Künstler Robert Schmitt über seine Print-Leidenschaft

"Zeitung lesen hat Stil"

Foto: David Jenal
Foto: David Jenal

Robert Schmitt vor seiner Installation "I Paid For Content And I'm Proud Of"

Robert Schmitt kauft täglich fünf Zeitungen - und bewahrt sie auf. Jetzt zeigt er seine Sammlung von Druckerzeugnissen als Kunstinstallation in einer Ausstellung in Berlin. Ein Interview über das Glück des Lesens, den Geruch von Papier und den drohenden Verlust einer Kulturtechnik

Es riecht nach Papier, und die bloße Masse an Zeitungen und Zeitschriften ist beeindruckend, fast erschlagend. Bei Grzegorzki Shows, einem neuen Ausstellungsraum des Berliner Künstlers Gregor Hildebrandt im Erdgeschoss eines Industriekomplexes in Berlin-Wedding, hat Robert Schmitt Zeitungen gestapelt: Es sind Tonnen, die er in den letzten Jahren angesammelt hat. Zum Gespräch hat der Künstler eine kleine Bank zwischen die monumentalen Stapel gestellt. In seinem funktionalen Rucksack hat er eine Flasche Wasser und zwei Gläser mitgebracht. Dann setzt er an, zu einer flammenden Hommage an Print, Qualitätspresse und die Geste des Zeitungslesens.

Herr Schmitt, all diese Zeitungen und Zeitschriften gehören Ihnen. 
Ja, ein Konvolut dieses Jahrzehnts. All das habe ich am Kiosk oder beim Zeitschriftenhändler gekauft. Ich habe keine Abos. Es handelt sich um Qualitätspresse, das möchte ich sehr unterstreichen. "Die Zeit" kaufe ich als Wochenzeitung. Am Wochenende kaufe ich den "Guardian", die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", die "Financial Times Weekend" und besonders gerne die "taz". Unter der Woche kaufe ich die "Süddeutsche Zeitung", die "FAZ", den "Tagesspiegel" und die "Berliner Zeitung", also die zwei regional wichtigen und die zwei journalistisch etabliertesten großen bundesdeutschen Zeitungen. Ja, und die internationale Ausgabe der "New York Times".

Gibt es eine Zeitung, ein Heft, das Ihnen besonders im Kopf geblieben ist, oder versinkt alles in der großen Masse?
Da möchte ich zwischen Zeitungen und Zeitschriften unterscheiden. Bei den Zeitungen ist es schon ein Ozean, ja. Außer vielleicht hier ... (zieht eine Zeitung aus einem Stapel) Das ist eine komplette Wochenendausgabe der echten "New York Times". Ein wunderschönes Format, mehr als 100 Seiten dick. Das habe ich bewusst oben auf den Stapel gelegt. Bei den Zeitschriften gibt es gewisse Cover, die mir in Erinnerung bleiben. Tarantino auf der Monopol, Warhol bei "Vanity Fair", Sinatra auf der "Interview". Jede zehnte Zeitschrift, die ich in die Hand nehme, überzeugt mit ihrem Cover. 

Hat das Cover Einfluss auf Ihre Kaufentscheidung?
Nein. Oder besser: nur in seltenen Fällen. Es gibt Zeitschriften, die gehören zu meinem Monatseinkauf, darunter Monopol, "Vanity Fair" und "Spex". Wöchentlich kaufe ich "Der Spiegel", auch gerne mal "Tip" oder "Zitty". Lieblingspublikationen sind auch der "Lettre International", die "New York Review of Books" und die "Rochade", eine Schachzeitung. Dazu kommen andere Publikationen, je nach Tages- oder Monatslaune. Aber, und das möchte ich nochmal unterstreichen: Eine gewisse Qualität muss es haben. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine "Bild"-Zeitung gekauft und auch keine "Bunte" oder ähnliche Publikationen. Da gäbe es zwar noch den Aspekt der Sinnlichkeit des Papiers, aber für mich ist natürlich der journalistische Inhalt der jeweiligen Publikation entscheidend.

