Bitte nicht schießen!

Eine kurze Geschichte des Kunst-Vandalismus

Fanatiker sprengen Statuen, Schizophrene zerschlitzen Leinwände, Laien ruinieren wertvolle Gemälde. Aus welchem Grund? Und warum sind so viele Künstler ebenfalls Bilderstürmer?

Ein Samstagabend in Detroit, März 2002. Das Museum of New Art hatte zu einer Ausstellungseröffnung eingeladen: "MONA goes kaBOOM!". Das Thema der Schau war Vandalismus in der Kunst, die didaktische Umsetzung vielversprechend: Man durfte einige ausgewählte Objekte fallen lassen, zerbrechen, zermatschen. Zur Einstimmung wurde eine Nachbildung von Man Rays "Object to Be Destroyed" mit einem Hammer entzweigeschlagen, ganz nach der Anleitung des Künstlers.

Dann allerdings gerieten die Dinge außer Kontrolle. Am Ende der Nacht hatten Besucher in Marcel Duchamps Urinal "Fountain" gepinkelt, darin ein Feuer entzündet und es zerschlagen. Mit einer kleinen Abrissbirne, die Teil einer Installation war, wurden die Museumswände attackiert. Eine Performerin, die in Erinnerung an Yoko Onos "Cut Piece" das Publikum aufgefordert hatte, ihr mit Scheren das Brautkleid zu zerschneiden, flüchtete weinend und nackt vor dem Mob. Mit Mühe konnte das Aufsichtspersonal die Museumsbesucher davon abhalten, den Laden komplett niederzubrennen. Was blieb, war ein Haufen Schutt, dazu die Wörter "Fuck Art Rules", die jemand an die Wand gesprayt hatte.

Wehe, wenn sie losgelassen. Wo Kunst ist, ist auch ihre Zerstörung: Diese Regel gilt, seitdem zum ersten Mal ein Mensch ein Bild in eine Höhlenwand kratzte. Staatlich organisiert, gehört Bilderstürmerei zur Kunst der Kriegführung. Wer gewinnt, löscht die Bildnisse des anderen aus und ersetzt sie durch das eigene Konterfei. Die monotheistischen Religionen sehen es grundsätzlich: "Du sollst dir kein Bildnis machen", diktierte Gott dem Mose in die Steintafel. Seitdem gibt es immer wieder Angriffe gegen die Ikonenverehrung des Volkes. Die Ikonoklasten, wie man die Bilderfeinde seit byzantinischen Zeiten nennt, halten die Anbetung eines Bildes für Gotteslästerung. Die protestantischen Reformatoren entkleideten die Kirchen ihres dekadenten Schmucks und ruinierten dabei nicht wenige wertvolle Kunstschätze des Abendlandes. Luther selbst versuchte den Übereifer zu dämpfen, als er predigte: "Die Bilder sind weder gut noch böse."

Racheakt der Unterlegenen

Eine Weisheit, die auch 300 Jahre später bei den Sansculotten der Französischen Revolution nicht wirklich ankam: Sie attackierten die Bilder des Ancien Régime, um jede Erinnerung an die alte Ordnung auszulöschen. Herrschaft über Bilder ist eine Frage politischer Macht. Man kann die Zerstörungswut aber auch psychologisch interpretieren, als einen Racheakt der Unterlegenen: Zerstöre, was besser und schöner ist als du. Leiden Vandalen an Minderwertigkeitskomplexen?

Da würden die revolutionär gestimmten Geister widersprechen. Sie applaudieren dem historischen Hammer. Wie der Futurist Filippo Tommaso Marinetti, der in seinem Manifest von 1909 gemeinsam mit der alten Ordnung auch alle Museen pulverisiert sehen wollte, oder der russische Avantgardist Alexander Rodtschenko, der 1920 die Kunst als "Schönheitspflaster auf dem widerwärtigen Leben der Reichen" schmähte und sie dem Leben selbst unterordnen wollte.

Als die Hitzköpfe der historischen Avantgarden auftraten, wurde die Kunst zum ersten Mal aus dem eigenen System heraus angegriffen: Die Künstler selbst wurden Ikonoklasten, sie vertrieben das Gegenständliche aus dem Bild und malten die Leinwand schwarz. Doch ihr Ziel, die Grenzen zwischen Kunst und Leben einzureißen, erreichten sie nicht: Stattdessen traten sie eine neue Bilderlawine los, entfesselten neue Schönheiten, die der Abstraktion. Auch die Dadaisten, die ähnliche Bildzerstörungspartys veranstalteten wie später das Detroiter MONA, setzten damit der Kunst kein Ende, sondern erfanden neue Spielarten: Happening, Aktionskunst. Mit Duchamps Nihilismus ist das Repertoire der Künstler-Ikonoklasten komplett. Die "Mona Lisa" bekommt einen Schnurrbart, ein Pissoir wird Skulptur, und beides landet am Ende im Museum.

