer Operation in Berlin verschrieben worden war.

Wie Millionen andere Menschen wurde sie über Nacht süchtig nach dem Medikament, das eigentlich Schmerzen lindern soll. Seit 1996 sind in den USA 200.000 Menschen aufgrund von Schmerzmittel-Abhängigkeit gestorben. Mit Bekannten gründete sie die Initiative "P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now)", um ein Bewusstsein für die Ausmaße der Drogen-Epidemie zu schaffen und um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Das Pharmaunternehmen Purdue Pharma der Familie Sackler stellt das Schmerzmittel Oxycontin her. Goldin protestiert gegen die Sacklers, die mit ihrem Geld international Museen unterstützen. Mittlerweile haben viele Museen reagiert, nehmen keine Spenden mehr an und entfernen den Namen der Sacklers aus ihren Räumen, beispielsweise der Louvre.



Leah Schrager "An American Dream", seit 2018

Leah Schrager ist eine sex-positive Performancekünstlerin, die unter dem Pseudonym Ona in den sozialen Medien bekannt geworden ist. Ona hat 3 Millionen Follower auf Instagram, 99% ihrer Follower sind männlich. Sie bietet sich dem männlichen Blick an und macht Intimität zur Ware. Ihr Produkt ist der eigene Körper. Ona ist ein IG-Model, wie Schrager es nennt, und IG-Models, das glaubte sie viele Jahre lang, sind nicht auf Männer angewiesen, sondern sind selbst für ihren Erfolg verantwortlich, weil sie mit Instagram eine Plattform haben. Schragers Definition lautet wie folgt:

"Vielleicht ist der beste Grund, warum man 'IG Models' als Kunst verstehen sollte, dass sie auf eine gewisse Art keine Modelle sind. Während der Produktion eines Kunstwerks ist das Modell jemand oder etwas, das den Künstler dazu inspiriert, Kunst zu machen (wenn zum Beispiel ein Modell für Picasso sitzt) oder etwas, das die physische Grundlage für ein Kunstwerk bildet, aber nicht selbst als Kunst wahrgenommen wird (zum Beispiel, wenn ein Model in einem Foto von Helmut Newton auftaucht). In anderen Worten, 'IG-Models' haben sich von den 'Männerhänden' befreit. Sie haben die Deutungshoheit über ihre Performances und sie machen selbst Kunst. Sie machen die Arbeit, tauchen in der Arbeit auf, bekommen Anerkennung für die Arbeit und werden oft für die Arbeit bezahlt. Sie sind also 'das Werk'."

Im Jahr 2018 hat sie sich ihren Misserfolg eingestanden. In ihrer Performance "An American Dream" erzählt sie seit Oktober 2018 auf Instagram, dass sie sich nun doch den Händen eines Mannes anvertraut, um den amerikanischen Traum zu leben. Sie bekam von einem Mann eine Mail, der ihr anbot, was man sonst nur aus Filmen kennt: Eine Million Dollar möchte er in sie und ihre Kunst investieren. Schrager trifft ihn und entscheidet sich schließlich, das Angebot anzunehmen. Auf Instagram dokumentiert sie die emotional aufwühlende Zusammenarbeit mit "Man Hands", wie sie ihren Mystery Man nennt. Er entscheidet seitdem, welche Bilder von ihr gemacht werden und was angemessen ist. Frauen, das ist die Erkenntnis von Schrager, werden in den sozialen Medien angefeindet, wenn der weibliche Blick sich nicht vom männlichen Blick unterscheidet. Wenn eine Frau sich selbst also genauso freizügig zeigt, wie sie ein Mann fotografieren würde.



Lars Eidinger, seit 2018

Lars Eidinger ist einer der bekanntesten Schauspieler in Deutschland und er ist DJ und Künstler. Als Künstler versteht er sich schon immer, erzählte er mir im Gespräch für Monopol, aber erst Instagram machte es ihm möglich, seine Kunst zu zeigen. Eidinger ist eigentlich ein klassischer Straßenfotograf. Beruflich ist er viel unterwegs und wenn er woanders ist, läuft er ziellos umher und teilt sofort, was er sieht. Das macht ihn so gut und interessant: Perfekte Fotos vom perfekten Leben gibt es bei ihm nicht. Dafür Menschen und Dinge, die so gar nicht in die perfekte Welt der sozialen Medien passen wollen. Er filmt und fotografiert beispielsweise Menschen, die sich für einen Moment ausgeklinkt zu haben scheinen, sei es schlafend, tanzend oder vor sich hinstarrend. 

Gene McHugh schrieb in seinem Blog "Post-Internet": "(...) die Qualität der Kunst im Internet wird nicht an einzelnen Beiträgen gemessen, sondern an der Leistung der Künstler im Laufe der Zeit durch ihr Brand Management. Bei Facebook wird ein Nutzer nicht nach einem Statusupdate, sondern nach seinem Stil und seiner Aktualisierungs-Geschwindigkeit beurteilt. Gleiches gilt für Post-Internet-Künstler." 

Eidinger ist wohl eines der besten Beispiele für einen guten Künstler im Zeitalter der sozialen Medien. "Es ist die Reise, nicht das Ziel", schrieb Brad Troemel im Jahr 2013, der Aesthlete müsse wie Super Mario ununterbrochen rennen. Der Aesthlete, so Troemel, ist ein Kulturproduzent, der handwerkliches und kontemplatives Grübeln mit Unmittelbarkeit und schneller Produktion übertrumpft. Und Eidinger rennt wie Super Mario ununterbrochen. Im Sommer war im Neuen Aachener Kunstverein seine erste Einzelausstellung zu sehen und mit Nils Müller und Ruttkowski;68 hat er einen Galeristen und eine Galerie.

