Afrofuturismen in Berlin

Design als Vision

Wie steht es heute um dekoloniale Modediskurse? Eine Ausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum zeigt aktuelle afrofuturistische Positionen aus Haar- und Modedesign

Ausstellungen in den großen Kunst- und Kulturhäusern in Berlin sind noch immer nicht sonderlich divers. Meist werden weiße, männliche Perspektiven präsentiert, nur wenige Ausnahmen befassen sich mit post- oder dekolonialen Fragen aus einer zeitgenössischen, künstlerischen Perspektive. Kunst- oder Designausstellungen zu Afrofuturismen – also mit Afrika und Afrikanischer Diaspora verbundene Zukunftskonzepte – sind eine noch größere Seltenheit. Das Kunstgewerbemuseum in Berlin hat sich nun dem Thema gewidmet und geht der Frage nach, wie es heute um dekoloniale Modediskurse steht. Insgesamt versammelt die Ausstellung "Connecting Afro Futures. Fashion – Hair – Design" mehr als 24 Positionen aus Mode- und Haardesign sowie Musik, Kunst und Film, die sich von postkolonialen und eurozentristischen Schönheitsnormen lösen und afrofuturistische Ästhetiken mit dekolonialen Diskursen verbinden.

Die senegalesische Künstlerin und Kuratorin Ken Aїcha Sy befasst sich sowohl in ihrer fotografischen Arbeit als auch in einem dokumentarischen Film mit afrofuturistischen Zukunftsvisionen und der Frage, was aus dem afrikanischen Kontinent werden kann. Dazu interviewt sie mehrere Menschen und lässt sie von ihren jeweiligen Visionen, Hoffnungen und Wünschen erzählen. Ihre fotografische Serie hingegen versucht die Entwicklungsstufen eines Mannes, "Adam", und einer Frau, "Eva", in Form zweier Triptychen nachzubilden: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Durch die Positionierung des Stellwand-Pavillons gleich neben der Tür mit der Aufschrift "Renaissance", hinter der sich wohl die Renaissance-Sammlung des Kunstgewerbemuseums verbirgt, erhalten die Arbeiten von Ken Aїcha Sy eine bedeutungstragende Wirkung: "Es geht voran."

Foto: © Yannik Ntap
Foto: © Yannik Ntap

Ken Aïcha Sy "Baadaye, Awa", 2019

Foto: © Yannik Ntap
Foto: © Yannik Ntap

Ken Aïcha Sy "Baadaye, Djessene", 2019

Die Londoner Modedesignerin José Hendo stellt Kleider und Hüte aus nachwachsenden oder recycelten Rohstoffen her. Das als Lederersatz verwendete Rindentuch, eines der ältesten Textilien aus nachwachsenden Naturfasern, gewinnt sie aus der Rinde des in ihrem Geburtsland Uganda verbreiteten Mutuba-Baumes. Ein zukunftsweisender, umweltschonender Biowerkstoff. Um die Verwendung des Baumrindenvlieses international bekannt zu machen, hat die Modedesignerin im Jahr 2014 die Initiative "Bark to the Roots" mitbegründet, ein Wortspiel aus dem englischen Namen der Rinde und der Rückkehr zu den Wurzeln. In drei ihrer Entwürfe recycelt José Hendo Kleidung, die tonnenweise aus Industriestaaten importiert wird und die lokalen Märkte überfüllt.

Experimentelle Modefilme

Die neun Modefilme im ersten Videoraum fluktuieren zwischen experimentellen und abstrakten Narrationen, die fast vergessen lassen, dass hier Designobjekte im Fokus stehen. Der zweiteilige Film "Salt of the Earth" von The Nest Collective nähert sich für die Präsentation von Schmuckstücken der Designerin Ami Doshi Shah der symbolischen Kraft von Salz. Ein Zitat zu Beginn des ersten Teils stammt aus dem Debütroman "Ein so langer Brief" der 1929 geborenen und 1981 verstorbenen senegalesischen Autorin Mariama Bâ und spielt auf ein metaphorisches Bild von Salz als Speicher, nicht nur von Energie, sondern auch der Erinnerung an. Im Verlauf des Videos, das in einer steinigen Landschaft spielt, wird Salz zum zentralen Medium eines Rituals. Gehäuft auf einem den Himmel reflektierenden Spiegel scheint es eine Verbindung zum unendlichen Jenseits aufzubauen, und das hier und jetzt mit Vergangenheit und Zukunft zu verknüpfen.


In dem zweiten Teil des Videos fährt die Kamera einen mit Salzkruste versehenen Körper ab wie im vorherigen die Landschaft. Der Körper als Landschaft, die geschmückt werden will? Wie eine Studie wirkt die langsame Untersuchung von glänzendem, mal grobem Schmuck auf salzig-rauer Haut. Zu Beginn erscheint mit einem Vers von Matthäus aus dem Neuen Testament eine weitere Salz-Referenz: "Ihr seid das Salz der Erde". Mit der Bergpredigt versucht der Evangelist auf die Relevanz der Aufrechterhaltung christlichen Glaubens aufmerksam zu machen, der durch Menschen fortgetragen wird. Überträgt man das Zitat aus dem Sakralen ins Profane und versucht es als allgemeingültige Phrase auf den Glauben in gesellschaftlichen Fortschritt zu beziehen, weist es im Kontext der Ausstellungen zuversichtlich auf eine dekoloniale Zukunft.