Wie liest jemand Zeitung, der sich so viele Zeitungen kauft?
Ich lese Zeitungen nach Tagesform, würde ich sagen. Es gibt Tage, da blättere ich meine fünf Zeitungen in ein paar Minuten durch, weil ich busy bin. Und es gibt Tage, an denen ich mir tatsächlich zwei große Kaffee gönne und einen Artikel nach dem anderen lese. Ich vertiefe mich in die "Seite Drei" der "Süddeutschen Zeitung" und lese vielleicht die letzten Theaterkritiken der Volksbühne, über die verschiedenen Blätter hinweg. Das ist von Tag zu Tag unterschiedlich. 

Was hat Ihre Sammel-Leidenschaft ausgelöst?
Ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich wollte die Zeitungen einfach nicht wegwerfen. Es muss irgendwo eine innere Verbindung geben. Oft ist da natürlich der Gedanke: Das könnte man ja nochmal lesen. Das passiert aber in den seltensten Fällen. Und dennoch hängt man dran. Ich habe im Alter von 13 oder 14 Jahren angefangen, Zeitungen zu lesen. Darüber hat sich ein Teil meines Weltbezugs hergestellt. Daraus ist eine Art von Liebe geworden, die sich im Sammeln ausdrückt. 

Wie lagern die Zeitungen bei Ihnen zu Hause?
In der Vergangenheit doch sehr heterogen, hier und da. Das Zusammenstellen für die Ausstellung war eine Katharsis. Jetzt herrscht wieder eine gewisse Zwischenordnung in meiner Wohnung.

Schmitts Installation "I Paid For Content and I'm Proud Of"

Die Ausstellung heißt "I Paid For Content And I’m Proud Of". Ist es ein Problem unserer Zeit, dass viele Inhalte im Internet kostenfrei zugänglich sind?
Es ist schwer zu sagen, welche Geschäftsmodelle eine Zeitung letztlich verfolgen sollte. Ich persönlich kann nur sagen, dass ich es auch stilvoll finde, eine Zeitung zu kaufen und zu lesen. Ich möchte da wirklich den Stil unterstreichen. Und ich möchte die Problematik unterstreichen, dass hinter der Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft eine ganze Ökologie von intellektuell schreibenden und journalistisch arbeitenden Menschen steht, die entweder genährt oder ausgetrocknet werden kann. Unserer Gesellschaft geht nicht nur die Qualität in den Zeitungen verloren, sondern auch eine Kulturtechnik, wenn wir niemanden haben, der den Schreibenden ihr Schreibprodukt abnimmt. Diese Menschen müssen dann andere Dinge machen. Es ist ja durchaus ein Beruf, mit dem sie ihr Geld verdienen. Es ist nicht ihr Hobby. Durch die ganzen Blogs und den free content im Internet denkt man leicht, Schreiben sei ein Hobby. Das wäre ein Missverständnis. Es gibt in meinen Augen keine bessere Benutzerschnittstelle zu dem journalistischen Produkt als die Zeitung, die man mit offenen Händen und mit einem Blickfeld, das auch eine gewisse Größe darstellt, liest und rezipiert. Die Rezeption vom kleinen Screen erzeugt erstmal eine eher engstirnige Aura.

Schreiben Sie selbst?
Ich habe selbst noch nicht für Zeitungen geschrieben. Ich schreibe selbst, in der Tat, immer mal wieder ein wenig. Eventuell wird es Publikationen von mir geben, aber ich muss die eigene Qualität richtig einschätzen. Wenn man von der Rezipientenseite kommt, und ich kam das immer, war Leser, Hörer, Betrachter, dann weiß man, wie gut das auf der anderen Seite ist und hat auch eine gewisse Ehrfurcht davor. Jetzt ein Buch zu schreiben oder ein Theaterstück zu veröffentlichen, um das einmal gemacht zu haben aus einem gewissen Narzissmus heraus, das möchte ich mir nicht erlauben. Aber Leser sind immer potenzielle Schreiber, insofern ist die Frage schon angebracht. Ich würde mich gerne auf der Rezipientenseite halten, wenn ich nicht so unzufrieden wäre mit der kulturellen Entwicklung, der Trivialisierung und dem schwierigen Verhältnis zur Ehrlichkeit und dem Verlust von Sinnlichkeit und damit Sinnhaftigkeit. Digitalen Content kann man nicht anfassen. Das kann man hier in der Ausstellung, und das haben bei der Eröffnung auch viele gemacht. Es riecht hier auch nach Papier. Das sind sinnliche Komponenten, und wieweit Sinnlichkeit mit Sinnhaftigkeit zusammenhängt, finde ich eine sehr wichtige Frage.

