Konkrete Kunst

Gefühlswelten der Geometrie

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Auf der Art Karlsruhe ist in diesem Jahr die Sammlung Peter C. Ruppert für konkrete Kunst zu Gast, die sonst im Kulturspeicher in Würzburg zu sehen ist. Über den Zauber einer sperrigen Kunstrichtung

An einem grauen Januartag fließt draußen eiskalt, in versifftem Grüngrau der Main am Kulturspeicher Würzburg vorbei. Selbst den sonst so freundlichen Weinbergen vor der Tür geht heute jede Strahlkraft ab. Zuflucht in eine farbigere Welt bietet nur das Museum – und was für eine Zuflucht.

Die Sammlung Konkreter Kunst des 1934 geborenen und in Berlin lebenden Peter C. Ruppert und seiner Frau Rosemarie präsentiert sich im Kulturspeicher Würzburg in sechs Räumen auf drei Etagen als Dauerleihgabe. Sie ist mit dem Draußen natürlich schon allein deshalb nicht zu vergleichen, weil die Konkrete Kunst jene Sparte der Moderne ist, die jedes Abbild realer Gegenständlichkeit ablehnt und sich um 1910 eine völlig neue bildnerische Welt schuf – und dies bis heute tut. Ihre Mittel sind: Fläche, Raum, Linie, Farbe, Hell-Dunkel, Licht und Bewegung. So berühmt wie berüchtigt ist dabei die Affinität der Konkreten Kunst zur Mathematik, sie spielt gern mit geometrischen Gesetzen, Zahlen und mathematischen Ordnungsprinzipien. Dieser Rechenfetisch verleiht ihr den Ruf, spröde zu sein, übertrieben rational, theoretisch konstruiert, sinnlich kaum zu erfassen.

An wenigen Orten kann man sich so ausgiebig vom Gegenteil überzeugen wie in der Sammlung Peter C. Ruppert, die in diesem Jahr auch auf der Art Karlsruhe in einer Sonderschau zu Gast ist.

Schon zur Eröffnung des Museums im Würzburger Kulturspeicher 2002 galt sie als eine der umfassendsten Sammlungen europäischer Konkreter Kunst nach 1945. Damals umfasste sie 238 Werke aus 30 Jahren Sammeltätigkeit, heute sind es schon 403 Werke aus knapp 47 Jahren: Gemälde, Skulpturen, Objekte, Arbeiten auf Papier von 262 Künstlern aus 23 europäischen Ländern.

Peter C. Ruppert begann bereits 1970 mit gelegentlichen Käufen: ein Siebdruck von Günter Fruhtrunk hier, eine frühe Grafik von Jean Dewasne dort. Der Gedanke an ein Ordnungsprinzip seiner Werke, die Begrenzung auf den Zeitraum nach 1945 und Europa kamen erst viel später dazu, als dem Vermögensverwalter plötzlich klar wurde, dass da eine handfeste Sammlung Konkreter Kunst entstand. Heute besteht sie zum großen Teil aus charakteristischen Einzelwerken verschiedenster Konkreter Künstler und der regionalen, europäischen Strömungen, innerhalb derer sie tätig waren. Nur im Fall von Günter Fruhtrunk und Heijo Hangen hat Ruppert dieses Prinzip aus Gründen persönlicher Bewunderung bereitwillig unterbrochen – von ihnen sind ganze Werkgruppen ausgestellt.

Die Präsentation der Sammlung Ruppert steht in Würzburg unter dem Motto "Rendezvous der Länder". Die Reise beginnt in den Ursprungsländern der Konkreten Kunst: der Schweiz und den Niederlanden, wo sich 1937 mit dem Wortführer Max Bill, den Künstlern Richard Paul Lohse, Camille Graeser und Verena Loewensberg als Kernmitgliedern erstmals die Künstlergruppe "Allianz" zusammenschloss und Austausch mit der holländischen Gruppe "De Stijl" pflegte. Durch insgesamt sechs Räume geht es durch ganz Europa und bis in die Gegenwart, in der die Konkrete Kunst sich unabhängig vom Zeitgeist immer weiter entwickelt. "Was einmal mehr zeigt, dass die Kunst keine Grenzen kennt, zumindest keine politischen", wie Ruppert es formuliert.