Ein weiterer Film im Videoraum ist "Illegal" vom nigerianischen Fotografen Daniel Obasi. Der in Lagos gedrehte Modefilm spielt mit futuristisch anmutender Genderfluidität aus einer zeitgenössischen afrikanischen Perspektive. Mit seiner Herangehensweise kann er als alternative Erzählweise von Modedesign gelesen werden, die die heteronormativen Grenzen zwischen "Mann" und "Frau" einzureißen versucht. Die Models im Film tragen ihr Haar im "Irun Kiko", in zu Fäden geknotetem Haaren. Diese Frisur symbolisiere Weiblichkeit und werde zumeist von jungen Mädchen, nicht aber von Jungs, getragen, wie Obasi im Interview mit "i-D" erzählte. Dadurch, dass Models jedweder Gender die Haare im gleichen Stil tragen, wird die Genderfluidität nochmals verstärkt.


Im "Afro Hair District" werden einerseits durch bebilderte Wandaushänge und andererseits durch einen Film Fragen im Zusammenhang mit Afro-Haar beleuchtet: Welche Namen die verschiedenen Frisuren tragen und welche kulturellen Bedeutungen teilweise mit den Stilen einhergehen. Welche Methoden und Chemikalien benutzt werden, um Haare beispielsweise zu glätten oder anderweitig zu transformieren. Auch in den projezierten Musikvideos, die neben der musikalischen Distribution auch als Vermittler zeitgenössischer afrikanischer Mode- und Haartrends fungieren, zwischen afrofuturistischer Mode und traditionellem Körperschmuck, geht es teilweise um die Liebe zu Perücken oder den "Natural Hair Movement", dessen Beteiligte sich vom Druck neokolonialer Schönheitsideale in Bezug auf Haar lösen möchten.

Haarchitektur

Meschec Gaba, der im Benin aufgewachsen ist und unter anderem an der Amsterdamer Gerrit Rietveld Akademie studiert hat, formt postmoderne und ikonische Architekturen mit traditionell geflochtenem Echthaar nach. Für die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum hat er sich im urbanen Raum Berlins umgesehen und Haar-Skulpturen entwickelt, die bekannte Gebäude und Gebilde wie den Fernsehturm, das Haus der Kulturen der Welt und den geschichtsträchtigen Wasserturm in Prenzlauer Berg repräsentieren. Die Skulpturen können wie Hut-Masken auf dem Kopf getragen werden und stellen dadurch eine künstlerische Verbindung zwischen den in der Ausstellung gezeigten Mode- und Haardesigns her. Zudem vermitteln die Arbeiten Meschec Gabas zwischen "Tradition und Globalisierung, national und transnationaler Identität, Berlin und Afrika".

Foto: © Charles Placide / VG Bild-Kunst Bonn 2019
Foto: © Charles Placide / VG Bild-Kunst Bonn 2019

Meschac Gaba "Perruques d’Architecture (Berliner Fernsehturn Mitte)", 2019

Foto: © Charles Placide / VG Bild-Kunst Bonn 2019
Foto: © Charles Placide / VG Bild-Kunst Bonn 2019

Meschac Gaba "Perruques d’Architecture (Café Moskau)", 2019

Dekoloniale Diskurse vermitteln

Im Gesamten wirkt die Gruppenausstellung "Connecting Afro Futures. Fashion – Hair – Design" wie ein einführender Einblick in afrofuturistische Modediskurse. Ein großer Schwerpunkt scheint in der niederschwelligen Vermittlung der Inhalte zu liegen. Die Ausstellungstexte auf den Stellwänden sind fast durchweg in einem leichten, verständlichen, manchmal etwas didaktischen Ton verfasst. Die tendenziell verständlichere Syntax erleichtert jedoch die Wissensaneignung, ohne zu sehr in dekolonialen, postkolonialen oder afrofuturistischen Diskursen zu verbleiben. Eine verständliche Sprache, die Ein- statt Ausschluss in einen kritischen dekolonialen Diskurs produziert, scheint angebracht in Anbetracht eines Themenfeldes, mit dem vermutlich erst wenige Besucherinnen und Besucher des Kunstgewerbemuseums Kontakt hatten. Zudem gibt es einen Lesebereich mit weiterführender Literatur.

Das Kuratorinnen-Team um Claudia Banz, Cornelia Lund und Beatrace Angut Oola bezieht BPOC-Positionen mit ein und erarbeitete die Ausstellung gemeinsam mit den partizipierenden Künstlerinnen und Künstlern auf projektorientierter Basis, wodurch versucht wurde, exkludierende und diskriminatorische Praxen des Kuratierens nicht zu reproduzieren. "Connecting Afro Futures" im Berliner Kunstgewerbemuseum ist in diesem Hinblick sicherlich wegweisend.