Bildanalyse

Warum uns Beyoncés und Jay-Zs Louvre-Video nicht loslässt

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150 Millionen Mal wurde Beyoncés und Jay-Zs Louvre-Performance allein auf Youtube aufgerufen. Jetzt bekannte auch Museumschef Jean-Luc Martinez, dass das Video der Hip-Hop-Stars seinem Haus einen Besucherrekord beschert habe. Was macht diese sechs Minuten so besonders? Die Künstlerin und Theoretikerin Grada Kilomba analysiert den "Apeshit"-Clip Bild für Bild

The Carters


Ich muss bei dieser Konstellation an bell hooks Essay "Love as a practice of freedom" denken. Dass Familien auseinandergerissen werden, ist seit Zeiten der Sklaverei ein Trauma der afroamerikanischen Community und insgesamt der afrikanischen Diaspora: Väter und Mütter wurden gewaltsam von ihren Familien getrennt, Kinder verloren ihre Eltern, ihre Geschwister. Ähnliches erleben wir auch gerade jetzt wieder an den US-Grenzen. Bell hooks erinnert in ihrem Text an Martin Luther King, der den Liebesdiskurs als zentral für jede revolutionäre Bewegung erachtete. Sie beschreibt aber auch, wie die Ermordung Kings und anderer Bürgerrechtler zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung führte. Gegen diesen Schmerz wurde als Schutzwall das Postulat maskuliner Härte des schwarzen Mannes errichtet. Der Liebes-Diskurses wurde auch in progressiven, linken Bewegungen zugunsten materieller Fragen verdrängt, Egoismus ersetzte Empathie. Der Rapper-Macho etwa verkörpert diese Ideen. Dagegen setzt bell hooks auf die Liebe als Kraft der Befreiung. In diesem Sinn treten Beyoncé und Jay-Z vereint unter ihrem ehelichen Namen The Carters auf, Jay-Z, dem im gesamten Apeshit-Video eher die Nebenrolle zu kommt,  verkörpert einen neuen, sensibleren Rapper-Typus, und sie nennen ihr Album "Everything is Love".

Warum der Louvre, warum die "Mona Lisa"?

Der Louvre ist das Sinnbild von Exzellenz und Genie, er steht für die Kunstgeschichte und historischem Ruhm, aber diese Geschichte ist weiß und männlich und entstammt der Epoche des Kolonialismus. Die Carters besetzen dieses Gebäude, das auf dem Fundament kolonialer und imperialer Beutezüge steht. Sie durchkreuzen diesen Raum der Geschichte, die wir uns üblicherweise abstrakt und körperlos erzählen, mit ihrer physischen Präsenz. Sie performen black excellence. Interessant finde ich dabei auch, dass Beyoncé – obwohl sie eine großartige Tänzerin ist – sich kaum bewegt. Die beiden manifestieren sich als Skulptur, nur die Kamera bewegt sich um sie herum wie der Blick eines Museumsbesuchers: Was wäre, wenn wir, die Carters, hier stünden? Wie performen wir in diesem Ort der "universellen" Kunstgeschichte? In dieser minimalistischen Choreografie steht Beyoncé als lebendiges Kunstwerks vor der ikonischen "Mona Lisa". Man beachte die Anordnung: Im Hintergrund liegt die Vergangenheit, im Vordergrund die Gegenwart: neue Körper, neue Ideen von Schönheit.

Die Krönung

Die Idee der Selbstermächtigung wird in dieser Szene weitergeführt, in dem sich Beyoncé vor das Gemälde "Le Sacre de Napoléon" von Jacques-Louis David, dem offiziellen Maler Napoleons, stellt. Das Bild stellt die Krönung Josephines durch Napoleon dar, der sich selbst gerade zum Kaiser gekrönt hat. Beyoncé nimmt im Video Josephines Platz ein und schreibt damit die Geschichte imperialer Eroberungen um. Sie singt dazu die Zeile "Gimme my check, put some respect on my check", was mich an James Browns Album "The Payback" erinnert. Die Zeit der Wiedergutmachung ist gekommen.

Draußen

Immer wieder springt das Video von Innenaufnahmen des Louvre nach draußen – zu Menschen, denen der Zutritt verwehrt wird. In dieser Szene sehen wir zunächst eine kniende antike Skulptur, dann aber eine Gruppe junger schwarzer Männer auf einem Platz vor dem Museum. Ihre Pose gleicht jener der Skulptur. Zugleich aber erinnert sie auch an den Protest von US-Footballspielern wie Colin Kaepernick, die sich beim Abspielen der Nationalhymne niedergekniet hatten, um ein Zeichen gegen Rassismus, Ungleichbehandlung und Polizeigewalt zu setzen.

Das Rätsel der Sphinx

Die große Sphinx von Tanis steht sinnbildlich für all die Schätze, die während der Kolonialzeit geraubt wurden und von denen es heute immer heißt, sie könnten leider nicht zurückgegeben werden. In der Ödipus-Sage belagerte die Sphinx die Stadt Theben und gab den vorbeikommenden Thebaner
Rätsel auf. Wer falsch antwortete, wurde gefressen. Das Rätsel der Sphinx lautete sinngemäß: "Was ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig?" Erst Ödipus konnte die Frage beantworten und die Thebaner damit befreien: Es ist der Mensch, der am Morgen seines Lebens, solange er ein Kind ist, auf zwei Füßen und zwei Händen kriecht. Am Mittag seines Lebens geht er auf zwei Füßen, am Lebensabend bedarf er der Stütze als Gehhilfe. Hinter der Sage steht die Idee, dass jemand, der keine Stimme hat, zum Untergang verdammt ist. Du musst dich selbst erkennen, du musst deine Geschichte und die Wahrheit kennen, sonst stirbst du. Im Video blickt die Sphinx auf den Betrachter und fragt uns: Wer ist im Louvre? Wer muss draußen bleiben? Welche Geschichten werden erzählt, welche "universelle Kunst" meinen wir? Mit einem Kopftuch geschmückt verwandelt sich Beyoncé in dieser Szene selbst zur Sphinx. Sie dekonstruiert den Zirkel der Gewalt durch ihre Choreografie.

Das Finale

Am Ende des Videos stehen die Carters erneut vor der "Mona Lisa". Allerdings drehen sie sich diesmal langsam um und richten ihren Blick auf das Gemälde. Die Geste ist wie ein Aufruf zu einem neuen Blick auf die "Mona Lisa": Was sehen wir jetzt, da wir uns die Geschichte der Kolonialisierung und Unterdrückung bewusst gemacht haben, in dieser weltberühmten Ikone?

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