 

Andy Kassier, seit 2019 

Künstler spiegeln den Zeitgeist in den sozialen Medien. Lange Jahre war das Alter Ego des deutschen Konzeptkünstlers Andy Kassier sehr zufrieden. #nevernotworking lautete seine Devise. Er war immer dort, wo die Sonne scheint und es Geld regnet. Erfolg und Leistung aber machen nicht glücklich, sondern einsam und führen zu einem Burnout, so die bittere Erkenntnis des Selfmademan.

Im Frühjahr 2019 verschwand er nach einer Partynacht. Auf einem Foto ist zu sehen, wie er im Anzug ins Meer läuft. Über ein halbes Jahr lang ist er untergetaucht, im Herbst tauchte er wortwörtlich wieder auf. Jetzt beschäftigt er sich mit alternativen Heilmethoden, nimmt sich Zeit zum Nachdenken, macht Yoga und malt Bilder.

Online schreiben wir alle unsere Autobiografien, meist geschönt, weil auf Instagram nun einmal perfekte Bilder vom perfekten Leben geteilt werden. 2019 war das Jahr, in dem Influencer plötzlich keine Lust mehr auf die typische Instagram-Ästhetik hatten und es authentisch wollten, weil ihnen niemand mehr das Dauergrinsen vor bunten Wänden abnimmt. Deshalb sucht das Alter Ego von Andy Kassier jetzt sein Glück auch anderswo und schreibt weiter an seiner Autobiografie, während der Künstler Andy Kassier wohl auf den nächsten Trend in den sozialen Medien wartet.

 

Johanna Jaskowska, Beauty3000, 2019

Die Französin Johanna Jaskowksa wurde über Nacht unter dem Namen @johwska international bekannt. Von ihr ist der AR-Filter "Beauty3000", der eine metallisch glänzende Schicht über das Gesicht legt. Jaskowskas Filter überzeichnet zwar den Plastik-Look von Kim Kardashian, verzichtet aber gleichzeitig darauf, das Gesicht in ein Instagram Face (hohe Wangenknochen, große Augen, lange Wimpern, schmale Nase, volle Lippen) zu verwandeln. Und plötzlich weiß man, wie Kim Kardashian als Cyborg aussehen würde. Knapp zehn Jahre nach der Gründung von Instagram gibt es eine zweite Filter-Welle, dieses Mal sind es Augmented-Reality-Filter, die es den Nutzern erlauben, ihre digitale Identität zu erweitern und zu verändern.

Gesichtsfilter können noch schneller als Kleidung an- und ausgezogen werden. Jaskwoska wirft damit auch einen Blick in die Zukunft: Wie sieht die Mode und die Kunst in der Zukunft aus? Und Jaskowska zeigt, dass Künstler im Zeitalter der sozialen Medien fast täglich auf technologische Neuerungen reagieren müssen.

 

Oli Epp, 2019

Der britische Maler Oli Epp hat im Jahr 2019 für Wirbel in der Kunstwelt gesorgt. "Wie man mit einem einzigen Instagram-Post zum Millionär wird", titelte die "Welt" anlässlich der Ausstellung von Epp bei Duve im Herbst in Berlin. Epp ist natürlich kein Millionär, die Preise für seine Bilder bewegen sich im niedrigen 5-stelligen Bereich, die Warteliste für seine Bilder allerdings ist lang.

Epp ist wohl das beste Beispiel dafür, wie man es mit einem Instagram-Account, gutem Selbstmarketing und instagrammiger Kunst sehr weit bringen kann. Schon im Jahr 2017 hat er den Begriff Post-Digital Pop geprägt. "Ich habe innerhalb von Begriffen gearbeitet, die im Zusammenhang mit Pop Art wahrhaftig klingen, mit diesen kräftigen, klaren Farben der Werbung und der Konsumkultur. Ich habe damit auch stark auf die Veränderungen durch die digitale Technik angespielt. Post-Digital-Pop erkennt den Kontext an, in einer Kultur zu arbeiten, die durch Bildschirme und Social Media fundamental verändert wurde." 

Epp bringt Pop Art und Post-Internet Art auf der Leinwand zusammen, er verbindet Konsum und Internetkultur. Seine Kompositionen sind übersichtlich, die Farben sind poppig und das Narrativ ist schnell erfasst. Seine Bilder erzählen von Sehnsüchten und Abgründen im digitalen Zeitalter. Die Coolness seiner Figuren zwischen Wurm, Mensch und Fleischklumpen mit überlangen und überdehnten Gliedmaßen wirkt anziehend und abstoßend zugleich. Sie tragen Stöpsel im Ohr, die sie mit der Welt verbinden, aber von ihrer Umwelt abschirmen. Sie sind abhängig von Genussmitteln (Tabak), Konsum (Mode) und Kommunikation (Apple). Epp malt Charaktere einer oberflächlichen Gesellschaft, für die er bunte Oberflächen erschafft. Er arbeitet mit einer Airbrush-Pistole, die Konturen sind klar, die Flächen breit und die Künstlerhand ist gar nicht erst sichtbar. Seine Figuren sind so glatt wie die digitalen Endgeräte, auf denen sie zuerst gesehen werden.