Womit verdienen Sie ihr Geld?
Ich hatte und habe ein hohes mathematisches Talent, das sich in verschiedensten technologieorientierten Aufgabenstellungen unterbringen lässt. 

Wie lange wird man noch Zeitungen kaufen können?
Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, dass sich in den nächsten wenigen Jahren Dinge tun werden, die man sich jetzt noch nicht so ganz vorstellen kann. Die Digitalität ist auf einem Höhepunkt angekommen, auf einer schwülen Übermächtigkeit und viele denken: Es reicht. Facebook ist nicht mehr cool. Es war cool, vor fünf bis acht Jahren. Aber der Ansatz, alles zu digitalisieren und die Menschen nur noch mit ihren Handys durch die Gegend laufen zu lassen, wird auch Gegenreaktionen auslösen. Menschen werden sich einen neuen Purismus oder zumindest eine Ruhezone suchen. Was passiert, weiß man immer erst, wenn es passiert. Generell glaube ich aber, dass es Zeitschriften leichter haben als Zeitungen. Zeitschriften können wie Vinyl ein Nischenformat sein. Das Zeitschriftenangebot war sowieso schon immer durch eine größere Fluktuation gekennzeichnet als das Zeitungsformat. Es gibt die Möglichkeit, dass eine postdigitale Zeit anbricht mit einem wichtigen Platz für Zeitungen. Oder aber alles wird komplett gecrasht. Es ist alles möglich. 

Ist es schmerzvoll, sich jetzt von den Zeitungen und Zeitschriften zu trennen, nach sieben, acht Jahren? 
Ich habe keinen Archivgedanken in dem Sinne, dass ich jetzt die Frage beantworten will, was am 7. September 2004 in der "Süddeutschen Zeitung" stand. Es ist in der Tat eine sinnliche Verbindung, die mich an den Inhalten festhalten lässt. Aus ganz grundsätzlichen Gründen ist es aber empfohlen, nach ein paar Jahren in seinem Leben einen Strich zu machen und zu gucken, was wirklich wichtig ist. Es geht darum, mit einem gewissen Schmerz, aber auch mit einer gewissen Befreiung Sachen auszusortieren und dann befreit in die nächste Phase einzusteigen, wo wieder Platz im Regal ist und Zimmer in der Wohnung frei. Für mich ist das Weggeben verbunden mit Nostalgie und Melancholie, aber auch mit einer Zukunftszuweisung. Wir hätten hier übrigens die Zeitungen der letzten 30 Jahre, wenn sich meine Freunde und Bekannten nicht immer geweigert hätten, bei meinen Umzügen die Zeitungen mitzunehmen. So mussten von Umzug zu Umzug die Zeitungen weg.

Die nächste Sammlung befindet sich aber jetzt schon im Aufbau. 
Ja. In zehn Jahren gibt es das nächste Werk.

Ihre Zeitungen und Zeitschriften kann man jetzt kaufen, so wie sie hier liegen. Was kosten sie? 
Das klärt man im Gespräch mit dem Sammler. Ebenso die Frage, wie mit der Arbeit umzugehen ist. Es handelt sich um eine Installation, sie wäre also sicherlich in einer gewissen Ähnlichkeit wieder aufzubauen. 

Sind Sie ein Verrückter oder Fetischist?
Ein Fetischist bin ich nicht. Verrückt bin ich schon, ein eingestandener, hoffentlich humorvoller, Verrückter. Leider sind zu viele laute, schrille, dünkelhafte Verrückte unterwegs, und leider gerade auch in der Politik, als dass man heute mit Verrücktsein kokettieren sollte. Bezeichnen Sie mich doch lieber als exzentrischen Gourmant!

 

Eine englischsprachige Version des Interviews gibt es hier/Find the English version of the interview right here