Die Nazis versuchten die Uhr noch einmal zurückzudrehen und diffamierten die Werke der Avantgarde als "entartet" – ein gescheiterter Versuch, die Kunstgeschichte umzuschreiben.

Vandalismus aus Trotteligkeit

Bilderstürmerei aus politischen Gründen kommt in aufgeklärten, säkularisierten Gesellschaften seitdem nicht mehr vor, so dachte man – bis die Sowjetunion zusammenbrach und die Sieger zahlreiche Stalins und Lenins demontierten. Um die sozialistisch-realistischen Rauschebärte einschmelzen zu können, musste man ihnen allerdings erst das Prädikat "kulturell wertvoll" entziehen. Denn kulturelles Erbe gilt als schützenswert, egal ob es den neuen Machthabern gefällt oder nicht. Zumindest dem eigenen Selbstverständnis nach überlässt der aufgeklärte Staat von heute die Aggression gegenüber Kunstwerken den Fundamentalisten – spektakulärster Fall war die Sprengung der großen Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban 2001.

In den sogenannten aufgeklärten Gesellschaften dürfen heute nur noch Stadtplaner und Architekten in großem Stil sprengen und zerstören, und selbst die werden von Denkmalschutzgesetzen zunehmend daran gehindert. Ansonsten ist die Bilderstürmerei an Privatleute outgesourct. Wunderbare Lachnummern sind immer Fälle von Vandalismus aus Trotteligkeit: Man denke nur an die spanische Rentnerin, die im August das bröckelnde Jesus-Bild in ihrer Kirche restaurieren wollte und es stattdessen in eine absurde Fratze versemmelte. Oder an den reichen Sammler Steve Wynn, der Besuchern seinen kostbaren Picasso zeigte und beim begeisterten Herumfuchteln mit dem Ellenbogen ein Loch in die Leinwand stieß.

Doch häufiger als solcher Vandalismus aus Liebe ist natürlich jener aus Hass, oftmals verübt aus geistiger Verwirrung. Erfolgreichster Attentäter in der Geschichte der Moderne war ein Deutscher: Hans-Joachim Bohlmann (1937–2009) attackierte zwischen 1977 und 2006 über 50 Gemälde in deutschen Museen und landete dafür immer wieder in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten. Man erklärte die Taten mit einer Persönlichkeitsstörung. Seine bevorzugte Waffe gegen die Meisterwerke von Rubens, Rembrandt oder Dürer war Säure, die Gesichter waren das Ziel seiner Auslöschungsversuche.

Ressentiment gegen die zeitgenössische Kunst

Der geisteskranke Attentäter, der aus Angstzuständen handelt, behandelt die Bilder wieder wie der Gläubige die Gottessymbole: Er schreibt ihnen Macht zu und versucht sie zu bannen. Wenn Werke der Moderne Ziel der Aggression werden, mischt sich in die paranoide Motivation der Angreifer gelegentlich Ressentiment gegen die zeitgenössische Kunst an sich. Und das ist auch außerhalb psychiatrischer Anstalten anschlussfähig. Seitdem die Avantgarde ihre eigenen, unverständlichen Wege geht, fühlt sich ein nicht geringer Teil des Publikums abgehängt, düpiert, veräppelt und brennt darauf, es den bildverweigernden Bildern mit gleicher Münze heimzuzahlen.

"Ein kleiner Beitrag zur Sauberkeit", sagte der Student Josef Kleer zu seinem Angriff auf Barnett Newmans "Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue", das er 1982 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin beschädigte. Er hatte wohl den Titel wörtlich genommen und erklärte, er habe Angst vor dem Bild gehabt. Die Leserbriefschreiber der "B.Z." mochten den Anschlag kaum bedauern: Das Bild hätte von jedem Anstreicherlehrling genauso gemalt werden können, hieß es. Eine andere Version des Bildes wurde 1986 im Amsterdamer Stedelijk Museum mit einem Messer mehrfach zerschlitzt. Vor Gericht verteidigte sich der Attentäter mit antimodernistischen Thesen.

"Fuck Art Rules" wird zu: Fuck Art!

