Bildband "Reenactment MfS"

Die Kamera als Machtapparat

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Im vergangenen November war die Berliner Mauer plötzlich wieder da. Zum 25. Jahrestag der Grenzöffnung war ihr Verlauf in einem dezenten "Reenactment" wieder sichtbar gemacht worden: Für drei Tage markierten fragil aufgeständerte weiße Ballons noch einmal die Teilung Berlins, dann diffundierten sie auf Kommando in den Himmel. Fast zeitgleich mit dieser überraschend unpeinlichen Gedenkveranstaltung, die poetisch, hell und federleicht geraten war, erschien "Reenactment MfS", das neueste Buch des Fotokünstlers Arwed Messmer. Schwarz und schwer wie Senkblei.

Der Berliner hat dafür im Archiv der Stasiunterlagenbehörde (MfS) geforscht und Akten über missglückte und gelungene Fluchtversuche, über die Tötung Flüchtender und Grenzsoldaten gesichtet. Mit dem Status eines Wissenschaftlers gingen ihm im Zeitraum von zwei Jahren zahllose Dokumente, Beweismittel, Fotos durch die Hände. Nur ein Bruchteil ging tatsächlich in das Buch ein, die meisten davon wurden zum ersten Mal reproduziert. Seine Funde, vor allem die Bilddokumente (Fachjargon: "gebrauchsfotografische Überlieferungen") sind ergreifend: nächtliche Tatort- und Täterfotografien, geöffnete Kofferraumdeckel, Fluchtwerkzeuge, Textilien mit Einschusslöchern, Blutspuren. Westdeutsche haben diese Bildsprache damals erlernt durch "Aktenzeichen XY … ungelöst" oder Fahndungsplakate, das alarmierend Gruselige daran greift heute immer noch.

In diesen Bildern steht der maximalen Nüchternheit einer Bestandsaufnahme die maximale Dramatik von Gewalt, persönlichem Scheitern und Tod gegenüber. Es gibt Objekte wie die drei Kleeblätter aus der Brieftasche eines älteren Herrn, der beim Überklettern einer Friedhofsmauer erschossen worden war. An der Grenze in Fahrzeugen entdeckte Flüchtende wurden genötigt, für Fotografen den Moment des Gefasstwerdens zu wiederholen. Dieses "Reenactment" war bürokratische Pflichtübung und unerbittliche Machtausübung zugleich, zu Angst und Einschüchterung kamen Scham und Erniedrigung. Die für die Kamera erzwungene Umarmung eines Paares, zusammengepfercht im Kofferraum, sollte seine letzte Berührung bleiben.

Doch wohlfeil empörtes Schaudern ist nicht der Effekt, den Messmer mit den noch nie gezeigten Dokumenten erzielen will. Ihn interessiert, wer ein Bild macht, und wozu. So wurde ein erschossener Grenzsoldat zunächst abtransportiert, der Leichnam dann aber noch mal an die Grenze zurückgebracht, um ihn westlichen Medien zu präsentieren – inklusive einer aus der Uniform-Tasche ragenden Orange.

Arwed Messmer hat das sorgfältig ausgewählte Archivmaterial dezent durch eigene Fotografien ergänzt (die Informationen zu allen Abbildungen finden sich in einem kleinen Begleitheft). Er suchte Orte auf, die für den Apparat strukturell wichtig waren – und die heute trist bis banal wirken. Zum Beispiel der "Ruheraum des Ministers" in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit.

Arwed Messmer findet in "Reenactment MfS" eine beeindruckende Haltung, die weiter geht als reine Dokumentation, und deren künstlerische Sprache trotzdem ohne Fiktionalisierung auskommt. Kürzlich erhielt der Fotokünstler das renommierte Stipendium der Krupp-Stiftung für Fotografie. Beworben hatte er sich mit einem Projekt, das sich dem anderen deutschen Nachkriegstrauma widmet, der RAF.

Arwed Messmer: "Reenactment MfS", Hatje Cantz, 256 Seiten mit 32-seitigem Begleitheft, 35 Euro

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