Aus einer früheren "Fotoecke" ist so eine ganze Sektion Konkreter Fotografie mit Werken von Gottfried Jäger, René Mächler oder Wolfgang Tillmans geworden, die klassische Methoden wie das Lochblendenverfahren, aber auch neue, experimentelle digitale Methoden nutzen. Und aus der ehemaligen "British Corner" ist mit Werken des Künstlerpaars Barbara Hepworth und Ben Nicholson, von Bridget Riley oder Antho­ny Caro ebenfalls ein neuer Schwerpunkt herangewachsen, der heute als Besonderheit der Sammlung gilt – außerhalb Großbritanniens befinde sich nirgends eine dermaßen große Ausstellung britischer Konkreter Kunst wie hier in Würzburg, so der Sammler.

Auf die Frage, wieso es ihm ausgerechnet die Konkrete Kunst angetan habe, erklärt Peter C. Ruppert: "Ich habe schon immer ein Faible für Aphoristik gehabt und schreibe auch selbst hin und wieder Aphorismen, mit denen ich meine Einsichten und Erkenntnisse festhalte. Diese Reduktion auf das Wesentliche hat für mich eine Entsprechung in der Konkreten Kunst." Er habe diese Kunst im Übrigen entgegen allen Vorurteilen nie als blutleer empfunden; im Gegenteil, Form und Farbe hätten für ihn eine besonders intensive ästhetische Ausstrahlung, da sie durch keine Ablenkung eingeschränkt würden.

Und tatsächlich, das erlebt jeder, der die Sammlung besucht: Die Begegnung mit Konkreter Kunst ist eine zutiefst emotionale Angelegenheit. Zu Beginn ertappt man sich beim Betrachten der Werke noch ständig beim Herstellen von Analogien mit Gegenständlichem: Ist das da bei Friedrich Vordemberge-Gildewart nicht ein Fußballfeld mit Spielern? Hat jenes von Manfred Luther nicht etwas von einer Mondfinsternis? Und jenes "Trennendes-Bindendes" von Günter Fruhtrunk, hat das nicht etwas von einem Bleistift, nein, einer gelben Straße, die … – doch irgendwann schwindet das Gewohnheitsdenken und wird zur beinahe spirituellen Erfahrung. Immer öfter scheint das Gesehene plötzlich zur Beschreibung des eigenen Gefühlslebens, sozialer Dynamiken, Grundfragen des Lebens zu werden: Bin das Quadrat nicht ich, wie ich aus meiner Familie herausfalle? Sind jene rotierenden Lichtreflexe die Reflexe meines Denkens im Schlaf? "Wir empfinden ohne Unterlass. Aber wenn wir unsere Empfindungen nicht ins Bewusstsein ziehen, wenn wir sie nicht in allgemein verbindlichen Formen festhalten, weht der Wind alles weg", sagte der für die wissenschaftlich interessierten Konkreten Künstler einflussreiche Schweizer Mathematiker Andreas Speiser einmal.

Vielleicht bildet die Konkrete Kunst genau das ab: Ahnungen der verborgenen Strukturen des Lebens. Beziehungsgeflechte. Geburt, Leben, Tod. In fast allen Bildern findet man Bewegung. Ihre Farben, Formen, Dimensionen ändern sich je nach Blickwinkel und werfen Fragen auf: Was bedeutet es, Bilder zu begreifen, die keine Abbilder von etwas sind, das wir aus der gegenständlichen Welt kennen? Wie frei, wie mutig sind wir wirklich in unserem Denken? Und vor allem: Was geschieht, wenn wir unsere Position ändern? Keine unwichtigen Fragen für ein Europa, dessen Entwicklung – wie die der Sammlung – noch völlig offen ist.

UPDATE: Dieser Text ist zuerst im Monopol-Sonderheft zur Art Karlsruhe erschienen, das unserer Ausgabe 2/2019 beiliegt. Peter C. Ruppert ist am 11. Februar verstorben

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