Es gibt unzählige Versuche, der zeitgenössischen Kunst mit solchen vandalischen Akten beizukommen: Im Schutze der Nacht färbt man Rodin-Statuen pink, schlägt der bunten Kopie von Michelangelos "David" von Hans-Peter Feldmann die Männlichkeit ab, und unter dem Einfluss von viel Alkohol reibt man auch mal seinen nackten Hintern an einem Klassiker des abstrakten Expressionismus: so die Amerikanerin Carmen Tisch, die auf ein Gemälde von Clyfford Still in einem Museum in Denver einschlug, die Hose herunterließ und davor urinierte. "Fuck Art Rules" wird zu: Fuck Art! Man könnte das Gleiche vielleicht auch mit einem Porsche machen oder einem anderen Statussymbol. Aber im Falle eines Kunstwerks der Avantgarde ist die allgemeine Schadenfreude höher: Warum ein Porsche teuer ist, können die meisten nachvollziehen. Was an einem Barnett Newman so toll sein soll, dass Sammler dafür Millionen bezahlen, ist schon weniger verständlich.

Die latente Aggression der Ausgeschlossenen mag auch einer der Gründe dafür sein, warum die Geschichten nach dem Modell der weggeputzten Beuys-Fettecken immer wieder so gern erzählt werden. Die Maler haben die gelbe Schliere in der Zimmerecke nicht als Kunst erkannt? Die Putzfrau den Kalkfleck entfernt, der zur Kippenberger-Installation gehörte-Installation gehörte? Der Müllmann die Skulptur einfach eingepackt? Kein Wunder, recht haben sie, ätzt so mancher auf dem Sofa – wenn die Kunst sich nicht mehr vom Alltag unterscheiden will, wird sie eben auch wie ein Alltagsgut behandelt. Nicht unwahrscheinlich, dass man die vielen versehentlichen Verklappungsfälle in der zeitgenössischen Kunst als geradezu lustvoll begangene freudsche Fehlleistungen einer von ihrer Kunst genervten Gesellschaft interpretieren muss.

Zumal die Künstler selbst ja nicht damit aufhören, ihre Kollegen unter dem Deckmantel von Happening und Aktionismus in ödipaler Wut anzugreifen. Der damalige Graffiti-Künstler und spätere Galerist Tony Shafrazi gab seiner Karriere einen beachtlichen Kick, als er 1974 auf Pablo Picassos "Guernica" die rätselhaften Wörter "KILL LIES ALL" sprayte. Er behauptete, er habe das Werk revitalisieren wollen – ähnlich wie der unbekannte Künstler Mark Bridger, der 1994 schwarze Tinte in einen Behälter schüttete, der Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegtes Schaf enthielt. Das Schaf entschwand den Blicken, bis die Restauratoren die Tinte wieder entfernten.

Bridger fand, er habe im Dienste der Kunst gehandelt, die ständig neue Schöpfung und Ideen erfordere. Hirst fand das nicht lustig und verklagte den Kollegen. Die Kunstgeschichte wird Bridgers Beitrag nicht verzeichnen; wenn der Machtlose den Mächtigen angreift, hinterlässt das selten Spuren. Gleichzeitig mit dem ungehinderten Blick auf das Schaf verteidigt Hirst auch einen beachtlichen Geldwert.

Ist das nun wieder magisches Denken?

Die zeitgenössische Kunst mag seit Duchamp noch so sehr das Konzept des Originals infrage stellen: Ein beherzter Angriff auf eines ihrer Werke zeigt sofort, dass das Kunstsystem weiter an das eine, von Künstlerhand legitimierte Werk glaubt, glauben muss. Denn nur das Original garantiert den Wiederverkaufspreis. Als 1986 die erwähnte Version von Barnett Newmans "Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue" im Stedelijk mit einem Messer angegriffen worden war, ging das Bild zum Restaurator. Der reparierte nicht nur die zerschlitzten Stellen, sondern übermalte die gesamte Farbfläche neu – woraufhin die Museumskuratoren erst recht verzweifelten: Damit habe er das Bild endgültig zerstört. Ist das nun wieder magisches Denken? Und der spirituelle Modernist Newman ein Schöpfer neuer Götzenbilder?

Sicher ist: Der Anblick eines zerstörten Kunstwerkes tut nicht nur den Investoren weh. Eine zerschlitzte Leinwand lässt erschauern wie eine offene Wunde, ein gekerbter Skulpturenkopf macht Kopfschmerzen. Vandalismus wirkt – wenn auch nicht im Sinne der Aggressoren. Denn er rückt uns die Kunst näher und zeigt, was es zu verteidigen gilt.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Monopol-Ausgabe 10/2012

Bronzeskulptur "Zwei Störche" des Bildhauers Philipp Harth